Die gute alte Zeit in 30 Jahren: Zuhause am Tempelhofer Feld

Es gibt sie immer wieder, die Vorschläge von Architektinnenseite, wie man ein ganzes Quartier gestalten könnte. Ungefragt vielleicht, aber professionell ganz sicher, werden dann Pläne in die Welt gesetzt in der Hoffnung, jemand möge anbeißen. Wir haben angebissen und schauen zum Tempelhofer Feld, einem möglichen Zuhause für 50 000 Menschen.

Vor knapp einem Vierteljahrhundert, im Jahr 2003, beschrieb der damalige OB Berlins, Klaus Wowereit, in einem Interview den (moralischen) Zustand seiner Stadt mit dem zum Werbeslogan geronnenen „Wir sind zwar arm, aber trotzdem sexy.“ Das „arm, aber sexy“ wählte der oberste Stadtrepräsentant als eine Art von Standortbestimmung, es war als ein Angebot gedacht: Wir sind bereit, Immobilienverwerter aller Länder!

Heute ist – auch von Stadtseite – längst vom „Ausverkauf“ die Rede. Von der Wiedervereinigung bis 2018 wurden rund 320 000 Wohnungen aus städtischem Besitz veräußert, 2 000 ha ehemals stadteigener Fläche kommen dazu. Dass dieser, man muss es sagen, Verlust auch vor dem Hintergrund der vielfach moralisch begründeten Restitution von Immobilienbesitz geschah, erklärt die Geschwindigkeit der Verausgabung wie zugleich die Explosion der Preise: Viele Alteigentümer oder Erben verkauften das Zurückgegebene, statt es selbst zu nutzen oder zu halten.

Das Motto „Betongold“ ist in jedem Neubaugebiet sehr unverschämt abzulesen, immer lauter hintermalt vom „Wohnraummangel“ und in Folge vom „Wohnungsbauprogramm“, das „bezahlbaren Wohnraum“ schaffen soll. Heikle Wahlen stehen an. Dass dabei gerade im noch immer löchrigen Berlin für den Neubau Restflächen mobilisiert werden – zuletzt und krachend gescheitert mit der „Werkbundstadt“ am ehemaligen Industrieareal „Am Spreebord“ in Charlottenburg – ist der leichteste Schritt. Auch aus Sicht von Architektinneninitiativen, bei der „Werkbundstadt“ waren es 32 Büros, jedes durfte ein Wohnhaus mitbringen. Die Initiative „Zuhause am Tempelhofer Feld“ – für eine Wohnstadt mit rund 21 000 Einheiten – wird von zwei Büros getragen. Hans Kollhoff und Tobias Nöfer sind Inititatoren und Planer zusammen mit dem Immobilieninves­tor Hamid Djadda. Der hat sich schon mal mit „Nirgends kann man so schnell und so risikolos und so bequem Geld verdienen wie mit Immobilien“ im Deutschlandfunk geäußert. Zu den drei Playern kommt noch die IHK, verständlich.

Die Freifläche ist Herzenssache, der Rest sind Mietshäuser

Die sich selbst als Initiative bezeichnende Planer-/Investoren-/Interessensvertretungsgruppe „Zuhause am Tempelhofer Feld“ hatte Anfang Juli im Rahmen einer Online-Pressekonferenz ihr Konzept für die Zukunft des Tempelhofer Felds vorgestellt; „ein neues“, wie sie feststellen, tatsächlich gibt es seit vielen Jahren ungezählte Anläufe am ehemaligen Flughafen. In den Mittelpunkt stellt die Initiative sehr geschickt und zugleich sehr überflüssig die Gründung einer gemeinnützigen Stiftung, die das ehemalige, riesige Flugfeld dauerhaft als öffentliches Gut sichern möchte. Überflüssig ist das, weil mittels eines Volksentscheids 2014 zum Erhalt des Tempelhofer Felds noch im gleichen Jahr das „Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes (ThF-Gesetz)“ in Kraft trat. Ein anderer Volksentscheid aus 2008 hatte sich noch mehrheitlich für den Erhalt des da schon zur Stilllegung vorbereiteten Flughafenbetriebs ausgesprochen, allein das verfehlte Quorum verhinderte hier ein mögliches Chaos in den Flughafenplanungen von Land und Stadt. Tempelhof wurde 2008 stillgelegt.

„Ergänzend“ zum Erhalt der Freifläche schlägt die Initiative eine „behutsame Randbebauung“ vor, „um dringend benötigten Wohnraum zu schaffen“. Mit ihrem Vorschlag möchte die Initiative einen neuen Impuls in einer seit Jahren festgefahrenen Debatte geben. Das Initiativen-Konzept sieht vor, den Rand des rund 300 ha großen Areals für eine maßvolle Wohnbebauung zu nutzen. Das Tempelhofer Feld mit seinen rund 200 ha bliebe unbebaut, es soll „dauerhaft als öffentliche Grün- und Freifläche gesichert und auch künftig zu den größten innerstädtischen Freiräumen Europas zählen“ á la Hyde-Park, Central-Park, Bois de Boulogne ...

