Viel besser als nur
günstig wohnen
Wohnanlage, Ølby, Køge / DK

Auf der grünen Wiese in der kleinen Ortschaft Ølby, die zur Kommune Køge gehört, ist den Juul Frost Architekten ein Experiment gelungen. Etwa 45 km südlich von Kopenhagen ist sozialer Wohnungsbau nicht nur auf Schein erhältlich, sondern jeder darf an dem günstigen Wohnraum teilhaben: Junge Paare, Singles, Allein-erziehende, Familien und Senioren sind in die neue Nachbarschaft eingezogen.

Die drei Mitglieder des Architektur-Ausschusses der Dänischen Kunststiftung wollten es wissen: Können Architekten billig bauen? Sie wollten keine weiteren Zeichnungen und Modelle sehen, sondern echte Gebäude. Sie überzeugten einen Projektentwickler von ihrer Idee: Die Stiftung bringt sich mit der Finanzierung eines Architektenwettbewerbes ein, und der Bauherr verpflichtet sich, den Vorteil des günstig erstellten Wohnraums an Käufer und Mieter weiterzugeben. Erst in der zweiten Wettbewerbsphase bekamen die Architekten den tatsächlich angestrebten Preis von 4.200 Dänischen Kronen für den fertigen Quadratmeter genannt – Baukosten für die Erstellung des Gebäudes und für die Außenanlagen. „Sozialer Wohnungsbau kostet mehr als das Doppelte“, erinnert sich Flemming Frost an seine erste Reaktion. „Das sind etwa 600 € – das war verrückt.“ Der Entwurf der Juul Frost Architekten setzte sich durch und versprach am ehesten, das kühne Ziel zu erreichen.

Zur gleichen Zeit bearbeiteten die Architekten in ihrem Kopenhagener Büro ein Projekt im sozialen Wohnungsbau in Massivbauweise, das die Planer beispielhaft herunterrechneten. Was für den veranschlagten Preis blieb, war allein die Betonkonstruktion. Ein anderer Ansatz als die gewohnte Herangehensweise musste her. „Zuerst haben wir tatsächlich versucht, ob wir in Russland fertige Module kaufen können, die man im gewerblichen Bereich verwenden würde“, beschreibt der Architekt. „Dann fragten wir uns: Was machen wir hier?“ Bei den Nachbarn wurden die Architekten fündig, und die konstruktive Lösung war nicht einmal revolutionär: Eine einfache, elementierte Holzbauweise, die in Schweden üblich ist.

Rationalisierung fängt jedoch nicht erst in der Konstruktion an, sondern beginnt mit der übergeordneten Struktur. Die Wohnsiedlung besteht aus drei Bauabschnitten, die in sich jeweils eine Nachbarschaft bilden und die sich über eine öffentliche Erschließungszone zu einem Ganzen zusammenfügen.

Ähnlich sind die Bauabschnitte in sich aufgeteilt: „Wir haben hier keine Reihen- und Punkthäuser und keine Blockstruktur gemacht“, erklärt Flemming Frost, „sondern wir haben je zwei Laubengänge, an denen wir die Häuser parken – wie Hausboote im Wasser.“ Auf diese Weise kommen 40 Wohneinheiten mit einem Aufzug aus. Die Erschließungswege liegen wie Stege im Außenraum. Die lockere Anordnung der Häuser erlaubt Durchblicke ins Grün oder in die öffentlichen Bereiche aus verschiedenen Perspektiven. „Kostenlos sind eigentlich nur die Zwischenräume. Deshalb haben wir alle Qualitäten dieser Bereiche so weit wie möglich genutzt“, erklärt Flemming Frost. In dem Laubengang sieht er eine Transformation von engen Passagen in einer alten Stadt, wo man die Begegnung mit anderen Menschen mag. Und so trifft man sich auch hier auf den gemeinsamen Erschließungswegen. Man sei hier nicht einsam wie in einer anonymen Wohnung im fünften Stock. Dichte bietet viele Möglichkeiten, aber auch Probleme. Man müsse die Balance finden.

Die Häuser setzen sich aus einzelnen Wohneinheiten zusammen, die sich aus verschiedenen Bausteinen zusammenfügen. Der Architekt lacht bei dem Vergleich mit den kleinen, bunten Plastiksteinen, die von Dänemark aus die Kinderzimmer weltweit eroberten: „Hier haben wir einen Stein mit acht Punkten.“ Das Grundmodul, eine Wohnung mit 86 m², die sich über eine Ebene erstreckt. Ein Vierer-Stein oben drauf oder unten drunter, ergibt eine Wohnung mit 129 m². Zieht man einen Zweier ab, ergibt sich eine Wohnung mit 65 m² und eine andere Wohnung erhält einen extra Raum für ein Home-Office oder für Teenager. Was spielerisch und leicht klingt, fordert in der Ausführung technisches Know-how und Präzisionsarbeit. Die ausführenden Firmen standen früh fest und wurden in den Planungsprozess eingebunden. „Wir arbeiten mit großem Respekt mit anderen Fachkräften zusammen. Hier mit den Leuten, die diese Häuser bauen können“, erklärt Flemming Frost. Es wurde ein Modell von einem zweigeschossigen Haus im Maßstab 1 : 1 angefertigt, an dem Details, Konstruktionen und die Montage der Fertigteilelemente exakt erprobt werden konnten – schließlich sollten insgesamt 270 Einheiten entstehen. Am Ende war die Konstruktion so ausgefeilt, dass an einem Arbeitstag neun Wohneinheiten errichtet werden konnten. Während die Wände gestellt wurden, montierten andere Arbeitskräfte die Dachelemente am Boden vor und setzten das Dach als Ganzes auf.

