Teil 1, Fassade

Zukunft Putz

Gebäude und Städte, die wir heute entwerfen, sind Planszenarien, die wir in Zukunft leben werden. Damit diese nicht notwendigerweise falsch sein müssen, unsere Gebäude und Städte in Zukunft nachhaltig, resilient und identitätsstiftend sein können, müssen wir uns heute mit den Anforderungen der nahen und ferneren Zukunft beschäftigen. Doch wie können wir Innovationen strategisch entwickeln und Wissen über Zukunft generieren? Früh­erkennung und Folgeabschätzung sind dabei wichtige Größen.

Mögliche Veränderungen, Wechselwünsche oder gar Zwänge frühzeitig zu erkennen, bedeutet vor allem Vergangenheit zu kennen, Gegenwart zu verstehen und beides zusammen in einen Handlungsrahmen zu überführen. Zukunft braucht Herkunft, sagt Odo Marquardt in seinen Essays. Ein wesentlicher Grundpfeiler der Zukunftsforschung ist die aktive Gegenwartsbetrachtung. Das heißt, kritisch und wach z. B. tagesaktuelle Bilder und Blogauswertungen zu studieren, gesellschaftliche und technische Themen diverser Publikationen und Foren zu verfolgen, in kontroverse und auch fachübergreifende Dialoge zu gehen sowie konkrete Diskussionen über Zukunftsmodelle zu führen. Alles zusammen dient als wertvolle Quelle. Das Lernen aus der Vergangenheit sowie ein Abgleich mit der dynamischen und mittlerweile sehr komplexen Gegenwart, lassen es zu, Folgeabschätzungen als mögliche Szenarien für die Zukunft zu ermitteln und darzustellen. Am Institute International Trendscouting IIT der HAWK Hildesheim, Fakultät Gestaltung, stellen wir uns im Expertenverbund konstant der Grundlagenrecherche zur Zukunftsforschung in der Gestaltung. Und geben damit sowohl angehenden Gestalter:innen wie planenden Architekt:innen als auch Unternehmen wertvolle Hilfestellung. So soll auch dieser und in den folgenden drei Heften erscheinende Beitrag das Thema Gebäudehülle und hierbei spezifisch die verputzte Fassade von unterschiedlichen Seiten beleuchten und ihre mögliche Zukunftsfähigkeit diskutieren.

Das Image von Putz hat bei den Akteur:innen aus Planung, Gestaltung und Architektur stark gelitten – vielleicht oft wegen der darunter liegenden Systeme. Putz hat das Image der „günstigen Variante“, die nicht selten deshalb vor allem in der Wohnungs- und Privatwirtschaft noch punkten kann. Dabei ist die fugenlose Putzfassade ein wesentlicher Baustein europäischer Stadt- und Kulturgeschichte. Neu aufkommende Fassadensysteme und Werkstoffe sowie Erwartungen und Anforderungen an Fassaden fordern in Zukunft den Klassiker noch stärker zum Wettbewerb heraus. Farb- und Materialglobalisierung verdrängen oft regionale und landestypische „kulturelle Materialcodierungen“. Die Relevanz der Regionalität, nicht nur wegen der Rohstoffverfügbarkeiten, sondern auch im Hinblick auf Identität und der authentisch-handwerklichen Eigenschaften gewinnt allerdings gerade wieder an Bedeutung. Eine Chance für den Klassiker? Die Fassadengestaltung als Teil der Stadtbildentwicklung wird zunehmend zum Marketingfaktor, Architektur nicht selten zu Produkt und Marke, wobei sich gleichzeitig der „städtische Innenraum“ wieder stärker zum Kommunikations- und Identifikationsraum entwickelt. Wie wichtig „die Stadt als Wohnzimmer“ ist, wurde gerade in den vergangenen zwei Jahren sehr deutlich. Die Begrenzung gebauter Hüllen, die Fassaden, und deren Gestaltung bilden dazu den sicht- und spürbaren atmosphärischen Rahmen. Mit der Studie renderingCODES ermitteln wir am IIT wahrscheinliche zukünftige technische und gestalterische Codierungen, also Kriterien, Typologien oder Phänomene, die eine mögliche zukunftsfähige DNA von neuen Putzen über Szenarientechnik skizziert. Dabei geht es darum, erfolgreiche Produkttypen fortzuschreiben, aber auch Putz völlig neu zu denken. Um sowohl auf neue Anforderungen und Architekturformen wie auch auf technische Entwicklungen mit Putz als Baumaterial reagieren zu können, sind gewerke- und branchenübergreifende Gespräche und Kooperationen in naher Zukunft unumgänglich. Das Projekt renderingCODES arbeitet hierzu seit einigen Jahren mit mobilen Laboreinheiten, in denen Workshops (WorkLabs) mit mittlerweile über 70 Architekt:innen und 80 Studierenden der Architektur und Gestaltung veranstaltet wurden. Als Übergang von der Gegenwartsbetrachtung zur Formulierung von möglichen Szenarien war die Meinung von möglichst Vielen wichtig, die mit dem Thema nahezu täglich umgehen und von Berufs wegen ständig Konzepte und Planungen für die Zukunft entwickeln. Im WorkLab wurden von den Teilnehmer:innen über gezielt thematische Bildzusammenstellungen und Schlüsselbegriffe mögliche Szenarien zu einer festgelegten Fragestellung erarbeitet. Die Szenarien liefern so Informationen über grundsätzliche Denkmodelle, aber auch über konkrete Kriterien und Phänomene zum Putz der Zukunft – die sogenannten renderingCODES.

