Eher ein Katalog

Wer die jährliche Ausstellung der Architektenkammer Berlin im Frühjahr verpasst hat, muss nicht verzweifeln. Anlass für die gut besuchte Veranstaltung war die Veröffentlichung des Jahrbuchs der AK, das sich seit 2011 als eine kuratierte Sammlung von Projekten Berliner Büros präsentiert. Mit themenbezogenen Essays beteiligt und positioniert sich die Kammer damit auch im aktuellen Diskurs der Architekturlandschaft.

Insgesamt 60 Projekte, von einer unabhängigen Jury ausgewählt, sind in jeweils acht Kategorien untergebracht: Wohnen, Gewerbe, Infrastruktur, Gesundheit und Soziales, Bildung und Wissenschaft sowie Freiraum- und Stadtplanung. Die Projekte variieren innerhalb einer Gruppe in ihrem Maßstab: Kleinere Innenarchitekturprojekte folgen auf große Wohnungssiedlungen. Doch diese sollen nicht in Konkurrenz zueinander stehen – im Gegenteil. Wie sagt man so schön: Die Vielfalt macht es: eine Sammlung, die zeigen soll, was Berlin kann, und das nicht nur innerhalb der eigenen Landesgrenzen, sondern auch weit darüber hinaus.

Doch so richtig vielfältig wirkt die Sammlung nicht. Zwar prägt eine mittlerweile etablierte Ästhetik der Nachhaltigkeit die Seiten – repräsentiert durch helles Holz und maßgeschneiderte Einbauten – aber wirklich Experimentelles fehlt. Die Frage, was Architektur in und aus Berlin heute ausmacht, bleibt somit unbeantwortet.

Die Publikation liest sich eher wie ein Katalog und weniger wie eine baukulturelle Auseinandersetzung mit aktuellen Trends oder (städte-)baulichen Notwendigkeiten.

Erfrischend informativ sind die fachlichen Beiträge, die auch als Kapiteltrenner funktionieren. Dort wird das Experimentelle diskutiert, verteidigt oder spekuliert. Die Themen sind so gewählt, dass sie urbane Praxis mit baulichen und gestalterischen Aufgaben kombinieren. Hier veranschaulichen unter anderem Themen wie die Litfaßsäule und das Schwimmbad, dass Architektur manchmal weniger mit Gebäuden und mehr mit den historischen, sozialen, kulturellen und ökologischen Akteurinnen einer Stadt zu tun hat. Dafür stehen auch viele der ausgewählten Projekte. Mit etwas mehr Mut, sich klarer zu positionieren, käme das sicherlich noch mehr durch. AGh

Architektur Berlin – Jahrbuch. Hrsg. v. der Architektenkammer Berlin. Dt./engl. Braun Publishing AG, Salenstein 2026, ­

184 S., 370 Abb.

35 €, ISBN 978-3-03768-313-2

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