GESCHÄFTSMODELL

»Spezialisierung hilft allen!«

Sarah Centgraf unterhielt sich mit Lisa Wohlfrom, Daniel Schrade und Sirri El Jundi vom Architekturbüro JSB über ihr Geschäftsmodell und warum Spezialisierung auf einem Gebiet Sinn macht.

Was war Ihre Vision, als Sie das Architekturbüro JSB gegründet haben?

Lisa Wohlfrom (LW): Eine Grundidee war bereits vorhanden. Sirri, Daniel und Jan hatten schon alle eine bestimmte berufliche Ausrichtung. Jan in der Ausführung, Daniel in der Planung und Sirri aus dem Entwurf und mit einer Affinität zur IT. So ergab sich die Idee, die Stärken des Einzelnen zu bündeln und sich zusammenzuschließen. Der Fokus lag dabei von Beginn an auf der Ausführungsplanung in 3D bzw. mit BIM. Wir haben alles von Grund auf aufgezogen: Wohin soll es gehen? Wie sieht der Markt gerade aus? Was machen andere Architekturbüros? Gibt es Spezialisten oder vermehrt Büros, die breiter aufgestellt sind? Auf dieser Grundlage haben wir angefangen, uns zu sortieren und unser Geschäftsmodell zu entwickeln.

Wie haben Sie Ihre Vision umgesetzt?

Sirri El Jundi (SEJ): Wir haben geschaut, wo es Gemeinsamkeiten gibt und was die Stärken und Schwächen der einzelnen Personen sind. So sind auch die unterschiedlichen Abteilungen der JSB entstanden. Wir sind nicht alle in der Ausführungsplanung tätig. Dennoch verfolgen wir alle ein Ziel: Eine Leistung anzubieten mit einer Vision dahinter, die das Profil jedes Einzelnen von uns stützt. Durch Standards und abgestimmte Prozesse können wir schneller und wirtschaftlicher arbeiten und uns so trotz bzw. gerade durch die Spezialisierung am Markt behaupten.

Daniel Schrade (DS): Als das BIM-Thema stärker wurde, haben wir das als Chance gesehen, uns zu positionieren und JSB zu gründen. Und uns zu spezialisieren: auf 3D-Modelling und die Ausführungsplanung.

Zusammengefasst: eine Dienstleistung nach Baugenehmigungsplanung und Ausführungsplanung mit BIM?

DS: Die meisten Büros sind noch Generalisten! Sie wollen alles. Sie wollen das Haus entwerfen, das Haus genehmigen, das Haus bauen und am Ende noch bauleiten. Dieses komplette Leistungsbild ist bei vielen Architekturbüros noch verankert. Wir wollen uns abheben: durch die Planung mit BIM, aber auch durch die Spezialisierung unserer Dienstleistung. Wir sind Profis in der Ausführungsplanung, unterstützen aber auch mit unserem Fachwissen in den ersten Leistungsphasen.

SEJ: Unsere Analyse hat uns gezeigt, dass es Leistungen gibt, die nicht alle Architekten gerne tun. Die Ausführungsplanung gehört hier beispielsweise dazu. Wir hingegen übernehmen diese Leistung sehr gerne. Und das sehr gut. So können Architekten, die ihre Stärken im Entwurf haben weiterhin entwerfen und wir uns gegenseitig entlasten. Und unseren Kunden können wir so maßgeschneiderte Lösungen für Probleme im Projekt bieten.

Beschreiben Sie Ihre Arbeitsweise?

DS: Wir arbeiten sehr viel mit Generalunternehmen zusammen. Klassischerweise erhält der GU den Auftrag und wir bekommen vom GU die Ausführungsplanung beauftragt. Das ist eigentlich unser täglich Brot.

Beschreiben Sie Ihre Unternehmenskultur?

LW: Wir haben, bevor wir die JSB gegründet haben, im Rahmen des Gründungsworkshops überlegt, wie wir das Unternehmen gestalten möchten, sowohl nach außen als auch nach innen. Also, welche Werte uns besonders wichtig sind, an was für Grundpfeilern wir festhalten wollen. Und haben diese dann direkt mit der Gründung ins Team transportiert. Wir haben das im Rahmen einer kleinen Veranstaltung gemacht, so dass jeder mitgenommen wurde.

Was sind Ihre Werte?

LW: Wir haben drei Werte für uns definiert: Unser erster Wert ist Ehrlichkeit. Das beginnt beim täglichen Austausch und geht hin bis zur Fehlerkultur und Transparenz gegenüber dem Kunden. Der zweite Wert ist Individualität: Das sieht man auch ganz gut an unserem Team. Wir sind alle sowohl persönlich als auch fachlich unterschiedlich. Wir haben Mitarbeiter mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund – vom Architekten über Handwerker bis hin zu BWLern. Der dritte Wert ist Neugier bzw. Wissensdurst. Nie aufhören, nie zufrieden sein, sich stetig verbessern wollen. Hierzu haben wir intern eine ­eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung, mit der wir die JSB immer weiterentwickeln und voranbringen möchten.

Wo soll es für Sie und Ihr Büro in Zukunft hingehen?

