Diskursproduktiv

Dass wir mit Metabolismus die Metabolisten verbinden, liegt in der Rezeptionsgeschichte dieser aus Japan kommenden und auch nach Europa tradierten Architekturströmung. Wie auch in anderen gestalterischen Disziplinen arbeiteten die Metabolisten mit Strukturen, die anpassbar, veränderbar, steuerbar sein mussten, um das Zukünftige machbar gestalten zu können. Es ging also auch um eine Bilderproduktion, die der viel früheren organischen Bewegung einen SF-Hintergrund bot, der sich in allerdings nur wenigen, dafür aber umso prominenteren gebauten Beispielen Platz in der Architekturgeschichte sicherte; der 2022 schließlich abgerissene Nakagin Capsule Tower von Kishō Kurokawa etwa ist ein solches Beispiel.

Dass der Metabolismus in der Architektur allerdings auch sehr radikal und grundsätzlich zur Anwendung kommen kann, das haben erst in den letzten Jahren Protagonistinnen verschiedener Disziplinen und Nationalitäten erarbeitet. Zwei Architekturausstellungen in Venedig und in der estnischen Hauptstadt Tallinn zeigten hier Beispiele metabolistischer, also stoffwechselhafter Prozesse und Projekte, die wiederum – und das ist zentral im Stoffwechsel – Kreisläufe repräsentieren, im weitesten Sinne Stoffkreisläufe. Womit wir mitten im Thema sind.

Das Austarierte als etwas Grundsätzliches aus dem globalen Maßstab mit beinahe noch prä­human intakter Ökologie auf das lokal Gebaute zu übertragen, das versucht die vorliegende Publikation zu zeigen, die sich dezidiert auf die ­Biennale in Tallinn 2022 bezieht („Edible; Or, the Architecture as Metabolism“). Untersucht werden sechs miteinander in Beziehung stehende Räume wie Küche, Lagerraum, Toilette oder auch der Garten, in denen Materialien transformiert und verstoffwechselt werden und die gleichzeitig das Gebilde „Haus“ umformen (könnten, wenn man es zuließe). Zu jedem dieser Räume gibt es übergreifende Essays wie auch „Rezepte“, also Hinweise darauf, wie Metabolismus architektonisch wirksam wäre … wenn. Wenn wir akzeptieren könnten, dass Gebautes nicht von Dauer sein kann, wenn wir akzeptierten, das Körperausscheidungen Teil des Kreislaufs sind, wenn wir unsere (Essens-)Reste nicht als lästigen Überfluss, sondern als nutzbaren Luxus anschauen könnten.

Die Publikation, die von skizzierten Bauideen nur so wimmelt, ist schwere Kost. Hier ein Lichtstrahl, dort ein Nachdenken, da schier unmöglich Nachvollziehbares (Produktives) und auch nur schwer Erträgliches, gemessen an dem, wie wir heute noch leben (wollen). Die meisten Gedanken sind allerdings auch nicht neu. Neu ist möglicherweise­  die Aufforderung, bestehendes und längst nicht mehr hinterfragtes Wissen neu, also ganz anders anzuschauen und anders zu befragen. Ob wir am Ende dann in einer Umgebung leben werden, die sich ständig verändert, die abstirbt und neu geboren wird, die inkorporierter oder separierter Teil unseres Selbst geworden ist, das wird die Zukunft zeigen, eine Zeit, die wir nur denken, kaum  schon vorstellen können. Damit ist dieser Sammelband eine gute Klammer, beinahe wie eine Glaskugel, deren Gebrauch wir in der Regel verachten, hier aber einmal mit Gewinn benutzen könnten. Wenn wir wollten.⇥Be. K.

Building Metabolism. Recipes for Food and Resource Cycles. Hrsg. v. Lydia Kallipoliti u. Areti Markopoulou. Actar Publishers, New York/Barcelona 2025, 384 S., zahlr. Farb- u. sw-Abb.

45 €, ISBN 978-1-63840-180-3

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