s’Hüsle mit HolzstrickBahnwärterwohnhaus, Bregenz/AT

Die Bewohner Vorarlbergs haben eine besondere Beziehung zu Holz. Mit einer großen Dichte an innovativen Handwerksbetrieben und regional verwurzelten, bautechnisch anspruchsvollen Architekten ist die Tradition des Holzbaus allgegenwärtig. Trotz einer Vielzahl heraus­ragender Beispiele und internationaler Bekanntheit finden sich immer wieder unerwartete Kleinode, wie das ehemalige Bahnwärterhaus in Bregenz/AT.

Die Entwicklung des Tourismus in Vorarlberg gab den Aus­schlag für den Bau der Bahnlinie Lochau – Bludenz. 1871 erbaut, wurde das Bahnwärterhaus an der Bregenzer Reichsstraße bis in die 1960er-Jahre als Dienstsitz genutzt. Nach dem Auszug der letzten Mieterin 2012 veräußerte die Österreichische Bundesbahn ÖBB die Immobilie in einem Bieterverfahren, das der Architekt Christoph Kalb nach zwei Angebotsrunden für sich entscheiden konnte. Dass sich der Schätzwert des 190 m² großen Grundstücks von 52 000 € um ein Mehrfaches erhöht hat, erklärt sich durch die besondere Lage des Objekts.

Kontext

Obgleich das Grundstück nur wenige Meter vom Seeufer des Bodensees entfernt liegt, ist die Lage als auffällig städtisch einzuordnen. Eingekesselt zwischen der stark befahrenen Landesstraße und der Bahnlinie liegt das Bahnwärterhaus auf einem schmalen Grundstück mit Blick auf den See. Die anliegenden Grundstücke waren für die ursprüngliche Planung, die Bahnlinie zu erweitern, erworben und freigeräumt worden. Nach dem Scheitern dieser Planung wurde der
schmale Streifen zwischen Straße und See zur unverbaubaren Freifläche umgewidmet, das bislang ungenutzte Seeufer renaturiert und mit einer öffentlichen Promenade und Aufenthaltsbereichen gestaltet.

Neubau oder weiterbauen?

Obwohl das Grundstück als Freifläche ausgewiesen ist, durfte der Bestand oder ein Neubau wegen der bestehenden Bebauung laut Baurecht um bis zu 50 % erweitert werden. Mangels Grundfläche konnte das Erweiterungspotential nur in der Höhe ausgenutzt werden. „Wir standen vor der Entscheidung: Neu bauen oder den Bestand weiterbauen?“, erklärt Christoph Kalb und führt weiter aus. „Nehmen wir die bestehende Typologie auf und setzen eine neue Kiste drauf oder reißen wir den Bestand ab und bauen eine Skulptur aus Beton? Wir haben viele Varianten durchgespielt.“ Der Zufall hat die Entscheidung erleichtert. Beim Abbruch der bestehenden Putzträgerplatten im Obergeschoss kam ein sehr gut erhaltener Holzstrick zum Vorschein. Danach war klar, dass der Strickbau in die Planung integriert und die bestehende Struktur funktional und nach ökologischen Gesichtspunkten optimiert werden sollte. Strickbau ist eine Form alpinen Blockbaus mit hochentwickelten Eckverbindungen.

„Es ist schon selten, einen unverbauten Bestand und dazu noch

einen so gut erhaltenen Strickbau zu finden“, erinnert sich Holzbauer Kaspar Greber. „Normalerweise verändert sich im Laufe der Jahre die Funktion der Räume und damit die ursprünglichen Materialien. Ungewöhnlich ist auch die Qualität der gut erhaltenen Strickwand, das zeugt vom Anspruch des damaligen Bauherrn in der Auswahl hochwertiger Materialien und der Wertschätzung der Handwerkskunst.“ Diese Erkenntnis teilt auch der Architekt Kalb: „Es war interessant, dass obwohl das Holz über 140 Jahre alt war, es beim Schneiden der Wand noch wie frisch gerochen hat.“ Wie in den Zeiten, wo Bauteile aus Holz für neue Gebäude recycelt wurden, wurde der alte Holzstrick als Innenwand von Putzresten befreit und auf Sichtqualität gebürstet.

