Wenn es (wieder) gut werden soll
Krankenhaus Schwarzach/AT

Man könnte meinen, für erfahrene „Krankenhausarchitekten“ ist der Neubau des Kinder- und Jugendspitals in Schwarzach/AT keine besondere Aufgabe. Doch bedenkt man die logistischen und auch technischen Herausforderungen, so ist solch ein Vorhaben alles andere als trivial. Entscheidend ist stets, Schnittstellen sorgfältig und präzise zu analysieren sowie diese zu begleiten. So geschehen beim Neubau des Spitals im Pongau.

Kuscheln jetzt auf einmal alle? Das ist eigentlich nicht der übliche Baualltag, der sowohl in der Tages- als auch in der Fachpresse veröffentlicht wird. Ständig hört und liest man von Streit: in Berlin am Flughafen, in Hamburg wegen der Elbphilharmonie-Kosten oder sonst wo. Und nun? Hier, mitten in den Bergen soll die Welt (noch) in Ordnung sein? Egal, ob TV-Berichte, Tagespresse, Gespräche mit der Krankenhausleitung, der Politik und natürlich auch mit den deutschen (!) Architekten – ein jeder will unmissverständlich klar machen, dass die Realisierung dieses Gebäudes durch und durch wünschenswert war. Dieser schon etwas verdächtigen Harmonie muss ein Fachmagazin, wie die DBZ es ist, nachgehen. Das kann doch nicht sein, oder?
Schnittstellen Öffentlichkeit, Patienten und Personal

Gut! Die Anfahrt selbst hat etwas von Urlaub: Schon auf der Autobahn weisen Schilder in die bekannten Skigebiete „Zell am See“, „Flachau“ oder „Bad Gastein“. Auch die Kulisse mit hie und da schneebedeckten Gipfeln erzählt von Erholung, Seelebaumeln und Harmonie. Selbst ohne Navi wäre es ein Leichtes gewesen, Schwarzach im Pongau zu erreichen. Und da der Ort recht klein ist, ist auch der Weg zur Klinik ein Kinderspiel. Es scheint, als bestünde der Ort einzig aus der Klinik. Ein Treffen mit dem geschäftsführenden Architekten Christian Strauss von wörner traxler richter am Haupteingang hätte sich allerdings als nicht sehr sinnvoll erwiesen. Er selbst schlug gleich vor, sich in der Caféteria im Neubau zu treffen. Vor Ort erwies sich dieser Vorschlag als überaus klug, denn einen Haupteingang im klassischen Sinne gibt es zunächst einmal gar nicht. In Schwarzach befindet sich ein in seinen Dimensionen stattlicher Komplex einer gefühlten Megaklinik mit unzähligen Fachbereichen. Und jeder einzelne hat seinen eigenen Eingang. Diese Eingänge wiederum sind nicht eindeutig zuzuordnen, wenn man dem Trampelpfad über die steile Wiese vom Parkplatz aus folgt. Die Caféteria des Neubaus dagegen ist ein Segen für den ganzen Komplex. Ein eindeutig definierter Ort, halböffentlich, der sich allen Passanten (egal, ob Schülern von nebenan, Patienten, Besuchern, Ärzten, Pflegepersonal usw.) gleichermaßen als Orientierungshilfe anbietet. Eher wie ein Wohnhaus mit einer öffentlichen Nutzung im Erdgeschoss mutet der Neubau an. Dies geschah auf Wunsch der Architekten, denen mit dieser Anordnung ein Geniestreich gelungen ist, weil die Schnittstellen zwischen der Öffentlichkeit und allen der Klinik Zugehörigen – egal ob freiwillig oder krankheitsbedingt – sauber voneinander getrennt funktionieren. „Wir sind sehr froh, dass uns die Bauherren in diesem Schritt gefolgt sind“, resummiert Christian Strauss, der langjährige Mitarbeiter von wörner traxler richter, der dort seit 2011 Geschäftsführer ist und schon zahlreiche Kliniken geplant und realisiert hat, „denn jetzt haben alle etwas davon.“

Die Architekten wären gerne noch einen Schritt weiter gegangen und hätten die städtebauliche Situation mit den vielen unübersichtlichen Eingängen noch landschaftsarchitektonisch aufgewertet. Das aber ist, wenn überhaupt, Zukunftsmusik. So müssen viele Beschilderungen und Wegweiser noch dafür sorgen, dass jeder dort ankommt, wo er gerne ankommen möchte.

