Dem Freistaat Bayern eine Chance

Bröckelnde Fassaden, plötzliche Stromausfälle, marode Toiletten, zu dunkle Flure und zunehmender Raummangel angesichts gestiegener Aufgaben: Das Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße in München wird abgerissen. Und auch, weil sich die Bauherrin eine Sanierung vor Ort bei laufendem Betrieb nicht zutraute, gehen die Richter:innen und ihre Teams nun aus dem Zentrum hinaus und bauen am Leonrodplatz neu. Die Baugrube dort ist längst ausgehoben, wie auch die ursprünglich kalkulierten Kosten von 234 Mio. € sich laut Presseberichten der 400 Mio. € Marke nähern.

Das alte, demnächst freigeräumte Grundstück nahe dem Herzen der Stadt möchte die Justiz, der Freistaat, nicht unbedingt verkaufen, man könne hier, so der oberste Chef der Behörde, Justizminister ­Georg Eisenreich, unter anderem neue Staats­bedienstetenwohnungen unterbringen. Doch bevor das so kommt, macht sich eine Initiative auf den Protestweg. Mitte Januar ging die „Initiative JustizzentrumErhalten“ an die Öffentlichkeit und schlägt im Wesentlichen Stadt und Freistaat vor, das Gebäude zu erhalten und es umzubauen: „Nutzen Sie das Objekt, um in dieser ausgezeichneten Lage einen beispielhaften, kommerzarmen Ort für die Stadt zu schaffen“, fordert die Initiative, die von namhaften Persönlichkeiten und Verbänden unterstützt wird, so vom Bund Deutscher Architekten, der Deutschen Umwelthilfe, Green City, von Professor:innen für Städtebau und Denkmalpflege der Hochschule und der TU – unterschrieben hat tatsächlich auch Ex-Stadtbaurätin Christiane Thalgott.

Konkreter schlägt die Initiative den Landes- und Stadtvertreter:innen vor: „1. Erhalten Sie das Justizzentrum! Nutzen Sie das Objekt, um ein Modellprojekt des Umbauens zu beginnen. 2. Nutzen Sie das Objekt, um in dieser ausgezeichneten Lage einen beispielhaften, kommerzarmen Ort für die Stadt zu schaffen. 3. Nutzen Sie es, um eine Plattform für einen wirklich offenen Diskurs zwischen Öffentlichkeit, Politik, Verwaltung und Fachwelt aufzubauen! Die dadurch gemachten Erfahrungen werden Ihnen sicherlich bei ähnlichen Fragestellungen immer wieder helfen.“

Was daraus wird? Ein Lehrstück in jedem Fall, allerdings eines, das negativ wie positiv wirken kann. Stadt und Land sind nun am Zug. Sie könnten glänzen nach all den Jahrzehnten, in denen sie den Altbau zusehends heruntergewirtschaftet haben, sie könnten glänzen und – gerade auch mit Blick auf Berlin – endlich einmal  wirkliche Avandgarde sein, im wortwörtlichen Sinne. Diese Chance zu nutzen, dazu Glückauf, wie man hier im Norden sagt! Be. K.

www.abbrechenabbrechen.de

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