Tauerngrün im Foyer
Ein Gespräch mit Claudia Roggenkämper, Düsseldorf

Das Bauen im Bestand kann wunderbar sein, birgt aber immer auch Unvorhersehbares. Wie HPP mit einer Ikone der Nachkriegsmoderne in der gerade abgeschlossenen Modernisierung verfuhr, darüber sprachen wir mit der zuständigen Projektpartnerin von HPP Architekten, Claudia Roggenkämper, im Foyer des wiedererstandenen Dreischeibenhauses in Düsseldorf, entworfen in den Fünfziger Jahren von Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg mit Fritz Eller, Erich Moser und Robert Walter.

Liebe Frau Claudia Roggenkämper, HPP modernisiert HPP. Macht das Sinn oder ist das einfach nur schön?

Dass HPP dieses wunderbare Gebäude von HPP modernisieren konnte, hatte sicherlich unseren Eifer besonders herausgefordert. Aber es gibt ganz pragmatische Gründe, schließlich ist HPP der Architekt dieses Hauses und hält damit Urheber- und Nutzungsrechte. Da sind wir schon ganz zwangsläufig mit im Boot.

Hat das Vorteile? Vielleicht, weil man die eigenen Kinder besser kennt als die der Nachbarn?

Ich glaube die Vorteile überwiegen. Von Vorteil war, dass wir ein großartig bestücktes Archiv haben und auf jede Menge Material zurückgreifen können. Damit können wir Originalzustände – falls gewollt – authentisch wiederherstellen. Und das muss ich deutlich sagen, dass wir ein starkes Interesse daran haben, ein solches Gebäude – Baujahr immerhin von 1960 – so zu ertüchtigen, dass es für eine längere Zukunft fit gemacht ist. Aus einem komplett klimatisierten Gebäude eines mit öffenbaren Fenstern zu machen und dabei immer dem Denkmalschutz gerecht zu werden, ist eine gewaltige Leistung, die nicht jedes Büro so konsequent hätte durchsetzen können.

Warum genießt das Dreischeibenhaus Denkmalschutz?

Weil es ein Vorreiter für spätere Bauten war. Die Stahlskelettbaukonstruktion dieser Art hat es in ganz Europa zu dieser Zeit nicht gegeben. Es wurde in unglaublich schneller Zeit gebaut: Grundsteinlegung war 1957, fertiggestellt war es 1960. Das ist für ein Haus mit 30 000 m² BGF gewaltig gewesen. Es wurden ganz neue Materialien verwendet, die Fassade komplett in Glas/Aluminium. Und, was das Gebäude bis heute noch auszeichnet, ist das Verhältnis von Breite zu Höhe, nämlich von 1:11, das ist auch heute noch besonders.

Hat Sie der Denkmalschutz behindert oder gar beflügelt?

Tatsächlich eher beflügelt. Ja, diese Bauaufgabe war für uns ein ganz besonderer Spaß. Das Denkmalamt in Düsseldorf ist darin sehr kooperativ, gemeinsam eine Lösung zu finden. Natürlich entsteht aus denkmalpflegerischen Auflagen auch dieser besondere Ehrgeiz, Lösungen zu finden, die den Charakter des Hauses erhalten.

Bezieht sich das nur auf die das Haus prägende Fassade?

Nicht nur die Fassade, auch das komplette Foyer steht unter Denkmalschutz. Es gab am Anfang schon Bestrebungen, Änderungen vorzunehmen. Beispielsweise bei der Farbigkeit der Stützen. Hier wollte man abweichen von der Bestandsfarbe Petrol. Nach Versuchen unsererseits und Einsprüchen der Denkmalexperten haben wir gemeinsam festgestellt, dass eine Farbänderung dem Erscheinungsbild des Hauses schadet. Ähnliches gilt für die Foyerdecke, die ebenfalls umgestaltet werden sollte. Wir haben es nicht gemacht. Vielleicht kennen Sie die wunderbaren Fotografien der Candida Höfer, die den unsanierten Zustand zeigen. Auf den Bildern und natürlich jetzt vor Ort sieht man, dass die Gestaltung dieses Raumes etwas sehr Zeitloses hat, das zu ändern unsinnig wäre.

Mit welchen Fachplanern haben Sie wie zusammengearbeitet?

Gleichermaßen mit allen Disziplinen. Tragswerkplaner, wegen Änderungen der inneren Strukturen. Haustechniker, weil wir das Haustechniksystem von einer zentralen zu einer geschossebezogenen, dezentralen Lösung geführt haben. Wir hatten zwar die Idee, wie die Fassade als Bild gerettet werden könnte, doch wie das im Detail zu planen war, wie also Dichtungsebenen wo zu sitzen haben, wie wir Fassadenbeanspruchungen realistisch simulieren können, wie Wärmeschutz dazu kommt, das können die Fachplaner einfach besser. Und nicht zuletzt die Bauphysik, die ebenfalls sehr wichtig ist.

Hätte man das Dreischeibenhaus auch anders als mit reiner Büronutzung bespielen können?

