„Von den Linien und den Flächen“

MGF Architekten GmbH, Stuttgart, zum Thema „Fassade“

Helles Metall, silbrig, grau bis weiß zeigt sich die Fassade des Instituts für Transurane (sie­he Seite 42). Eine Vielzahl von Linien prägt das Erscheinungsbild des Gebäudes. Es sind die zusammengefalteten Sonnenschutzlamellen, die die Gestalt der Hülle bestimmen. Kommt die Sonne hinter den Wolken hervor, schließen sich die Läden und die Konturen schärfen sich. Es wird ein homogen silbrig glänzendes Haus. Bei näherem Hinsehen erkennt man die Schichtung der Fas­sade genauer. In Rahmen eingefasste Fensterläden aus eloxierten Aluminiumblechen bilden den Sonnenschutz. Durch das Streckgitter gelangt auch bei geschlossener Fassade Licht in das vollständig verglaste Gebäude und der Blick nach außen bleibt schemenhaft bestehen. Fünf eingeschnittene Höfe belichten das Innere des 40 m breiten und 120 m langen Gebäudes. Im Gegensatz zur tief strukturierten äußeren Fassade sind die Hoffassaden glatt und bündig ausgeführt. Möglichst große Glassscheiben wurden hier verwendet, um eine maximale Transparenz zu erreichen. 60 cm schmale und 4,20 m hohe, nach außen öffnende Fenster belüften die Büros. Die Reflexionen und Spiegelungen in den Glasflächen verschleiern die räumlichen Begrenzungen der Höfe. Auf der Dachebene horizontal gelagerte Streckgitterdeckel schieben sich bei Sonne über die Höfe und schaffen dadurch einen stimmungsvoll verschatteten Raum.

Die wandelbare Erscheinung der Hülle und die Differenzierung in der Materialität der Fassaden sind Themen, welche uns besonders beschäftigen. Beeinflusst durch die spezifische Baukonstruktion der Projekte und im Spannungsfeld zwischen einem klassischen Ausdruck und dem Zeitgeist versuchen wir den funktionalen Anforderungen den passenden Ausdruck zu verleihen.

Was bestimmt unser Denken über die Gestaltung von Fassaden? Wir pflegen die Kultur der Ordnung und der Geometrie. Es ist eine immerwährende Herausforderung, die Konstruktion und Logik der Häuser auch in den Fassaden durchschimmern zu lassen. Die Repetition als gestalterisches Thema ist ein Mittel, welches uns sowohl in der Entwurfsfindung, als auch in der Entwicklung von Fassaden beschäftigt.

Wir schätzen das Modell zur Überprüfung der Idee und zur Konkretisierung des Materials. Das Modellbauen eröffnet die Chance, die Dinge neu zu sehen. Je konkreter die Fassadenentwicklung wird, desto größer wird der Maßstab im Modell. Beginnend im Maßstab 1 : 500 über 1 : 200, dann 1 : 20 werden die Formate und die Materialien untersucht und zur Entscheidungsfindung herangezogen. Im Laufe der Planung wurden beim ITU vier Fassadenmodelle im Maßstab 1:1 erstellt, um den Schließmechanismus der Verschattung zu entwickeln und zu testen, sowie die Transparenz und Verschattungswirkung der Streckgitterbleche zu überprüfen.

In der Wahl des Fassadenmaterials gibt es zunächst keine Präferenz. Es hängt direkt von der Aufgabe, dem Ort und dem Bauherren ab. Der wache Blick auf die Baukonstruktion beeinflusst immer die Systematik und Schlüssigkeit des Fassadenentwurfs. Die Skelettkonstruktion ermöglicht eine freie, eher ungebundene Fassadengestaltung, welche den Charakter einer Curtainwall nach außen zeigt. Eine Lochfassade wird immer die tragende Eigenschaft der Außenwand betonen und die Grenze von Innenraum und Außenraum deutlich zeigen.

Gegenwärtig bearbeiten wir Projekte mit der direkten Thematisierung des Konstruktionsmaterials in der Fassade. Sichtbarer Beton in der tragenden Außenschale und die Möglichkeiten der Perforation und der plastischen Bearbeitung der Fläche werden zum bestimmenden Thema der Fassade. Die Betonung des Materials in einer Zeit der zunehmenden Verdämmung und Aufpolsterung der Häuser durch mannigfaltige Dämmsysteme kann einen Weg im Umgang mit den zunehmenden Anforderungen an die Gebäudehülle weisen. Neben der klassischen Schichtung von Baustoffen in tragende, dämmende und verhüllende Bauteile wird auch der Blick zurück zur homogenen Wand wichtig bleiben.

Die Architekten

Dipl.-Ing. Jan Kliebe

1971 geboren in Mainz

1992–1999 Studium in Kaiserslautern

2001 Freier Architekt

2007 Lehrauftrag Universität Stuttgart

Dipl.-Ing. Josef Hämmerl

1969 geboren in Landshut

1991–1998 Studium in Kaiserslautern

2001 Freier Architekt

2001/2002 Lehrauftrag HFT Stuttgart

www.mgf-architekten.de

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