Zuhörraum

Ein Raum zum Zuhören

Zuhören will gelernt sein: Ziel eines Design-Build-Projekts am Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren der TU München war, dem  Münchner Verein „Momo hört zu“ einen Raum für ihre Tätigkeit zu entwerfen. Der Verein setzt sich für die Wertschätzung und Vermittlung der Tätigkeit des Zuhörens ein. Um diesem Vorhaben Sichtbarkeit, aber vor allem eine angemessene räumliche Übersetzung zu geben, haben Student:innen einen mobilen Raum entworfen, der ganz auf das Zuhören zugeschnitten ist.

Text: Josef Eglseder, Philipp Konrad


Foto: Matthias Kestel

Foto: Matthias Kestel

Aufgabe unseres Design-Build-Projekts war, einen mobilen Zuhörraum für den Verein „Momo hört zu“ zu entwerfen, der ganz auf die Arbeitsweise des Vereins ausgerichtet ist. Die Nutzung des Raums sieht so aus: Eine ausgebildete Zuhörer:in befindet sich zu bestimmten Öffnungszeiten vor Ort. Menschen, die das Bedürfnis haben, etwas von sich zu erzählen, können unkompliziert, ohne Termin oder Voranmeldung, den Raum betreten, anfangen zu erzählen und die Zuhörer:in schenkt ihnen Gehör. Für uns als Architekturstudent:innen war diese Entwurfsaufgabe nicht alltäglich. Spannend war für uns die Frage nach der passenden Form für einen „Zuhörraum“, der zum einen im Inneren Geborgenheit vermitteln muss, um eine intime und vertrauliche Atmosphäre zu schaffen, und gleichzeitig von außen einladend wirken soll, um dazu anzuregen sich zu nähern.

Foto: Matthias Kestel

Foto: Matthias Kestel

Annäherung
Als Einstieg in das Thema das Zuhörens haben wir gemeinsam einen Zuhörworkshop belegt, in dem wir unter fachkundiger Anleitung erfahren haben, was es eigentlich bedeutet, seinem Gegenüber wirklich aufmerksam zuzuhören und sich dabei auf das Zuhören an sich zu fokussieren, ohne mit den eigenen Gedanken abzuschweifen. Ausgehend von dieser Erfahrung haben wir mit unseren Entwürfen begonnen. Da es sich um ein sehr kleines Gebäude handelt, konnten wir von Anfang an viel in Modellen arbeiten und 1 : 1 ausprobieren, z. B. in welchem Abstand es überhaupt angenehm ist, sich beim Zuhören gegenüber zu sitzen oder wie eine angemessene Eingangssitua­tion aussehen kann. Im Lauf des Semesters entstanden aus diesen Überlegungen vier Entwürfe von acht Studierenden, aus denen unsere Arbeit zur Umsetzung ausgewählt wurde.

Foto: Matthias Kestel

Foto: Matthias Kestel

Entwurfsidee

Die Kerngedanken unseres Entwurfs sind zum einen die Idee eines Turmzimmers, in dem das Zuhören abgehoben von der Umgebung seinen Platz findet, und zum anderen eine U-förmige Bank, die mit ihrer Form unterschiedlichste Varianten des gegenüberliegenden Sitzens ermöglicht. Als konstituierendes Element definiert sie die Form des Raums. In Kombination mit dem Höhenversatz wird die Verlängerung der Bank im Eingangsbereich zur Theke. Sie ist das einzige Möbelstück und lässt die Funktion des Raums selbstverständlich erscheinen.

Foto: Matthias Kestel

Foto: Matthias Kestel

Der Raum weist drei Öffnungen auf, die entscheidend für die Nahbarkeit sind. Das sind die Eingangstür, die mit Vordach und Rampe akzentuiert ist, das gerundete, öffenbare Fenster auf der Stirnseite, das mit einer Blechhaube überdeckt ist, und als drittes eine Festverglasung über der Eingangstheke. In Kombination mit der äußeren Rundung und der leicht abfallenden Dachlinie entsteht ein skulpturaler, fein komponierter Körper. Er spielt zwar mit bekannten Elementen, erzeugt dabei aber einen ganz eigenen Ausdruck.

Foto: Matthias Kestel

Foto: Matthias Kestel

Die Konstruktion besteht großteils aus Dreischichtplatten mit aufgebrachten Vollholzständern, zwischen denen ausgedämmt wurde. Die Umsetzung fand in der 1 : 1 Design-Factory der TU München statt. Alle acht Studierenden aus dem Entwurfssemester waren daran beteiligt. Von den Füßen, über die Bodenplatte, die Wände und die Fenster bis zum Dach haben wir alles in Eigenarbeit erstellt. Weil der Raum so klein ist, mussten wir sehr präzise arbeiten. Es gab dabei einige knifflige Stellen, z. B. das Herstellen der Rundung aus den Dreischichtplatten oder das Einpassen der Fassade.

Axonometrie
Abb: Josef Egelseder, Philipp Konrad

Axonometrie
Abb: Josef Egelseder, Philipp Konrad

Insgesamt hatten wir in diesem Design-Build-Projekt die Möglichkeit zu sehen, wie aus unseren Zeichnungen und Modellen ein fertiges, gebautes Projekt wird, wie aus unserem 1 : 10 Modell der gebaute Raum entsteht. Diese Erfahrung war für uns als angehende Architekt:innen sehr besonders.

Abb: Josef Egelseder, Philipp Konrad

Abb: Josef Egelseder, Philipp Konrad

AUTOREN

Josef Eglseder ist 31 Jahre alt, studiert im 5. Semester M.A. Architektur im Mentorenprogramm Holzarchitektur an der TU München und arbeitet am Lehrstuhl für Architektur und Holzbau an der TUM. Vor seinem Studium hat er die Ausbildung zum Schreinermeister abgeschlossen.

Philipp Konrad ist 26 Jahre alt, studiert im 6. Semester M.A. Architektur im Mentorenprogramm Holzarchitektur an der TU München und arbeitet bei Hrycyk Architekten BDA in München.

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