Zurückhaltende Gestaltung

Die Beschilderungen sind überhaupt sehr auffällig. „Das muss ein österreichisches Phänomen sein“, sagt Strauss mit einem Augenzwinkern. Betritt man die Klinik, sieht man sich mit dem Phänomen „Schilderwald“ ebenfalls konfrontiert. Dabei wäre es im Neubau eigentlich gar nicht nötig gewesen, da die Architektursprache, die Raumaufteilungen und die Lichtführung im Grunde eindeutig sind. Die Gestaltung sämtlicher Stationen hält sich zum Großteil sehr zurück und spricht eine einheitliche Sprache. Egal, ob es die Räumlichkeiten des Kinder- und Jugendspitals sind oder die des interdisziplinären Gefäßzentrums mit einer Intensiveinheit. Tatsächlich war diese Zurückhaltung auch einer der wichtigsten Wünsche seitens der Bauherrenschaft. Bis auf ein paar wenige Farben und einer Sitzbank für Kinder im Foyer, die wie eine riesige grüne Schlange aussieht (damit klar wird, dass hier viele Kinder sind), kommt der Neubau mit sehr wenig gestalterischen – oder besser gesagt, dekorativen – Elementen aus. Das tut auch dem Gesamtbild gut, denn neben dem Schilderwald ist hier auch eine Art „Schalterwald“ vorzufinden. „Es klingt eigentlich unglaublich, wenn man bedenkt, dass wir das Jahr 2015 schreiben“, sagt Strauss, „es aber bislang keinen Schalterhersteller gibt, der mit einem einzigen Schalter oder Display auskommt, von dem aus sämtliche Steuerung für Türkommunikation, Belüftung, Belichtung oder dergleichen geregelt werden können.“

Fast schon entschuldigt er sich dafür, dass seine angenehm geradlinigen Wände und Decken von immens vielen Schaltern, Schächten, Chip-Lesegeräten oder ähnlichem „geziert“ sind. Sicherlich muss eine Klinik solche Steuerungen haben, aber die Kompatibilität der Schalter untereinander gibt es offenbar nicht. Und so freut sich Strauss immerhin über die gelungene Deckengestaltung. „Die Patienten liegen ja meist in Betten und blicken dann zur Decke“, gibt er zu bedenken. „Deshalb wird dem Deckenspiegel im Krankenhausbau stets mehr Aufmerksamkeit zuteil als bei anderen Gebäudetypen.“ So sind beispielsweise die Technikauslässe in den abgehängten Decken exakt mittig angelegt.

Vorbildliche Abstimmungen im Planungsprozess

Nicht nur jetzt, im laufenden Betrieb, ist das Krankenhauspersonal sehr engagiert, sondern auch schon während der Planungsphase. Es gab im Vorfeld zahlreiche Abstimmungen zwischen den Nutzern, den Bauherren und den Architekten. Aufgrund dieser sehr professionellen und – wie Strauss bestätigt – überaus freundlichen und positiven Abstimmungen funktioniert das Gebäude so, wie es sich alle erwünscht und erhofft hatten. „Es ist zwar bei jeder Krankenhausplanung üblich, dass es solche Abstimmungstermine gibt“, erklärt Strauss, „aber ich kann mich nur wiederholen, dass diese Termine hier im Pongau stets von Anerkennung und Respekt geprägt waren.“ Er stellt gegenüber, dass es beispielsweise in Deutschland, wo wörner traxler richter schon viele Kliniken geplant haben, sich durchaus anders verhält. „Der Umgang ist bei anderen Bauvorhaben dieser Art viel mehr von einem gegenseitigen Ringen zwischen Projektsteuerung und Architekten um Kosten und Termine geprägt.“ Interessanterweise – und das ist die wohl beste Nachricht – gab es neben dem exakt eingehaltenen Budget nach der Fertigstellung des Klinikneubaus im Pongau im Juni 2014 keinerlei Mängelanzeigen oder Kostenstreitereien. „Sowas habe ich zuvor noch nie erlebt“, sagt Strauss. Hätte er einen Wunsch frei, dann „immer mit so einem Team zusammenzuarbeiten.“ Melanie Seifert, München

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