Typologisch beziehen sich die Architekten bei den geplanten Bauten auf das „Berliner Haus“, besser bekannt als Berliner Mietshaus. Auf den Blockrand gesetzt – wobei die Blöcke nicht rechteckig sind, sondern leicht verformt in Anlehnung an die annähernd runde Mitte – bilden sie die bekannte Hinterhofbebauung, hier in zahlreichen Variationen. Siebengeschossig, jeweils mit unterschiedlichen Fassadenausbildungen, bieten die Haustypen auf jedem Geschoss 2, 4, 6 bis 12 Wohneinheiten.

Einfache Bauten für 7 000 €/m² Wohnfläche

Über die Ausführungsdetails (Material, TGA, Vorfertigungsgrad etc.) gibt es in diesem frühen Stadium nichts, man setzt jedoch – als eine der drei Projektsäulen – auf das „Einfache Bauen“. Was das sein könnte? Der Quadratmeterpreis Erstellungskosten/Wohnung liegt bei 3 800 €/m², bei Verkauf kalkuliert man mit Einnahmen von 7 000 €/m². Deuten diese Schätzzahlen auf Einfaches Bauen? Deuten sie auf bezahlbaren Wohnungsbau? Mieten für eine Wohnung am Tempelhofer Zuhause werden mit 16 €/m² angegeben, Nebenkosten kommen dazu. Möglichen Investoren wird mit der Berliner WFB 2026 Wohnungsbau- und Wohnraumförderungsbestimmungen Geschmack gemacht, als Gesamtbaubudget sind rund 7,9 Mrd. € aufgerufen.

Darin enthalten sind nicht die Lärmschutzanlage beispielsweise, ein Großteil der südlichen Neubebauung grenzt an eine Bahntrasse und die A100, im Westen an die vierspurig ausgebaute B99 und im Norden an den stark befahrenden Columbiadamm. Überhaupt die verkehrliche Ein- und Anbindung. Wie eine Kleinstadt mit vielleicht 50 000 Einwohnerinnen aus dem Tempelhofer Zuhause in die umliegende Stadt bringen?

Eigentlich geht es nur um einen Vorschlag

Dass es Streit um die Nutzung der riesigen Frei- und eigentlich Restfläche gab und gibt, dass hier die Fronten unversöhnlich erscheinen, dass alle Argumente für oder wider eine Bebauung (auch des Randes) ausgetauscht und am Ende zur Wahrung eines Status Quo führten (für das Rollfeld), das alles erscheint sehr bekannt. So sehr, wie das Bild, das hier von einer Initiative in die Welt gesetzt ist, das uns eine schöne heile Wohnwelt verspricht mit Nachbarschaft und Zukunftstechnologie, Verantwortung und natürlich bunten Drachen an Kinderhand über der ehemaligen Kerosinpistenlandschaft.

Verantwortung für die Zukunft übernehmen?

Doch eigentlich – ich erwähnte es bereits – geht es der Initiative auch gar nicht ums Bauen. „Der Kern des Vorschlags“, so die Initiative, „ist die Überführung des eigentlichen Tempelhofer Feldes in das Eigentum einer gemeinnützigen Stiftung. [...] Sie verfolgt keine wirtschaftlichen Interessen, sondern ausschließlich den in ihrer Satzung festgelegten Auftrag, nämlich den langfristigen Schutz, die Pflege und die behutsame Weiterentwicklung des Tempelhofer Feldes für die Allgemeinheit.“ Vielleicht sollten die Architekten diesen Kern auf das Gebaute ausweiten, Käufer und Nutzerinnen in die Verantwortung nehmen, in die Realisierungsprozesse einbinden, in die Pflege, ins Quartiergeschehen insgesamt. „Der Vorschlag [zum Umgang mit dem Flugfeld; Be. K.] knüpft an die Berliner Tradition von Selbsthilfe und bürgerschaftlichem Engagement an und eröffnet die Möglichkeit, dass Bürgerinnen und Bürger selbst Verantwortung für die Zukunft ihrer Stadt übernehmen.“ Das sollte doch auch für die zukünftige Wohngemeinschaft gelten, dann könnten wir vielleicht in 2040 bunte Drachen überm Feld fliegen sehen und Fassaden, die an die gute alte Zeit erinnern. Einfach, aber sexy eben.

⇥Benedikt Kraft/DBZ

www.entwicklungsstadt.de

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