Messe Basel

Wellenmeer aus Aluminiumstreifen
Messe Basel/CH

Im Gegensatz zu den meist vom Puls der Stadt abgekoppelten Messe-Monokulturen in der Peripherie liegt das Gelände der Messe Basel – größtenteils frei zugänglich – seit fast hundert Jahren inmitten des dichten Wohn- und Geschäftsquartiers zwischen Badischem Bahnhof und Altstadt.

Mit heute 141 000 m² Ausstellungsfläche und Leitmessen wie Baselworld (Uhren und Schmuck) und Art Basel zählt die Stadt am Hochrhein zu den wichtigsten Messestand­orten Europas. Schon im Jahr 2004 beauftragte die Messegesellschaft das Büro Herzog & de Meuron mit einer Vorstudie, um vorhandene Erweiterungspotentiale auszuloten. Vier Jahre später votierten die Einwohner Basels in einem Volksentscheid mit gro-ßer Mehrheit für einen Bebauungsplan, der den Bau eines von den Architekten neu konzipierten Hallenkomplexes vorsah, zugleich aber auch als klares Bekenntnis zum Messe- und Kongressplatz im Stadtzentrum zu verstehen war. Mit dem als Verlängerung einer 2-geschossigen Messehalle aus den 1990er-Jahren geplanten Neubau verfolgte der Bauherr zwei Ziele: Erstens sollte die Messe nach Aufgabe eines temporär genutzten Bahnareals und nach Abbruch zweier Vorgängerbauten am Messeplatz weiter verdichtet werden – ein erster Schritt in diese Richtung erfolgte bereits 2003 mit dem Bau des 31-geschossigen „Messeturms“, in dem ein Hotel sowie Veranstaltungs- und Konferenzräume untergebracht sind. Zweitens war der Messeplatz als wichtigste öffentliche Schnittstelle zwischen kleinteiligem Stadtgefüge und großmaßstäblichen Messebauten ebenso neu zu ordnen wie ein hochfrequentierter Straßenbahn-Verkehrsknoten. Als Antwort auf diese komplexen Vorgaben entwickelten die Architekten ein 3-geschossiges Gebäude mit einer Kantenlänge von 217 x 90 m, das nicht nur alle städtebaulichen Anforderungen erfüllt, sondern auch überaus funktionale und flexible Ausstellungs­flächen bietet. Dass der insgesamt 32 m hohe Baukörper dennoch bemerkenswert leicht und elegant wirkt, liegt an seiner Gliederung in drei deutlich ablesbare Gebäudevolumen: ein leicht zurückversetztes, teils vollflächig verglastes, teils mit dunklen Blechpaneelen verkleidetes Erdgeschoss mit sanft geschwungenem Grundriss, sowie zwei zueinander verschobene Obergeschosse, deren Fassadenflächen (u. a. zur besseren natürlichen Belichtung des Straßenraums) in sich verdreht sind. Die wohlproportionierte Dreiteiligkeit sticht Passanten vor allem in Gebäudelängsrichtung ins Auge. Dagegen entpuppen sich die scheinbar monolithischen Fassadenflächen mit großen, amorph verpixelten Flecken erst bei näherer Betrachtung als horizontale flache bzw. unterschiedlich stark ausgestellte Wellen aus Aluminiumstreifen, in denen sich – je nach Standpunkt – der Himmel oder die Stadt spiegeln. Dabei fällt angesichts der dynamisierten Kubatur und der feingliedrigen Verkleidung kaum auf, dass die über 20 m hohen Obergeschosse nahezu fensterlos sind.

Die offene Mitte

Ebenso aufsehenerregend wie die Sinuswellen ist die als städtischer Platz ausgebildete offene Mitte des Erdgeschosses. Dank einer lichten Höhe von 10 m und der mittig platzierten Oberlichtöffnung mit rund 30 m Durchmesser und 22 m Höhe erscheint der „City Lounge“ getaufte Raum zwischen Messeplatz und Clarastraße nicht als einfache Unterführung, sondern vielmehr als neues, fast fußballfeldgroßes an den südwestlichen Rand verlagertes Zentrum des Messeplatzes. Für ein angenehmes Licht sorgt eine analog zur Außenfassade konzipierte vollflächige Verkleidung aus gleichförmigen Aluminiumwellen, die nahtlos in eine ebenfalls spiegelnde Decke aus Aluminiumpaneelen übergehen, und die das Sonnenlicht bis tief in die City Lounge hinein reflektieren. Ein selbstverständlicher Stadtbaustein entsteht, nicht zuletzt durch das Fehlen einer Überdachung: So ermöglicht die Öffnung den ungefilterten Blick zum Himmel, während der Platz umgekehrt den natürlichen Witterungsverhältnissen ausgesetzt ist. Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die dort situierten Straßenbahnhaltestellen, die drei Restaurants, die Messe-Lounge und die beiden neuen Messe-Foyers mit einladend konkav geschwungenen Glasfassaden und zurückversetzten Galerieebenen.

