Vorfertigung – Warum eigentlich?Prof. Christian Schlüter, Wuppertal zum Thema „Vorfertigung“

Im Rahmen der allgemeinen Digitalisierung der Produktionsprozesse, Stichwort Industrie 4.0, ist auch die Vorfertigung im Baubereich wieder verstärkt in den Fokus gerückt. Immer öfter ist von Systembau und Modulbauweise die Rede sowie von industriellem oder auch seriellem Bauen. Insbesondere durch die aktuelle gesellschaftliche Diskussion über die Notwendigkeit zur kurzfristigen Schaffung von preiswertem Wohnraum werden der Vorfertigung viele Potentiale zugeschrieben. Vielleicht auch teilweise zu viele. Vorfertigung bietet Chancen, birgt aber eben auch Risiken. Gute und im besten Sinne nachhaltige Architektur ist mit ihr, aber natürlich auch ohne sie möglich.

Für uns als Architekten liegen die Hauptvorteile in der deutlich besseren Bauqualität, die bei einer werksseitigen Produktion grundsätzlich möglich ist. Die Ausführung von Bauqualität auf der Baustelle hat sich durch die wachsende Abnahme echter Handwerker auf der Baustelle – nicht zuletzt befördert durch ein absurdes Vergaberecht –  erheblich verschlechtert. Die richtigerweise verfolgte Reduktion der Energiebedarfe in Neubau und Bestand erfordert aber eine höhere Ausführungsqualität (z. B.: Wärmebrückenfreiheit, Luftdichtheit etc.). Auch die der Vorfertigung nachgesagte Verkürzung der Bauzeiten können wir aus eigener Anschauung und vielfältiger Projekterfahrungen eindeutig bestätigen. Dieser Vorteil verbleibt auch – die nötige Planungserfahrung vorausgesetzt – im gesamtem Projektablauf, trotz der aufwändigeren Planungsprozesse, erhalten.

Leichtbauweisen wie Holz- und Stahlbau weisen im Rahmen der Vorfertigung und der damit einhergehenden Transportthemen Vorteile auf. Aber natürlich sind auch schwere Bauweisen aus Stahlbeton möglich. Aufgrund der schlechteren CO2-Bilanz von Beton sollte dieser jedoch nur dort eingesetzt werden, wo seine Vorteile (z. B. Brandschutz, Speicherfähigkeit) auch tatsächlich notwendig sind. Neben der Frage der Baustoffauswahl sollte aber vor allem die spätere Rückbaubarkeit und Weiterverwendung von Bauteilen im Fokus stehen (hierzu auch das Stichwort: cradle to cradle). Durch die meist mechanischen und lösbaren Verbindungstechniken bieten vorgefertigte Bauweisen hier große Vorteile.

Über die Vorfertigung Kostenvorteile zu erzielen ist zwar möglich, aber keinesfalls gesichert.  Insbesondere bei Betrachtung von Lebenszykluskosten darf bezweifelt werden, ob der Einsatz der aus der Industrie als Fertigprodukt angebotenen Modulbaulösungen wirtschaftlich vorteilhaft ist. Gerne wird in diesem Zusammenhang auf die mögliche Einsparung von Planungskosten verwiesen. Aber genau hier liegen eben auch die Risiken der Vorfertigung, wenn man sie mit der möglichst massenhaften Verwendung immer gleicher Module gleichsetzt. Die negativen Erfahrungen hierzu sind insbesondere im Wohnungsbau allgemein als „Plattenbau“ bekannt.

Bei den anstehenden Bauaufgaben sowohl zur Modernisierung des Bestandes, der erforderlichen Nachverdichtung bestehender Gebäude sowie ggf. auch zusätzlich nicht auszuschließender notwendiger Neubauten kann daher nur die Planung mit individuel­len Vorfertigungssystemen auf die Aufgabe angepasste und optimierte Lösungen bieten. Hier ist die zunehmende Digitalisierung der Bauprozesse hilfreich, um die Vorteile von Vorfertigung auch für Kleinstserien nutzbar zu machen. Die voranschreitende Verbreitung digi­talisierter Planungsprozesse ermöglicht dabei, auch klein- und mittelständischen Betrieben und Planungsbüros individuelle und spezifische Lösungen anzubieten. Der Erhalt eben dieser Firmenstrukturen ist ein wichtiger Baustein zur langfristigen Sicherstellung wirtschaftlichen Bauens. Das hierdurch auch im baukulturellen Sinne herausragende Lösungen ermöglicht werden, wird auf den nachfolgenden Seiten ersichtlich.

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 07/2016

Systembau in Holz

Die Wilhelm Nusser GmbH Systembau hat sich als Spezialist im Holzrahmenbau positioniert. Die Firma bietet mit ihrer gebrauchsmustergeschützten Systembauweise aus Holzrahmenwänden mit Betondecken...

mehr
Ausgabe 12/2016

61. BetonTage – Vorfertigung schafft Lebensräume www.betontage.de, www.innovationspreis-betonbauteile.de

Die Betonfertigteilbauweise gewinnt, nicht zuletzt im Zuge der aktuellen Diskussion um den Mangel an bezahlbarem Wohnraum, immer mehr an Bedeutung. Um die wohnungsbau- wie auch sozialpolitische...

mehr
Ausgabe 12/2017

Vorgefertigte Bauelemente

Zum Kerngeschäft der Brüninghoff-Gruppe gehört u.?a. die Produktion von vorgefertigten Bauelementen aus Beton, Stahl, Holz und Aluminium, die sich durch eine besonders exakte Vorfertigung...

mehr
Ausgabe 10/2018

Solarfolien für GIPV

Als regionales Energieversorgungsunternehmen evaluieren die Lechwerke AG verschiedene Solartechnologien, auch im Rahmen der Gebäudeintegrierten Photovoltaik (GIPV). Im Rahmen des Projekts...

mehr