Wichtig gleich zu Planungsbeginn war die exakte Bestimmung der Anforderungen an die Wohnungen. Welche Ansprüche sollten sie erfüllen und worauf konnte verzichtet werden. Flexibilität war geboten, aber natürlich nicht um jeden Preis. Die Käufer und Mieter finden hier bezugsfertige und voll funktionstüchtige Wohnungen. Die Sanitäreinheiten sind fest installiert und schaffen durch ihre mittige Anordnung in dem sonst leeren Raum eine erste Zonierung. Die Kochnischen sind auf ein Minimum reduziert, können aber bei Bedarf erweitert werden. Sofern gewünscht, können die Bewohner weitere Innenwände einfach einbauen. In der Planung wurde entsprechend Vorsorge getroffen, indem die Elektroinstallation so ausgerichtet ist, dass sie die Wohnung komplett über die umlaufenden Wände und über den Sanitärkern mit Anschlussmöglichkeiten versorgt.

Alle Wohnungen sind mit sechs raumhohen Fenstern ausgestattet, die meisten Wohnungen sind von drei Seiten natürlich belichtet. Balkone können die Bewohner zusätzlich kaufen. Die Architekten untersuchten jede Wohneinheit auf die bestmögliche Balkonposition und sahen dort eine Befestigungsmöglichkeit vor. Jede weitere Vorrichtung wäre zu teuer gewesen.

Kleinere Raumeinheiten, etwa zur Nutzung als Home-Office oder als Zimmer für Jugendliche, können zur Wohnfläche zugeschlagen werden. Diese sind über den Laubengang zu erschließen. Einen eigenen Wasseranschluss, den man vielleicht erwarten würde, gibt es nicht, denn bei dem engen Budget geht es auch anders als gewohnt. Einsparpotential ergab sich zudem durch die Aktivitäten des Bauherren, der direkt mit Herstellern von etwa Fenstern und den Kücheneinrichtungen Kontakt aufnahm, über die Preisgestaltung verhandelte und so den Weg über Zwischenhändler ausschaltete.

Präzision, Rationalisierung und Organisation haben bei diesem Projekt die größten Einsparpotentiale freigesetzt. „Das Wichtige am kostengünstigen Bauen ist, dass man das Projekt in seiner Ganzheitlichkeit erfasst“, sagt Flemming Frost. „Wenn man ein Projekt günstig realisieren möchte, kann man es nicht wie gewohnt angehen. Man muss es einfach und präzise halten.“ Eine exakte Organisation zwischen Bauherren, Handwerkern, Fachingenieuren und Architekten sowie der Abläufe auf der Baustelle seien notwendig. „Niemand hat sich hier getraut, nach einem bisschen mehr hier und einem bisschen mehr dort zu fragen. Es gab kein Geld dafür. Das war allen klar.“ Was vielleicht hart klingt, trägt hier zur gestalterischen Klarheit bei. Der Test ist zweifelsohne bestanden: Architekten können günstig bauen – soziale Qualitäten, viel grüner Freiraum und ein hoher architektonischer Anspruch im Preis inbegriffen. Christiane Niemann, Hamburg

Projektdaten                                                                                       

Objekt: Kostengünstige Wohnanlage  
Standort: Ølby, Køge, Dänemark
Bauherr: Bedre Billigere Boliger A/S
www.bedrebilligereboliger.dk                 
Nutzer: Mieter, privat genutzt
Architekt: Juul Frost Architects,
Kopenhagen
Team: Helle Juul, Flemming Frost, Franz Odum, Stig Billing, Andrew Place 
Bauzeit: 2004-2008                                  
Innenarchitekt: Juul Frost Architects, Kopenhagen                                                 

Fachplaner

Tragwerksplanung: Aicon
Techn. Gebäudeausrüstung: Aicon
Lichtplanung: Aicon
Konstruktionsart: Vorfabrikation
Bauteile: Vorfabriziert: Wände, Böden, Zinkabdeckung

Materialien

Wände und Böden: Holz
Verkleidung: Zinkplatten

Projektdaten

Grundstücksgröße: 65 000 m²        
Nutzfläche gesamt NF: 27 000 m²

Baukosten

Gesamt brutto: 36 000 000 €       
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