Innere Organisation

Die bestehenden Vor- und Rücksprünge wurden zugunsten eines kompakten Baukörpers ausgeglichen. Die Kunst bestand darin, die notwendigen Funktionen auf 95 m² ohne nutzbaren Keller und mit extrem wenigen Abstellflächen zu organisieren. Für den Ausblick wurde der Wohnraum mit Küche und Essbereich in das Obergeschoss verlegt, während im Erdgeschoss ein Schlafzimmer, Bad und Arbeitszimmer Platz finden. Eine zusätzliche Ebene ergänzt mit einer Leseecke, Gäste-WC, Technikraum und einem teilweise überdachten Freisitz das Raumprogramm. Zum alten Holz wurde als bewusster Kontrapunkt eine weiße Decke gewählt, während die großformatigen Öffnungen mit Laibun-gen aus Weißtanne bekleidet sind. Als Ergänzung zu den bestehenden Bauteilen aus Fichte wurde die heimische Weißtanne auch für den Boden gewählt. Die ansprechende Haptik der offenen Struktur – die Dielen wurden gelaugt, geseift und gebürstet – trägt zum angenehmen Raumklima bei. Ein offener Treppenraum verbindet die Ebenen mit-
einander und unterstreicht den fließenden Übergang der Nutzungen. Ein 22 m² großes Hybridsystem aus Photovoltaik und Warmwasserkollektor zur Warmwasseraufbereitung befindet sich auf dem Dach und liefert den benötigten Strom. 2,5 m³ Holz – als Schwemmholz vom See aus dem natürlichen Kreislauf geliefert – reichen im Jahr aus, um den Ofen im Wohnraum, einen angeschlossenen Wärmetauscher, Pufferspeicher und Fußbodenheizung bei Bedarf zu aktivieren.

Hülle/Holzbox

„Wir hatten schnell ein Bild im Kopf, wie das Gebäude aussehen muss“, beschreibt Chris-toph Kalb die Herangehensweise und führt weiter aus: „Eine homogene Hülle, über den Bestand gestülpt, soll dem Körper eine Einheit geben.“ Die kompakte Form und die sorgsame Anordnung von Öffnungen zur Vermeidung von Wärmeverlusten im Winter sind der gewünschten Energieeffizienz geschuldet. Die nicht übermäßig vorhandenen statischen Reserven des Mauerwerks im Erdgeschoss machten eine Aufstockung in Holz nötig.

Für die Konstruktion der Holzbox wählte Architekt Kalb einen herkömmlichen Holzelementbau, der als energie- und flächensparendes Leichtbausystem weitgehend vorgefertigt und in kurzer Montage wirtschaftlich herzustellen ist.

Um die Ungenauigkeiten des Bestands zu nivellieren und keine Hohlräume entstehen zu lassen, wurde eine gedämmte Ausgleichs­ebene mit einer Stärke von 40 – 60 mm eingefügt.

Die spezielle Lage erforderte ein besonderes Augenmerk auf den Schall-, Schwingungs- und Strahlenschutz. So ist das Gebäude nach dem Prinzip des Faraday‘schen Käfigs mit einem umlaufenden Netz gegen die äußeren Einflüsse der Hochspannungsleitung abgeschirmt. Um den Schallschutz und die Schwingungen in der leichten Konstruk-tion in den Griff zu bekommen, wurde mit dem Bauphysiker am Gewicht der Dämmung in den Decken und Fassadenelementen getüftelt. Aus brandschutztechnischer Sicht sind für ein Einfamilienhaus dieser Größe keine weiteren Maßnahmen zu treffen.

Logistik und Montage

Im Holzbauunternehmen von Kaspar Greber wurden die Fassaden-, Dach- und Deckenelemente inklusive der Integration von Haustechnik und Nischen für Einbauten vorgefertigt. Nicht die eigentliche Anlieferung und Montage stellte die Holzbauer vor eine Herausforderung, sondern die besonderen Sicherheitsvorkehrungen in der unmittelbaren Nähe der Hochspannungsleitung der Bahntrasse. Die vier Seiten der Fassade wurden jeweils in einem Stück angeliefert und montiert. Die Montage der Brettstapeldecke erfolgte in Bauteilen von 90 cm Breite. Dank der zuvor installierten Ausgleichsschicht zum Bestand konnte das Aufstellen der tragenden Bauteile und damit die Standsicherheit in einem Tag gewährleistet werden. Nach weiteren 36 Stunden war der Holzkubus wind- und regendicht. Der Einbau von Fenstern und Türen sowie die Montage der äußeren Bekleidung aus Weißtanne erfolgten erst vor Ort. Waren die Fensteranschlüsse ursprünglich bündig mit der Fassade geplant, wurden diese zur Vermeidung von Schallbrücken leicht hinter die Schichtstärke der äußeren Bekleidung zurückversetzt.

Dem ehemaligen Bahnwärterhaus ist durch sensible und kluge Eingriffe ein zweites Leben geschenkt worden – die Auszeichnung mit dem Vorarlberger Holzbaupreis 2015 für Sanierung und Aufstockung könnte keine schönere Belohnung dafür sein. Eva Maria Herrmann, München

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