Nachhaltig aufstocken und energetisch aufwerten

Wohn- und Bürohaus in Pfalzen/IT

In Pfalzen, einem beschaulichen Ort mit knapp 2800 Einwohnern, auf einem Mittelgebirgsplateau auf 1022 m ü. NN im Pustertal in Südtirol gelegen, wurde der gerne benutzten Phrase vom Bauen mit Bestand eine ganz neue Bedeutung gegeben. Inmitten einer heterogenen Handwerkerzone, zwischen Lager- und Produktionshallen mit einer Vielfalt an Architekturstilen und Materialwahl, steht ein glänzender, offensichtlich andersartiger Kubus in der Herbstsonne. Erst auf den zweiten Blick gibt er sein Geheimnis preis: das Bestandsgebäude, das die Architekten subtil mit dem neuen Bauteil verschmelzen lassen.

Angelika Bachmann und Helmut Stifter haben sich die Frage, wie sie leben und arbeiten wollen, nicht leichtgemacht. Schon viele Jahre mit ihrem Architekturbüro für andere Bauherren tätig, war es irgendwann für sie an der Zeit, ein bauliches Statement für die eigenen Vorstellungen vom Wohnen abzugeben. Der Traum von einem Bauernhof weiter oben am Berg war aufgrund der explodierenden Immobilienpreise in der beliebten Urlaubsregion unrealisierbar. Jedoch gab es im Familienbesitz ein Grundstück in der abseits vom Ortskern gelegenen Gewerbezone, mit einem ehemaligen Handwerksbetrieb inklusive eines Wohngebäudes aus den 1980er-Jahren. Eine Besonderheit in der italienischen Raumplanung ist die strikte Trennung der Funktionen von bebauten Quartieren nach Wohnungen, Büros, Nahversorgung, Gewerbe und Industrie analog zur Charta von Athen. Erst langsam brechen die für lange Zeit gesetzten Strukturen auch in der Gesetzgebung auf und es findet eine Durchmischung der Zonen statt: zur Vermeidung von Zersiedelung und zugunsten der Innenentwicklung der bestehenden Gebiete im sowieso schon knappen Siedlungsraum. Auch in Pfalzen sind die Nutzungen von Gewerbe und Wohnen in den letzten Jahren mit einem Gewohnheitsrecht verwachsen, ohne dass dieses Projekt keine Chance auf eine Umsetzung gefunden hätte.

Neues Konzept für alten Bestand

Fast zehn Jahre entwickelten die Architekten Konzepte und Lösungen für die Umnutzung des bestehenden Grundstücks. Die günstige Lage an der Schnittstelle zwischen einer unverbaubaren Landwirtschaftsfläche und den großmaßstäblichen Bauten der Handwerkszone ist reizvoll. Ebenso wie die Freiheit, das bestehende Grundstück bis zu 70 % überbauen und maximal 11 m hoch bauen zu können. Doch wie die Architekten es auch drehten und wendeten – der Bestand, in dem sie inzwischen das Architekturbüro und die eigene Wohnung bezogen hatten, besetzte den optimalen Umriss im Sinne von Licht, Luft und der gewünschten Kubatur. „Das Beste aus dem ungeliebten Alten herausholen, wurde unser Motto“, lacht Angelika Bachmann. Nur so kann man den radikalen Schnitt erklären, der zwar unerwartet, aber gerade deshalb umso prägnanter erscheint. Das bestehende Wohnhaus wurde von der Lagerhalle baulich über eine Fuge getrennt, über der Decke des ers-ten Obergeschosses komplett abgetragen und um zwei in Holzbauweise errichtete Geschosse ergänzt. Die Substanz des Bestandes erwies sich als Glücksfall. Das betrifft gleichermaßen die fast quadratische Grundfläche von ca. 12 x 11,5 m, die bestehende Raumhöhe von 2,70 m als auch die statische Grundstruktur aus mittragenden Außenwänden und einem aussteifenden Treppenhauskern. Aus wirtschaftlichen Gründen wurden die bestehenden Öffnungen inklusive der Fensterrahmen an ihren Positionen belassen, lediglich die partiellen Holzverkleidungen wurden entfernt. Aus energetischen Gründen wurde das Mauerwerk in den Bestandsgeschossen mit einer Mineralwollschicht und einer zusätzlichen, weiß belassenen, zementgebundenen Holzwolle-Leichtbauplatte verkleidet.

Die Hülle als verbindendes Element

Die Architekten entschieden sich gegen eine klassische Zäsur über die Materialität, zugunsten eines homogenen Gesamtpakets. „In der Handwerkerzone baut man anders“, erklärt Helmut Stifter die Entscheidung und fährt fort: „Die typischen Elemente aus dem Wohnungsbau sind hier fehl am Platz, in diesem heterogenen Umfeld muss das Bauwerk mit einer klaren, reduzierten Aussage auf die Kontraste reagieren.“ Aus diesem Grund stülpt sich eine Hülle aus gewelltem Polycarbonat wie ein Kleid über den Mischbau, der Intimität und zugleich Offenheit zulässt. Die transparente Doppelfassade verbindet somit den Bestand mit der Aufstockung und erlaubt vielfältige Ausblicke in den umgebenden Landschaftsraum. Zugleich übernimmt die Hülle auch eine klimatische Funktion und bildet eine Pufferzone zur Energieeinsparung um das Gebäude. Was einfach aussieht, war in der Planung eine Herausforderung. Alle Aluminiumrahmen mussten für die auftretenden Windlasten gerechnet werden und sind in ihrer Ausdehnung durch hohe Temperaturschwankungen mit Spielraum ausgestattet. Doch der Aufwand hat sich gelohnt, frühere Überlegungen zu Holzlamellen oder einem gelochten Trapezblech hätten die gewünschte Radikalität nicht vermittelt.

