Vordach Marquee M 1324-PC, Paris/FR

Das Ingenieurbüro Bollinger + Grohmann besteht seit 2007 in Paris. Klaas de Rycke gründete es und baut es seitdem gezielt zu einem der führenden Bauingenieurbüros in Frankreich aus. Was mit der Zusammenarbeit mit Dominique Perrault begann, ist heute ein internationales Geflecht aus Architekten, Bauherrn und Künstlern, die vom Pariser Büro aus betreut werden.

Die materiellen Eigenschaften von Polymethylmethacrylat (PMMA), – umgangssprachlich Acryl- oder Plexiglas – sind vielschichtig, im Positiven wie im Negativen. Voll transparent lässt es sich gut schneiden und kleben. Allerdings ist es brennbar, kratzempfindlich und angreifbar durch Säuren und Laugen. Gegenüber UV-Einstrahlung besteht keine langfristige Beständigkeit, der Temperaturausdehnungskoeffizient ist zudem sehr hoch. Außerdem gibt es keine genormten Berechnungen nach Eurocode. Daher kommt PMMA im Bausektor nur selten zum Einsatz.

Für den französischen Künstler Phillipe Parreno lag in der Verwendung von PMMA die Faszination für seine kristalline Brillianz. Im Juli 2013 kontaktierte er Klaas de Rycke, den Leiter der Pariser Nieder­lassung des Ingenieurebüros Bollinger + Grohmann, da er bei der Konzeption und Realisation eines PMMA Kunstwerks ingenieur-technische Beratung brauchte (u. a. FEM Analyse) sowie eine Genehmigungsstatik für den Prüfingenieur sowie die Feuerwerk. Sein Kunstwerk bestand aus einem 15 m² großen Vordach, welches über dem Haupteingang seiner Ausstellung im Palais de Tokyo in Paris installiert wurde. Vier Monate hing dort eine – bis auf die Leuchten und Verkabelung – vollständig aus klarem PMMA und Polycarbonat gefertigte Dachkonstruktion.

Fünf unterschiedliche Kastenträger aus jeweils elf 8–20 mm starken PMMA Platten sind mit 60 PMMA Schrauben (38 mm Durchmesser) und 8 PMMA Bolzen (100 mm Durchmesser) verbunden. Die auf die Verarbeitung von PMMA spezialisierte Firma Abaqueplast in der Nähe von Paris fertigte in aufwändiger Handarbeit die gesamte Konstruktion vor, die dann vor Ort innerhalb einer Woche zusammengesetzt wurde. Die Platten sind strukturell verklebt und zusätzlich verschraubt. Alle Schrauben fixierte man mit einem besonderen Silikon, sie wurden aber nicht vorgespannt. Da es sich um eine tragende Konstruktion handelt, legten Bollinger + Grohmann die aufgehenden Windlasten mit 50 kg/m² und die Schneelasten mit 45 kg/m-2 aus. Die für PMMA und Polycarbonat so kritische thermische Verformung berechneten die Ingenieure für -30 °C / +30 °C. Vier komplett aus PMMA bestehende Zugstäbe nehmen die Lasten in der Fassade auf. Die beiden oberen Verankerungen bestanden aus einzelverklebten PMMA-Teilen, befestigt auf einer Stahlplatte, die zwei tieferen Zugstäbe nutzen eine vergleichbare Konstruktion. Die Unterseite des Dachs erhielt aus Gründen des Brandschutzes Polycarbonat Platten.

Das gesamte Vordach wiegt 700 kg und wird am Juni 2015 für eine weitere Parreno Ausstellung, diesmal in der Park Avenue Armory, New York, neu installiert. Christian Brensing, Berlin

„Ein interessanter Aspekt unseres Metiers liegt teilweise im Unbekannten, dem nicht Standardisierten und der dazugehörigen Recherche.“

Marquise Palais de Tokyo
Künstler: Philippe Parreno, Paris
Ingenieure: Bollinger + Grohmann, Paris (Klaas De Rycke, Jean-Rémy Nguyen)

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