Das Innenkonzept der Halle

Das nördliche Foyer führt die Besucher direkt in eine sich auf ganzer Breite zur rund 200 m langen Nachbarhalle öffnende neue Messehalle, während die Gäste über den nahezu identischen Eingangsbereich gegenüber in die bis zu 2500 Personen fassende Event- und Musikhalle gelangen. Raumhohe Akustik-Schiebewände an der Gebäudestirnseite sowie vor den seitlich flankierenden „Kernzonen“ sorgen dort für eine Raum-im-Raum-Lösung mit optimaler akustischer Abschirmung von und nach außen. In den langgestreckten Betonkernen befinden sich u. a. Toiletten, Lasten- und Personenaufzüge sowie notwendige Nebenräume für Personal und Haustechnik.

Gleichzeitig dienen sie zur Aussteifung des ansonsten eher zweckmäßigen Tragwerks aus Betonstützen und querspannenden Stahl- bzw. Betonträgern und Verbunddecken. Eine tragwerksplanerische Herausforderung ergab sich dagegen aus der stützenfreien Überbrückung der Eventhalle und der seitlichen City-Lounge-Bereiche – in beiden Fällen werden Lasten von längsgerichteten Raumtragwerken abgefangen. Sämtliche tragenden Bauteile, aber auch Wände, Türen und Leitungen der Messehallen erhielten einen einheitlich dunkelgrauen Farbüberzug. Wie auf einer Theaterbühne tritt die Architektur dadurch in den Hintergrund, um die Aufmerksamkeit der Besucher ganz auf die Messestände oder andere Events zu lenken.

Während der zylindrische Lichthof für den Außenraum eine zentrale Rolle spielt, erscheint er in der Mitte der beiden Obergeschosse so unauffällig wie ein einfaches Lüftungsrohr. Viel wichtiger sind hier die Fensterbänder, die zu beiden Gebäudeseiten nicht nur fantastische Ausblicke über Basel ermöglichen, sondern auch interessante Einblicke hinter die Kulissen der Aluminiumwellen gewähren. In ihrer Form erinnern die Wellen an Papiergirlanden, die sich nur dort elegant aufwölben, wo sie zuvor seitlich auseinander gezogen wurden. Nicht zufällig zeigen erste Entwurfsüberlegungen Papiermodelle mit eingeschlitzten Streifen. Die Realisierung der fließenden Wellenbewegungen wäre ohne 1:1 Modelle, ohne die enge Zusammenarbeit mit Herstellern und Metallverarbeitern und vor allem ohne ein parametrisiertes Modell kaum möglich gewesen. Nur mithilfe des von Herzog & de Meuron programmierten Computerscripts konnten Veränderungen einzelner Wellenstreifen mit allen Auswirkungen auf benachbarte Wellen berechnet werden. Eine gewisse Flexibilität war unerlässlich, um Aufwölbungen bis kurz vor der automatisierten Produktion z. B. auf die Zu- oder Abluftöffnungen der in den Kernzonen untergebrachten Haustechnikanlagen abstimmen zu können. Als Fassadenmaterial wählten die Architekten farblos eloxierte, 3 mm dicke, ca. 40 cm breite und im Sinne einer einfachen Vorfertigung nur einfach gekrümmte Aluminiumstreifen. Vorgebogen angeliefert, erhielten sie ihre endgültige Form erst durch rückseitiges, von außen nicht sichtbares Verschrauben mit schmalen Aussteifungsblechen. Die Montage der insgesamt 15 000 Wellenelemente vor der hoch wärmegedämmten Gebäudehülle erfolgte anschließend mithilfe ebenfalls passgenau vorgefertigter Konsolbleche. Der Achsabstand dieser Bleche wie auch der Hoch- und Tiefpunkte der Wellen beträgt 2,5 m – die stumpfen Stöße der Streifen befinden sich abwechselnd direkt an den Konsolen bzw. genau mittig dazwischen.

Dass das Gebäude trotz enormer Außenabmessungen heute nur aus der Vogelperspektive so groß wirkt wie es tatsächlich ist, verdankt es nicht nur der eleganten Fassade oder den ausgewogenen Gesamtproportionen. Eine große Rolle spielt vielmehr die Tatsache, dass sein Volumen für Fußgänger von keiner Seite als Ganzes erfassbar ist – auch nicht in der City Lounge, wo es durch die Sogwirkung des Lichthofs gelingt, die Baumasse für 40 305 m² Hauptnutzfläche vergessen zu machen. Die von dieser Leichtigkeit geprägte angenehme Atmosphäre wirkt sich auf die Messebesucher ebenso positiv aus wie auf die vielen Menschen, die hier täglich auf die Straßenbahn warten oder die Restaurants besuchen. Um diesen Ort auch außerhalb der Messezeiten noch besser mit der Stadt zu vernetzen und die Messe noch weiter zu verdichten, wird bereits über den Abriss des südlichen Parkhauses, den vorläufig letzten Schritt zur Neuordnung des Messeplatzes, nachgedacht.

Mit dem neuen Messekomplex von Herzog & de Meuron entstand ein für Messe und Stadt gleichermaßen identitätsstiftendes und städtebaulich bemerkenswert gut eingebettetes Bauwerk, das auf relativ kleiner Grundfläche kompakte, wirtschaftlich nutzbare Flächen und kurze Wege bietet – beste Voraussetzungen für ein ressourcenschonen des und energieeffizientes Gebäude, das als eines der ersten seiner Art über ein Minergie-Zertifikat verfügt. 

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