Durchdachte Übergänge

Am Anfang stand der Wunsch, ein selbstbewusst bauliches Statement abzugeben. Die Entscheidung für ein Maximum von vier Ebenen fiel aber auch zugunsten der Proportion des nahezu gleichseitigen Kubus. Das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss werden für das Architekturbüro genutzt, während die beiden oberen Geschosse der Wohnnutzung vorbehalten sind. Die Zäsur zwischen Arbeiten und Wohnen ist klar erkennbar. Ein komplett verglastes Geschoss trennt den Bestand von der Aufstockung, die im vierten Obergeschoss wieder durch ein massives Volumen in Form eines gefassten Rahmens komplettiert wird. Die großzügigen Terrassen werden zum Außenraum im Innenraum und zonieren die fließenden Innenräume.

Für die neuen Bauteile musste penibel auf die entstehenden Lasten geachtet werden. Wegen des Gewichts und der kurzen Bauzeit wurde Holz zum Baustoff der Wahl. Und die Stahlstützen in der Wohnebene im dritten Obergeschoss, die mit dem aussteifenden Treppenhauskern den Holzbau tragen, messen lediglich 10 x 10 cm im Querschnitt. Möbel werden zu raumbildenden Einbauten, es gibt eine reduzierte Materialpalette aus Eichenholz für die Fenster und die Küche sowie helle Bodenbeläge, die vom Innen- in den Außenraum übergehen. Eine sparsame Möblierung lässt die Räume großzügiger erscheinen, als sie laut Plan sind.

Nachhaltig mit Bestand – nachhaltig im Bestand

Was neu und alt ist, ist nicht eindeutig zu erkennen – das macht das Gebäude so besonders. Auch wenn die Planung durch die Einschränkungen des Bestands, zum Beispiel bei einem Leitungsverzug, aufwendiger ist als bei einem Neubau, zahlt sich die Entscheidung, Ressourcen zu schonen, aus. Die Räume konnten sich während der Planung innerhalb des vorgegebenen Rahmens entwickeln und wie ein Puzzle fügen. Was als Einschränkung in Verruf geraten ist, erweist sich hier als flexibler Raumgenerator, der ohne verschenkte Fläche ein Maximum an Aufenthaltsqualität versprochen und auch eingelöst hat. Der Mut der Architekten zu diesem radikalen Schnitt hat sich gelohnt. Es bleibt zu hoffen, dass sich viele Nachahmer inspirieren lassen.⇥Eva Maria Herrmann, Hinterhaus

Ist es ein Neubau? Nein, hier wurde ein vorhandenes Gebäude völlig neu erfunden. Die Überformung des Vorhandenen überrascht und überzeugt. Der Umgang mit dem Bestand wirkt nahezu provisorisch, aber überall sinnhaft durchdacht. Einfach gut.«⇥DBZ Heftpaten NKBAK

Baudaten

Objekt: Wohn-/Bürohaus

Standort: Pfalzen, Südtirol/IT

Typologie: Wohn-/Bürohaus

Bauherr/Nutzer: privat

Architekt: Stifter + Bachmann,

www.stifter-bachmann.com

Helmut Stifter, Angelika Bachmann

Mitarbeiter: Patrizia Lechner

Bauleitung: Stifter + Bachmann

Generalunternehmer: Unionbau Gmbh, Sand in Taufers/IT,

www.unionbau.it

Bauzeit: Mai 2016 – Dezember 2016

Fachplaner

Tragwerksplaner: Ingenieurbüro Brunetti, Bruneck/IT,

www.ing-brunetti.com 

Haustechnik: Ingenieurteam Bergmeister GmbH/IT, www.bergmeister.it

Projektdaten

Grundstücksgröße: 1 504 m²

Nutzfläche gesamt: 604 m² (inkl. best. Halle)

Brutto-Rauminhalt: 2 425 m³ (inkl. bestehende Halle)

Energiebedarf

Gesamtenergieverbrauch: 20 KWh/m²a

Gesamteffizienz: 7 kg CO2/m²a

Energietechnik: Kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung

Hersteller

Dach: Moser Holzbau GmbH,

www.moser-holzbau.com; alwitra GmbH & Co. Klaus Göbel,

www.alwitra.de

Fenster: ASKEEN GmbH,

www.askeen.it

Fassade: Evonik Industries AG,

www.corporate.evonik.de, GEZE GmbH, www.geze.de

Boden: IPM Italia Srl, www.ipmitalia.it

Dämmung: Heraklith,

www.heraklith.de; ROCKWOOL International A/S,

www.rockwool.de; Knauf Insulation GmbH, www.knaufinsulation.de, Karl Bachl GmbH & Co. KG, www.bachl.de

Tür- und Fenstergriffe: pba S.p.A., www.pba.it

Schalt- und Befehlsgeräte / E-Anlage: Albrecht Jung GmbH & Co. KG, www.jung.de

Lüftung: Zehnder Group Deutschland GmbH, www.zehnder-systems.de

Zutrittssysteme: S. Siedle & Söhne, www.siedle.de

Sanitär: Lineabeta S.p.A.,

www.lineabeta.com; Villeroy & Boch AG, www.villeroy-boch.de

Beleuchtung: Zumtobel Group,

www.zumtobel.com; Viabizzuno,

www.viabizzuno.com

Trockenbau: Knauf KG, www.knauf.de

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