Stehen lassen!

Wohnhaus in Berlin-Zehlendorf, SEHW Berlin

Bauen im Bestand ist mehr denn je ein Betätigungsfeld in der Architekturbranche. Rund Zweidrittel aller Bauvorhaben verwerten vorhandene Bausubstanz. So auch bei dem Umbau einer alten gewerblichen Druckerei in Berlin-Zehlendorf. Wo andere nur eine Ruine aus den 1970er Jahren sahen, begann das Architekturbüro SEHW, unter Leitung von Xaver Egger und Sandra Scheffl, 2017 das Gebäude zu verwandeln.

Was für einen Wert sehen Sie in der alten Bausubstanz?

Xaver Egger: Die Druckerei wurde im Jahr 1974 errichtet und blieb aus Platzmangel nur wenige Jahre in Betrieb. Nach anschließender Benutzung der Mongolischen Botschaft für einige Jahre, wollte diese den Baukomplex für Wohnräume der Angestellten umbauen. Ein kompletter Rückbau war geplant, sämtliche Haustechnik was schon rausgerissen. Nach Baustopp stand das Gebäude wiederum einige Jahre leer und geriet in einen miserablen Zustand. Die geplatzten Leitungen im Innern und übergelaufene Dachrinnen an der Außenfassade verursachten Wasserschäden, die zunehmend zur Ruine werdende Substanz wurde von Vandalismus heimgesucht und diente zwischendurch als illegale Behausung. Verschiedene Investoren sahen einen Abriss vor und wollten stattdessen zwei Stadtvillen errichten – doch dieser alte Industriebau hatte seinen Charme. Die Typologie war interessant mit den industrietypischen Oberlichtern in der Decke der Maschinenhalle, die robuste Bauart, die alte Laderampe mit der Auskragung.

Wie war das Konzept für die Restaurierung und Renovierung? Welche Elemente konnten erhalten bleiben und wo waren Eingriffe in die vorhandene Bausubstanz notwendig?

Xaver Egger: Wir haben den Rohbau mit seinen Decken und Wänden im Gröbsten so belassen. Wir entfernten ein Deckenteil und schufen so einen zweigeschossigen Wohnraum mit Galerie, um das ganze Gebäude in seiner Höhe wahrzunehmen. Wir konnten die alte Treppe erhalten - mit den alten „Blutwurst“-Werksteinfertigteilen auf den Stufen. Vom Innenausbau war nichts mehr erhalten, sodass durch die Größe der Räume nicht die Frage nach zu viel Innenleben war, sondern, was wir addieren können. Die alte Maschinenhalle zum Beispiel war zu groß. Wir nahmen uns daher Lieferkisten der ehemaligen Druckerei zum Vorbild für unsere Intervention. Birkebeschichtetes Sperrholz mit Abstand zum Boden befestigt, bildet hier zwei neue Räume. Als Differenzierung zwischen Wohn- und Rückzugsbereich wurde ein Patio ins Volumen eingeschnitten. Er ist mit Schieferbruch bedeckt und mit einigen Birken bepflanzt, ein sehr kontemplativer Raum zwischen außen und innen. Wir wollten die Decken mit der vorgefundenen rauen Oberfläche so belassen. Als Kontrast zum Bestand ist alles Neue glatt und bündig gehalten.

Welche Neuerungen haben Sie eingebracht? Welches energetische Konzept wurde eingesetzt?

Xaver Egger: Zum einen die hochgedämmte Hülle mit hinterlüfteter Holzschalung, sägerau belassen und schwarz lasiert. An der Hauswand wurde Mineralwolle mit Lattung und Konterlattung angebracht. Durch die Tiefe der Fassade entstehen tiefe Fensterleibungen als natürlicher Sonnenschutz. Die Fenster sind Holzfenster mit 3-Fach-Verglasung. Beim Energiekonzept setzten wir auf regenerative Energien mit Gasbrennwerttherme und Solarthermie auf dem Dach. Wir wollten keine PV-Anlage, stattdessen erzeugt die Solarthermische Anlage Wärme für die Warmwasserzubereitung und die Fußbodenheizung. Das ist vorteilhaft bei der geringeren Vorlauftemperatur der Fußbodenheizung. Die Gasbrennwerttherme wird fast obsolet - so wenig Erdgas wie wir verbrauchen.

Beim Bauen im Bestand muss man immer mit Überraschungen rechnen, oder nicht?

Xaver Egger: Nein, das stimmt nicht. Man weiß schon vorher wie und was in Gebäuden aus diversen Zeiten verbaut wurde. Wir haben zudem von Anfang an viel untersuchen lassen und konnten dadurch Überraschungen vermeiden. Gerade einmal 8 Monate nahm der Umbau in Anspruch nach einer kurzen, konzentrierten Planungszeit von 4 Monaten.

Wir danken Xaver Egger für den Einblick in seine Arbeit. Das Wohnhaus in Berlin-Zehlendorf ist Beweis für eine Schönheit, die aus dem Unbeachteten und Hässlichen gewonnen wurde, oder wie Niklas Maak einmal formulierte: „Die wahre Kunst des Architekten zeigt sich, wenn er das, was andere aufgegeben haben, weiterbaut, verwandelt, verzaubert.“

Objekt Reanimation, Umbau einer ehemaligen Druckerei
Standort Berlin
Typologie Einfamilienhaus
Bauherr privater Bauherr
Architekt SEHW Architektur, Prof. Xaver Egger und Sandra Scheffl, www.sehw-berlin.de
Mitarbeiter (Team) Dipl.-Ing. Architekt Alexander Wild (PL), M.Sc. Eunkyoung Song
Bauleitung  Dipl.-Ing. Architekt Alexander Wild
Generalunternehmer Generalbau - Schubert + Partner GmbH
Bauzeit 06 / 2016 - 09 / 2017
Tragwerksplaner WETZEL & von SEHT - Berlin TGA-Planer GTB - Berlin Gesellschaft für Technik am Bau mbH

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