Wohnen in der Mall
www.mvrdv.nl, markthalrotterdam.nl

Die Niederländer sind, wir wissen es, fortschrittlicher als wir. Jedenfalls, was das Bauen angeht. Oder sagen wirs anders: Sie haben weniger Hemmungen. Zum Beispiel in Rotterdam. Dort wurde gerade die Markthal im historischen Zentrum der Stadt eröffnet, eine Shoppingmall mit integriertem Wochenmarkt und Eigentumswohnungen. Letztere befinden sich in der Haut eines Tonnensegments, das den Wochenmarkt mit seinen mehr als 90 Verkaufsständen im Scheitel etwa 40 m hoch überwölbt.

2004 hatte die Stadt, die sich wohl in Jahrzehnte-Abständen viertelweise neu erfindet und kaum noch Spuren ihrer ursprünglichen Herkunft vorzuweisen hat, einen Wettbewerb ausgelobt: Der vorhandene Wochenmarkt musste – und hier zweifelt man am eingangs Geschriebenen – überdacht werden, ein Gesetz hatte den Verkauf von frischem Fleisch und Fisch unter freiem Himmel verboten. Gleichzeitig sollten Wohnungen gebaut werden, rechts und links der Verkaufsstrecke.

Das Büro MVRDV, das im Wohnungsbau schon so manchen Coup gelandet hat, bog also die Wohntürme über dem Markt zusammen, fertig. Die halbe Tonne erinnert überraschend an Louis-Etienne Boullées Entwurf für die Pariser Nationalbibliothek, doch wo Boullée als aufgeklärter Architekt mit dem Barock bricht, spielen MVRDV mit Formen und Farben, mit Bildern und kolportierten Geschichten. Beispielsweise der, dass man daran gedacht hatte, die Bewohner der Tonnenhaut könnten über die zum Marktplatz liegenden Fenster Einkaufszettel im Korb herablassen um diese dann, nach Bestellung gefüllt, wieder in die Küche hochzuziehen.

250 Eigentums- und Mietwohnungen sind in der Hallenwand ab dem 3. OG (bis 10. OG) untergebracht, die Größten haben eine Wohnfläche von 300 m². 26 Penthousewohnungen liegen im Tonnendach. Alle Wohnungen haben einen Balkon oder eine Terrasse und die meisten ein Fenster zur Halle (in der Wand oder im Boden, bei den Penthouses). Letztere sind allerdings dreischeibenfestverglast ausgeführt (so viel zur Legende der Direktbestellung per heruntergelassenem Einkaufskorb). In den ersten beiden Ebenen der Tunnelwand sind Lebensmittelläden und Restaurants untergebracht. Unter der Halle liegt eine viergeschossige Tiefgarage mit Platz für sagenhafte 1 200 Stellplätze. Geschlossen wird der Hallentunnel an beiden Enden durch ein verglastes Stahlnetz, dennoch ist eine natürliche Lüftung möglich. Die Verglasung macht bei entsprechendem Tageslicht eine künstliche Beleuchtung fast überflüssig.

Ob das Konzept einer Nutzungsdurchmischung im Herzen der Stadt an Zustände anschließen kann, die hier vor vielen hundert Jahren selbstverständlich waren, bleibt abzuwarten. Das mutig übergroße Objekt mit ikonografischer Wirkung soll Initiator sein für Folgeprojekte hier im historischen Zentrum. Die werden in zehn Jahren vielleicht fertig. Nur gut, dass die Archäologen bei der Herstellung der Tiefgarage ihre Funde gesichert haben und in Teilen entlang der in die Tiefe führenden Rolltreppen präsentieren. Man käme sich sonst ganz schön verloren vor am Damm in der Rotte. Be. K.

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