PARTIZIPATION

»Wir sind die, die den Prozess triggern«

Im Gespräch mit Rainer Hofmann, Ritz Ritzer, bogevischs buero, München

Ein großes Zukunftsthema beim Bauen ist natürlich das Wohnen. Und weil wir mit Ritz Ritzer und Rainer Hofmann in jüngerer Vergangenheit zu diesem Thema schon mal intensiv über unsere Heftpatenschaft zusammengearbeitet hatten, lag es nahe, zum Gespräch zu bogevischs buero nach München zu reisen.

Was kommt Euch in den Sinn beim Stichwort „Zukunft des Bauens“?

Rainer Hofmann (RH): Was mich umtreibt, ist das Paradoxon, dass wir einerseits eine extrem gute Baukonjunktur haben und andererseits keine besonders gute Baukultur. Wir müssen also die Chance der guten Auftragslage nutzen, jetzt innovative Modelle auszuprobieren. Zum Beispiel bezogen auf das Thema, wie wir in Städten zusammenleben wollen – was natürlich ein gesamtgesellschaftliches Thema ist.

Da klingt jetzt etwas auf, dessen Zukunftsrelevanz auch das Bundesbauministerium im Fokus hat: das Auseinanderdriften der Wohnverhältnisse.

RH: Wir als Architekten erwischen uns nicht zu selten dabei, die dynamische Segregation zu unterstützen. Die aktuell in jeder Großstadt gebauten Luxusressorts sind häufig attraktiver zu planen als mit großem Aufwand entwickelte Mietshäuser für das untere Preissegment. Aber das Nachdenken über den Inhalt der von uns zu planenden Gebäude, also das darüber Nachdenken, wie eine Stadt funktionieren kann, wie wir gemeinschaftsfördernde Projekte fördern können, das alles hat eine gesamtgesellschaftliche Relevanz. Wir brauchen nicht nur eine ästhetische Architektur – die brauchen wir natürlich immer – wir brauchen intelligente, gemeinschaftsstützende Konzepte von der Erstellung bis zur Nutzung. Dabei spielen Baugenossenschaften oder Baugemeinschaften eine ernstzunehmende Rolle … Wir brauchen als Architekten ein zunehmendes Bewusstsein für die Aufgaben und Auftraggeber und – in diesen Zeiten – dafür, dass wir hier auch Einfluss nehmen können. Mehr noch als die Details unserer Bauten wird durch die Nutzungen der von uns geplanten Gebäude Stadt gemacht. Am Ende mögen die von uns geplanten Häuser vielleicht wunderschön sein, zelebrieren aber gegebenenfalls nur das gelungene Selbst ohne Rücksicht auf die Nachbarschaft, das Viertel und dann die ganze Stadt. Das können wir heute einfach nicht mehr machen!

Was kommt nach dem Auseinanderfallen, und wie kann Architektur dem etwas entgegenstellen?

Ritz Ritzer (RR): Es stimmt schon, das Zerbröseln der Gesellschaft in Deutschland ist immer spürbarer. Für uns ist das Arbeiten an genossenschaftlichen Modellen ein Punkt, dem entgegenzusteuern. Wir erhoffen uns, damit neue Allianzen, neue Gemeinschaften zu fördern. Und zwar nicht die Gemeinschaften, die über Vergleichbares schon eine homogene Gruppe sind, nein, wir wollen einen verbindenden Bogen schaffen über das hinaus, was Familie ist, berufliche Verwandtschaft, gleiche Einkommensklasse oder ähnliches Alter.

Um das vielleicht zu schärfen, möchte ich ein Gegenbeispiel aufmachen: Ich untersuche mit meinen Studenten in Berlin gerade das Wohnen in Japan. Der Anlass ist, dass die Japaner mit wesentlich weniger Wohnraum auskommen als wir. Die noch nicht geklärte Frage hierbei ist, ob das einem wirtschaftlichen Zwang geschuldet ist oder kulturelle Wurzeln hat. Wir vermuten letzteres, weil in Japan alle halbprivaten Dinge nicht zuhause, sondern in öffentlichen Räumen stattfinden. Besuche von Freunden, Familienfeiern im größeren Rahmen, selbst der Luxus des ausgiebigen Badens ist aus den Wohnungen ausgelagert. Oder die Love-Houses, die jungen Paaren die Möglichkeit geben, überhaupt ihre Sexualität zu leben, denn bis zur Hochzeit wohnen die meist bei den Eltern.

Was wir nun versuchen ist, dass wir diese ganz spezielle japanische Großstadtsiedlungsstruktur auf einen Berliner Block übertragen. Hier haben wir schon festgestellt, dass die Programmierung der Siedlungsstruktur aus Japan eine ganz andere ist: Es gibt viel mehr Gewerbe, Gastronomie und sehr viel halböffentliche Funktionen, die gewerblich betrieben werden.

Lässt sich diese Funktionalisierung des Wohnens einfach auf Berliner Verhältnisse übertragen?

RR: Gerade auf einen Teil der Berliner Verhältnisse. Ich zum Beispiel wohne für zwei Nächte pro Woche in einer großen Wohnung am Prenzlauer Berg zur Untermiete. Die Wohnung ist wunderbar, aber ich bin dort nur zum Schlafen. Das heißt doch, dass Menschen wie ich, wie all die, die viel unterwegs und am Pendeln sind, ein Leben leben, das mit dem Angebot unserer Wohnungen nicht mehr übereinstimmt. Wir könnten also unsere Unterkünfte auf Dusche, Bett und Stauraum reduzieren.