Wir haben am Anfang alles was möglich ist geprüft. Wohnen, Hotelnutzung — letztendlich kam aber dabei heraus, dass das Tragwerk und die Haustechnik diese Nutzungen nicht erlaubt hätten. Zusätzliche Ver- und Entsorgung wäre nur auf Kosten großer Flächen möglich gewesen. Und es fehlen die Balkone für eine Wohnnutzung, die hätte der Denkmalschutz aus offensichtlichen Gründen nicht zugelassen! Insofern sind wir nach ausführlicher Prüfung wieder bei der Büro-nutzung angekommen. Die heute allerdings etwas ganz anderes erfordert. Die Umnutzung von einem Single Tenant zu einem Multi Tenant Gebäude macht aus dem modernisierten Hochhaus ein Haus mit ganz anderen Anforderungen. Ein Nutzer, eine zentrale Technik, jeder kann bei jedem durchlaufen, alles kein Problem. Jetzt haben wir viele verschiedene Mieter, kleinteilige Mietflächen mit unterschiedlichen logistischen Problemstellungen. Schon diese Weiternutzung zu ermöglichen war nicht gerade eine leichte Aufgabe.

Es gab Bauverzögerungen …

Die gab es. Ein Grund dafür war die komplizierte Baustellenlogistik in der Großbaustelle Kö-Bogen, der Neugestaltung des Schadow-Platzes, jetzt kommt Kö-Bogen 2. Hier noch Baustellenflächen einzurichten in einer offen gehaltenen Verkehrsstruktur war nicht einfach.

Der unberechenbare Bestand … Gab es böse Überraschungen?

Wir sind hier natürlich durch zahllose Projekte vorgewarnt. Trotzdem geht man immer wieder davon aus, bestimmte Dinge vorzufinden. Man öffnet sie dann und muss feststellen, dass das ganz anders ist. Anfangs glaubt man noch, dass man Dinge in jedem Fall behalten könnte. Die Glasanlagen, die Mietbereichszugangstüren wollten wir lediglich sanieren. Da mussten wir feststellen, dass die Türen heutigen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden. Also wurden sie ausgewechselt. So ergibt sich nach und nach ein etwas anderes Bild. Verzögerungen gab es auch durch den Wintereinbruch im Steinbruch.

Steinbruch?

Der so genannte Tauerngrün Serpentinit im Foyer hatte es allen so angetan, dass wir uns entschlossen haben, diesen Stein auch für beispielsweise die Aufzugfoyers zu verwenden. Da der Steinbruch, aus dem die Platten stammen, aber geschlossen war, haben wir es zuerst in Indien, China und was weiß ich wo noch versucht. Aber letztendlich sind wir auf den Ursprungssteinbruch zurückgekommen und hatten das Glück, hier noch Material beziehen zu können.

Thema Brandschutz: Was wurde hier getan?

Die Brandschutzanforderungen sind insbesondere nach dem Flughafenbrand in Düsseldorf über die Jahre verschärft worden. Dass die beiden Rettungstreppenhäuser in einem Foyer enden war ein Problem. Wir haben hier Rauchschutzvorhänge so installiert, dass sie niemandem auffallen, den Brandschutzanforderungen aber genügen. Wir mussten auch zweite Fluchtwege zu den Treppenräumen schaffen.

Was gibt es zur Haustechnik zu sagen?

Das wird von Mieter zu Mieter unterschiedlich realisiert. Beim Licht beispielsweise mit Präsenz- oder Bewegungsmeldern. Die doppelten Lichtbänder parallel zur Fassade sind im ganzen Haus aber einheitlich, auch von der Lichtfarbe. Die Haustechnik haben wir von zentral auf dezentral umgestellt, jeder Mieter kann hier individuell steuern. Alle Büros sind durch die nun öffenbaren Fenster natürlich belüftet.

Ist das Restaurant ein Zugeständnis an den öffentlichen Raum, der Versuch einer Öffnung der Stadt in der Stadt?

Die Idee, ein Restaurant hier im Erdgeschoss zu planen, kam während der Projektphase. Und Sie sehen es ja selbst: Hier ist immer etwas los, hier kommen und gehen Menschen ...

… obwohl das Restaurant noch gar nicht eröffnet hat. Ist das Dreischeibenhaus für HPP so etwas wie ein Fetisch?

Allein in Düsseldorf hat HPP über 400 Projekte realisiert, um nur mal eine Zahl zu nennen. Aber in der Tat hat das Gebäude eine zentrale Bedeutung. Und für HPP bedeutete es damals, national und auch international bekannt und anerkannt zu werden.

Was mögen Sie denn an diesem Haus am Meisten?

Das Foyer. Ich finde es umwerfend. Candida Höfer hat es fotografiert, ein Abzug davon hängt bei mir zuhause.

Mit Claudia Roggenkämper, Dipl.-Ing. Architektin, Projektpartnerin HPP Hentrich-Petschnigg & Partner GmbH + Co. KG sprach DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 9. Dezember im Foyer des von HPP grundlegend modernisierten Dreischeibenhauses in Düsseldorf.

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