Insgesamt kristallisieren sich sechs übergeordnete Leitthemen heraus, ablesbar und dargestellt in unterschiedlichen Szenarien, die sich inhaltlich und zeitlich überschneiden, Parallelen aufweisen und auch nebeneinander vorstellbar sind. Die Szenarien wurden zunächst über einen Zeitraum von zwei Jahren bis 2019 entwickelt. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren haben sich viele Diskussionspunkte, Ansichten und Haltungen aus 2019 jedoch dramatisch verschoben. Ein Grund, warum wir unser Projekt aktuell neu justieren. So haben die 2019 erstmals formulierten renderingCODES-Transferthemen heute nicht nur dramatisch an Bedeutung gewonnen, sondern sie sortieren sich in ihrer jeweiligen Relevanz und Zeitlichkeit neu.

1) Die vernetzte Putz-Fassade

Digitalisierungsprozesse führen dazu, dass nahezu alles „vernetzt, smart und intelligent sowie on demand verfügbar“ sein wird. Sämtliche Artefakte, Produkte oder technische Objekte sind heute schon digital ausgestattet – oft auch zu Systemen vernetzt. Das System Putz, vom Gewebe bis zum Finish, muss unter diesen Aspekten neu gedacht und produkttechnisch eingestellt werden. Die Flächen müssen aktiviert und intelligent mit den Dingen oder dem Dinglichen der realen Welt (IoT) vernetzt werden.

2) Individualisierung Robotik

Als Folge der Individualisierung und Prozess­optimierung werden wir in der Bauwirtschaft zunehmend mit den Themen Informatik, Digitalisierung und daraus resultierend auch Robotik konfrontiert sein. Fassadenroboter z. B. brauchen neben den rein mechanischen sowie digitalen Komponenten und Rahmenbedingungen vor allem Untergründe und Baustoffe, mit denen sie interagieren bzw. die sie bearbeiten können.

3) Modulares, reversibles Bauen/Gestalten

Zunächst hat modular und reversibel mit Flexibilität, mit Geschwindigkeit und mit aufeinander abgestimmten Schnittstellen von Teil- und Einzelkomponenten zu tun. Gedacht als einzelne Layer, Schichten und Flächen, sind diese smart, funktional und gestalterisch sehr flexibel. Eben dieser Ansatz fokussiert darauf, anders als das modulare Lego-Prinzip, die Flächenfunktion des heutigen Putzes zu erhalten.

4) Multifunktionsmaterial

Dieser Themenblock bezieht sich z. T. auf die davor behandelten Themen wie IoT, Robotik, Modularität und Reversibilität. Ergänzend sind Parameter wie Wandlungsfähigkeit, Veränderbarkeit und Multifunktion wesentlich und sollen integriert werden. So können sich viele der Teilnehmer:innen vorstellen, dass die Gebäudehülle oder das Material Putz aktiv und sichtbar auf die Veränderung der Klimaverhältnisse reagiert, sich öffnet und schließt oder gar atmet.

5) Grüne Fassade und Natur

Putze und Gebäudehüllen gilt es zu schaffen, die einen ökologischen Mehrwert bieten, um als Wasserspeicher und Nährboden für Pflanzen oder als Luftfilter zu dienen. Wichtig dabei sollten natürliche Zusammensetzungen sein, die bestenfalls noch regional verfügbare Werkstoffkomponenten integrieren. Aber auch textile Systeme in Verbindung mit mineralischen oder putzverwandten Komponenten, sowie Systeme als wachsende Fassadenmaterialien könnten dem vertikalen Grün eine Heimat bieten.

6) Tradition, Identität und Authentizität

Putz bietet neben den uns bekannten gestalterischen Optionen die Möglichkeit, vor allem durch Einfachheit und Reduktion etwas sehr Anspruchsvolles und Dauerhaftes entstehen zu lassen. Es gilt, die historischen Techniken, Körnungen und Materialzusammensetzungen im Sinne der Tradition und Identität noch intensiver wiederzubeleben, um diese der Zeit entsprechend anzupassen oder gegebenenfalls auch smart zu modifizieren.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, was eine solche Trend- und Zukunftsforschung über die Entwicklung konkreter Szenarien hinaus für unser Berufsbild und die Branche leisten kann? Die steigende ökonomisch-strategische Bedeutung der Kreativwirtschaft wird zunehmend zum Erfolgsfaktor. Es wird künftig darum gehen, global und zeitgleich regional weitgehend autark aufgestellt zu sein, den digitalen Wandel zu managen und so Innovationen für die Zukunft zu gestalten. Dabei wird es immer weniger um die Gestaltung in Einzeldisziplinen gehen, sondern verstärkt um Prozessstrukturen, Organisationsformen bis hin zu Kulturen. Die Rolle der Gestaltenden wird sich im ganzheitlichen Sinne verändern hin zu einer Gestaltung von Design und Designprozess gleichermaßen. Das reine Autorendesign reicht nicht mehr zur Beantwortung der Zukunftsfragen. Die Arbeitsweise der Zukunft ist geprägt durch Interdisziplinarität und ein Arbeiten im Netzwerk. Dabei können Methoden, wie die hier vorgestellte, dazu betragen, Innovationen auch evolutionär zu betrachten.

Die Komplexität und Dynamik unserer Zeit und unserer Gesellschaft erfordert ein Denken in Szenarien differenzierter möglicher und wünschenswerter Zukünfte. Mit den richtigen Transfer­methoden in Gesellschaft und Praxis können daraus nachhaltige, resiliente und identitätsstiftende Städte entstehen als Lebensraum für Alle.

In Teil 2 lesen Sie in DBZ 10, wie wir uns zukunftsfähigem Material nähern und konkrete Szenarien für den Putz der Zukunft vorstellen.

„Zuerst formen wir unsere Räume, dann formen sie uns.“⇥Sir Winston Churchill
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