Wahnsinn

Das Wort „Wahnsinn” möchte einem über die Lippen kommen angesichts der Bilder, die Ahmed Mater uns aus Mekka mitgebracht hat. Seit 2008 ist der Chirurg und Künstler in und um Mekka mit der Kamera unterwegs und hat die gravierenden Veränderungen in teils spektakulären und durchaus auch beängstigenden Fotografien festgehalten.

Schon lange ist die den Muslimen dieser Welt heilige Millionenstadt ein Faszinosum für die westliche wie insgesamt für die nichtmuslimische Welt, denn Andersgläubigen ist der Zutritt ins heilige Zentrum der Weltreligion nicht erlaubt. Drei Millionen Menschen kommen jährlich zur Vollendung des Haddsch nach Mekka, pilgern die vorgeschriebenen Stationen und verlassen die Stadt nach einigen Tagen wieder. Um diese Massenbewegungen reibungslos vonstatten gehen zu lassen, wurden breite Straßen (für Fußgänger) gebaut, Tunnel gegraben, Zeltstädte angelegt. Wasser und andere Nahrung muss vorhanden sein, Ambulanzen bereit stehen. Immer wieder kommt es zu Paniken und immer wieder zu tödlichen Unfällen.

Mater gelingt es nun, den Haddsch topografisch und thematisch zu ordnen, seine mehr als 600 Fotografien führen uns Neugierige immer näher an die heiligen Orte, immer näher ans Myste­rium. Dabei verliert er nicht aus den Augen, was den Wahnsinn des Ganzen ausmacht: die gigantischen Überformungen durch Neubauten, die Arbeiter in ihren Massenunterkünften, die Privilegierten in ihren weitläufigen Luxussuiten, die Märkte im ewigen Staub der Wüste und Baustellen. Er sieht die toten Tiere, Baufahrzeuge, tote Menschen sogar, zugedeckt auf Bahren gelagert, ein riesiger Ventilator bläst über sie hinweg. Mit den die Fotos begleitenden Texten entsteht so ein Gefühl für diesen Ort, das man tatsächlich mit „Wahnsinn“ noch einmal zusammenfassen möchte. Be. K.

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