Bez + Kock Architekten

Neubau der Stadthalle Lohr

Extravagant waren die Pläne des Stuttgarter Architekturbüros Bez + Kock für den Neubau der Stadthalle Lohr. Der asymmetrische siebeneckige Baukörper mit unkonventionellen Laibungsöffnungen überzeugte den Stadtrat von Lohr am Main. Doch polarisierte das Projekt während seiner Bauzeit: „Hochbunker mit Schießscharten“ nannten die Bürger den Rohbau, doch das sollte sich ändern.

Erst als die Gebäudehülle mit der fein nuancierten Klinkerfassade vollendet wurde, schlug die Ablehnung der Lohrer Bevölkerung wie in einer märchenhaften Verwandlung in Begeisterung um.

Ein architektonischer Solitär und kultureller Leuchtturm sollte die Stadthalle für die 15.000 Einwohner zählende Stadt im Spessart werden. Wohl auch deshalb entschied sich die Stadt für einen Entwurf mit Klinkerfassade. Während in Süddeutschland der Putz die Fassaden dominiert, wurde in norddeutscher Tradition ein widerstandsfähiges und nahezu wartungsfreies Verblendmauerwerk hergestellt. Diese Art der Fassadengestaltung ist im Bau aufwändiger und kostenintensiver, sie rechnet sich aber über den gesamten Nutzungszeitraum einer Immobilie.

Klinker und Mörtel individuell für Bauvorhaben entwickelt
Eigens für die Stadthalle wurde ein Klinker kreiert, der im Wasserstrichverfahren hergestellt wurde. Er besitzt dadurch einzigartige optische Charakteristiken, die jeden Stein zu einem Unikat machen. Hierzu gehören die prismatische Ausbildung der Form sowie ungleichmäßige Oberflächen mit produktionsbedingten Rillen, Aufrisse in Form von sogenannten Lunkern, unregelmäßige Kanten, Aufbrennungen und Einrisse auf den Fußseiten bis zur Hälfte des Steins. Das Vorkommen und die Häufigkeit dieser Eigenschaften sind im Produktionsprozess nicht steuerbar und daher nicht reproduzierbar. Sie stellen sich während des Pressvorganges der Steine zufällig ein und machen jeden Stein einzigartig. Die Klinker zeigen einen lehmig hell- bis beigeweiß-grauen Farbverlauf, der sich auf den Läufern durch leicht bis mittelstark changierende und auf den Köpfen durch eher einfarbige und beige-graue Nuancen auszeichnet. Die Farben verlaufen aquarellartig ineinander, wobei die hellen Farben die dunkleren braun-beige Töne leicht durchscheinen lassen, sodass sie das Weiß brechen.

Ästhetische und technische Herausforderung
Eine wesentliche Voraussetzung für eine dauerhaft schöne und beständige Verblendfassade war die Aussteuerung des richtigen, auf die verwendeten Steine abgestimmten, Vormauermörtels. Dieser musste sowohl mit dem breiten Farbspektrum harmonieren als auch technisch funktional und wirtschaftlich sein.

Mauern und Fugen in nur einem Arbeitsgang
Schon früh zeichnete sich ab, dass die avisierten Baukosten von 15 Mio. € für die Stadthalle deutlich überschritten werden. Deshalb hatten Wirtschaftlichkeit und Systemsicherheit auch bei der Ausführung des Verblendmauerwerks höchste Priorität. Bei schwach saugenden Verblendern wie der verwendeten Sortierung zieht Wasser nur langsam ein, es droht ein Wässern des Mörtels an den Kontaktflächen und Aufschwimmen der Steine sowie das Eindringen von Regenwasser. Um dem vorzubeugen, wurde das Wasserrückhaltevermögen des Mörtels exakt auf das Saugverhalten der verwendeten Steine abgestimmt. Zusätzlich ermöglicht der V.O.R Mauermörtel VM 01 den Fugenglattstrich, der das Risiko beim Verblenden deutlich senkt. Hierbei ist der Mauermörtel zugleich der Fugenmörtel, sodass in einem Arbeitsgang aufgemauert und verfugt wird.

Als zusätzliches Stilelement spiegelt sich die Außenhaut des Gebäudes an exponierten Stellen im Innern wider. Im lichtdurchfluteten Foyer und ausgewählten Gängen wurden Wände und Untersichten mit Klinkerriemchen der verwendeten Sortierung verkleidet, indem die Riemchen auf die Wärmedämmung und den Beton aufgeklebt wurden.

Geglückte Aufwertung
Am 1. Dezember 2016 wurde die Stadthalle Lohr feierlich eröffnet. Als kleine Hommage an die Fassade und Zeichen dafür, dass sich die Lohrer Bevölkerung mit ihrer Stadthalle versöhnt hat, stieg am Tag darauf das „Klinkertronik Festival“, bei dem namhafte Discjockeys hinter der charakteristischen Fassade elektronische Musik auflegten.
 

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