Immer am Wollen messen

Was wäre die beste Büro-Monografie? Keine Frage, eher ein leiser Seufzer über den nicht enden wollenden Drang seitens der Architektenschaft, ihre Arbeiten zwischen zwei Buchdeckel zu packen. Das machen die einen so, die anderen in Jahrzehnte übergreifendem Publizieren von Werksammlungen nach chronologischer Ordnung.

Wenige dieser Publikationen, die in der Regel komplett eigenfinanziert sind und also als Markteting-Instrument angeschaut werden sollten, haben Wirkung, längeren Nachhall (Vitrus nicht vorhandene zehn Bücher ausgenommen, vielleicht noch das Gesamtwerk Le Corbusiers?). Was auch daran liegen mag, dass die Produktionszyklen häufig gelegenheitsorieniert sind und keinem erkennbaren Schema folgen. Es entstehen Dopplungen und uns wird am Ende nichts Neues geboten. Warum also noch über Monografien berichten?

Die vorliegende, zweibändig große Softcoverproduktion aus dem Hause Chipperfield Architects hat dann aber doch gelockt. Neugierig darauf, wie sich ein international renommiertes Architekturbüro uns allen vorstellt. Anders als vergleichbare? Die zwei Bände, zusammengehalten von einer schmalen Papierbinde, zeigen im ersten Teil einmal die frühen Arbeiten, im zweiten Band dann die Arbeiten, die David Chipperfield selbst als aus der Zeit „post-Neues-Museum“ stammend bezeichnet. Womit er auf die Wirkkraft dieses international gefeierten Projekts referenziert, die sich bis heute in den vielen Chipperfield-Bauten zeigt. Excellente Fotografie, Skizzen, Zeichnungen aller Art und kurze Projekt­texte auf mattem Weiß gedruckt zeigen die teils sehr bekannten Arbeiten, dazwischen eingebettet immer wieder Doppelseiten mit DC-Design-Produkten. Es gibt neun Essays des Herausgebers, die auf wesentliche Aspekte der Arbeit verweisen und Kategorien wie Komposition, die Bewältigung des Ortes als Raum, das Objekthafte oder auch „On Sustainability“ an Projekten mit Bezug auf die Kunst- und Baugeschichte deklinieren. Dass „On Sustainability“ mit dem Verweis auf „outstanding BREEAM“ daherkommt, überrascht angesichts des Chipperfield-Fokus auf Bauen im Bestand!

Es gibt Projektcredits – hier immer mit „Design lead“, selten David Chipperfield –, ein ausgewähltes und dennoch umfangreiches Werkverzeichnis mit ongoing-projects, es gibt eine Minibiografie des Architekten wie Kurzportraits der mittlerweile vielen Büros weltweit. Dass man sich wunderte über die zwei beziehungsweise drei schwarzen kleinen Punkte auf den Buchrücken, löst sich schließlich – nicht zur Gänze – durch den Griff ins Regal auf: Hier steht bereits eine Chipperfield-Projekte-Monografie aus dem Jahr 2015, ebenfalls Walther König (noch ohne den Franz König), auf dem Buchrücken nur einen Punkt. Editorischer Wirrwar? Der Überschnitt in der Projektedarstellung ist vorhanden, man könnte sich auf die Detailsuche machen, die sicherlich interessante Divergenzen zu Tage förderte.

Die drei/zwei Bände sind ein Überblick über eine lange Arbeits- und Produktionsstrecke, die zu perfekt daher kommt, als sie uns die große Teamarbeit, die dahintersteckt, vermitteln könnte. Dass hier – wie in allen diesen Arbeiten – eine freundlich kritische Außensicht fehlt, ist am Ende der Wahrheit geschuldet, dass wer zahlt, die Musik bestimmt. Schaden aber würde es nicht. So müssen wir selbst uns hinsetzen, mitten hinein in den Diskurs über Sustainability beispielsweise, und das Gebaute am Wollen messen. Oder Band 1 mit den aktuellen Bänden 2 und 3 synoptisch reagieren lassen. Be. K.

Chipperfield Architects 1985-2014 / 2015-2024. 2 Bde. Hrsg. v. Rik Nys. Walther König, Köln 2025, insges. 664 S. mit 800 (500 Farb-) Abb., Pläne

90 €, ISBN 978-3-7533-0762-6

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