Warum kommt mir jetzt das Bild des gescheiterten Nakagin Capsule Tower vor Augen?!

RR: Gescheitert ist der wohl nur, weil man ihn als Architektur vernachlässigt hat, nicht, weil er ein extremes Wohnkonzept verkörpert. Was ich aber sagen will: Ich denke, viele von uns leben heute schon so, wie es die Japaner in ihren dichten Ballungsräumen tun. Und ich bin mir sicher, dass sich hier in Berlin schon eine Menge verändert hat, weg von der traditionellen europäischen Stadt, hin zu einem viel internationaleren Stadttypus.

Aber: Bevor wir jetzt den japanischen Stadttypus allzu monofokal idealisieren: Nirgends auf der Welt sind die Menschen einsamer als in japanischen Großstädten, nirgends ist die Suizid-
rate höher! Nichtsdestotrotz überlegen wir jetzt, was wir uns von der japanischen Stadtstrategie nach Europa holen können.

Wer setzt denn aus Eurer Sicht die wesentlichen, vielleicht die zukunftsgewandten Standards im Wohnbau?

RR: Die Schweizer. Eidgenossen eben, die haben das Genossenschaftliche schon immer im Programm, wenn man so will. Die betreiben das auf einem sehr hohen Niveau. Wenn man sich die Kaltbreite in Zürich anschaut mit dem, wie die Schweizer sagen, „geteilten Wohnen“, dann finden sich dort Projekte, auf die wir schauen. Da gibt es Vorbilder.

Was treibt Euch nach vorne, in die Zukunft?

RR: Die Möglichkeiten, die wir für uns sehen, liegen sicher im Partizipationsmodell, das wir zuletzt sehr intensiv beim wagnisART hier in München realisiert haben und das uns bezüglich unkonventioneller Entscheidungen oder Experimenten bei Bauelementen sehr viel Rückenwind für unsere jetztige Arbeit gegeben hat. Das ging wohl nur in der Gemeinschaft, die so etwas ganz anders trägt als ein einzelner Bauherr. So ein Projekt ist dann der Motor, der uns voranbewegt durch neue Einflüsse, Gedanken, Impulse, die uns als Fachplaner, als Architekten möglicherweise so gar nicht gekommen wären. Allerdings geht es ohne uns natürlich auch nicht. Wir sind die, die den Prozess auslösen, ihn triggern.

Wie aber bekommen wir – leider immer noch singuläre – Wohnbauprojekte wie wagnisART in die Breite?

RH: Die spontane Antwort ist: Lasst Genossenschaften ran! Man kann aber auch für alle anderen Bauträgermodelle die Erfahrungen aus dem WagnisArt Projekt nutzen. Prägend ist für uns, dass dort ein Stück gemischtes Quartier entstand, das den 500 Bewohnern ein Gefüge aus halbprivaten und privaten Räumen bietet – mit unterschiedlichsten Wohnformen, für unterschiedlichste Einkommensgruppen mit einer Vielzahl an Nichtwohnnutzungen. Diese Mischung ist nicht nur finanzierbar, sondern spiegelt eben auch Bedürfnisse wider, die diese Gruppe an Menschen für sich entdeckt hat. Wenn also sonstwo mal wieder darüber diskutiert wird, ob sich der eine Gemeinschaftsraum rechnet oder wir, wie letzte Woche, als Sozialromantiker bezeichnet werden – immerhin vom Leiter des Staatlichen Wohnungswesen Bayerns, weil wir auf eben diese Zwischenräume und Zusatzräume fokussieren – dann hilft wagnisART als real existierender Beweis. Wir müssen uns einfach sehr viel mehr zutrauen und unsere Planungen als Architekten an unseren eigenen Wünschen und Träumen orientieren.

Etwas für die Zukunft zu machen, an der Baukultur zu arbeiten, das bedeutet doch auch, Verantwortung zu übernehmen. Oder?

RH: Genau, eben auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung. Wenn wir aufgrund der wirtschaftlichen Situation als Berufsstand gefragt sind, entsteht eben auch das Potential, gehört zu werden. Wir können uns also immer wieder aufs Neue entscheiden, was wir zu sagen haben!

DAS Zukunftsthema ist die Digitalisierung. Seid ihr vorbereitet?

RR/RH: Das Thema ist ja schon voll da. Wir warten jetzt noch auf die 3D-Hologramme live, dann sind wir in der nächsten Zukunft angelangt. Wir arbeiten mittlerweile alle im digitalen 3D, um Projekte zu prüfen, um sie weiterzuentwickeln. Wenn dann noch die künstliche Intelligenz dazukommt, dann wird es erst richtig spannend.

Was die Digitalisierung aber als Chance für die Städte bedeutet, ist, dass wir irgendwann vor Ort, auf der Baustelle, die Produktion haben werden. Die Logistik wird reduziert, Transportwege entfallen, Materialbewegung, alles wird extrem lokal … Ob in diesem Prozess aber auch das Land mitgezogen wird, möchte ich fast bezweifeln. Aber wer weiß, vielleicht verlagert sich die Lebenspräferenz der modernen Nomaden in Zukunft wieder in Richtung Land … als einem Ort, der noch nicht so sehr von allem berührt wurde!?

Mit Rainer Hofmann und Ritz Ritzer unterhielt sich DBZ Redakteur Benedikt Kraft am 16. November 2018 in deren Büro in München.

Wir werden immer wieder einmal als "Sozialromantiker" bezeichnet!

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