DS: Wir werden weiterhin in unserer Spezialisierung bleiben und unsere ­beratende Funktion ausbauen. Z. B. Modellprüfungen, Modellkoordination und Informationsanforderungen. Da besteht eine große Nachfrage. Vielleicht muss man da langfristig auch ein wenig flexibler sein und nicht nur in der Ausführungsplanung unterstützen, sondern auch ein Entwurfsbüro bei der 3D-Modellierung unterstützen. Wir kommen früher in die Planung und übernehmen verstärkt das BIM-Management. Auch das ist ein Feld, das wir in Zukunft verstärkt bespielen möchten.

Jetzt haben wir über Ihre Entwicklung bis heute gesprochen. Welche zukünftigen Entwicklungen sehen Sie in der Architektur?

SEJ: Holz kommt! Die Holzbauweise, die modulare Art und Weise zu bauen, wird extrem populär werden. Der hohe Vorfertigungsgrad spielt hier eine entscheidende Rolle. Das funktioniert noch besser mit der BIM-Methode, weil man aus den Gebäudemodellen direkt in Produktion gehen kann. So kann man noch besser ohne Kollisionen und Fehler bauen. Zudem ist Holz ein nachwachsender Rohstoff. Deswegen ist die Kombination aus Holz, Modulbauweise und Verdichtung in die Vertikale zukunftsweisend – also Hochhäuser aus Holz.

DS: Die serielle Bauweise, die Vorfertigung und die Vorentwicklung ist der in der Autoindustrie ähnlich. Man hat einen Prototyp und muss dann nur noch die Elemente produzieren und diese direkt an die Baustelle liefern. Das, denke ich, wird ein großer Punkt in den nächsten Jahren sein und in der Architektur.

Welche Anknüpfungspunkte gibt es da für Ihr Büro?

DS: Wenn wir einen hohen Vorfertigungsgrad haben, dann bleibt die Gestaltung ein wenig auf der Strecke. Es gibt nicht mehr dieses individuelle Haus. Es gibt ein Raster und gleichartige Fassadentypen. Bei solchen Haus-typen wird dann die Ausführung wichtiger als das Entwurfsthema. Da kommen wir ins Spiel, denn natürlich benötigt der hohe Vorfertigungsgrad des seriellen und modularen Bauens ein gewisses Know-how aus den späteren Leistungsphasen.

Da prognostizieren Sie eine düstere Zukunft für alle Frank O. Gehrys dieser Welt.

DS: Es wird natürlich weiterhin die speziellen Gebäude geben, bei denen sich Architekten austoben können. Aber ob sich jeder Architekt an einem Wohnblock austoben muss, das weiß ich nicht.

Welche Innovationen in der Architektur wünschen Sie sich?

SEJ: Ich wünsche mir, dass mehr Leute Zugang zu BIM bekommen bzw. dieser Zugang geschaffen wird. Ich wünsche mir, dass man unsere Art und Weise zu planen auf die Baustelle bringt. Da wünsche ich mir jedoch günstigere und papierlose Varianten für z. B. AR-Brillen. Das steckt noch in den Kinderschuhen. Ich wünsche mir, dass das Bauen komplett durchgängig wird, ohne Schnittstellenbrüche und ohne den Verlust von Wissen und Informationen.

DS: Aus meiner Sicht wäre auch von Seiten der Politik mehr Druck in Richtung BIM und Digitalisierung der Bauwirtschaft wünschenswert.

SEJ: Da sollte Geld in die Hand genommen werden, um die Leute durch Schulungen zu befähigen …

DS: … oder Architekturbüros zu subventionieren. Man spricht seit X Jahren von BIM. Aber es gibt noch nicht mal die Möglichkeit, einen digitalen Bauantrag abzugeben. Und alle sprechen trotzdem von Digitalisierung. Das ist das krasseste Beispiel, an dem man merkt, dass etwas in der Politik falsch läuft. Warum sollte ein Büro, das 2D plant und ausgelastet ist, die Umstellung selbst finanzieren? Wieso sollte es auf BIM umsteigen? Das Büro hat keinen Grund und keinen Bedarf. Das finde ich sehr schade, denn einige EU-Länder sind unter anderem auch aufgrund der politischen Unterstützung schon viel weiter. Insgesamt wünsche ich mir ein Umdenken, auch auf Seiten der Architekten. Spezialisierung hilft allen! Die, die Wettbewerbe machen, sollen Wettbewerbe machen. Darin sind sie gut. Das Haus bauen können wiederum andere, die darin ihre Stärke sehen. Das Bauen wird immer komplexer: Schaut, was ihr am besten könnt, nehmt diese Nische und spezialisiert euch darin. Verbrennt nicht eure Kapazitäten!

Das Gespräch mit Lisa Wohlfrom (Strategie- und Unternehmensentwicklung), ­Daniel Schrade und Sirri El Jundi führte DBZ Redakteurin Sarah Centgraf am 23. Oktober 2018 via Skype.

Wie kann die Zukunft von Architekturbüros aussehen? Wie verändern die Digitalisierung und die Arbeit mit BIM die Arbeit von Architekten? Warum Spezialisierung durchaus Sinn machen kann, erläutern Daniel Schrade, Sirri El Jundi und Lisa Wohlfrom am Beispiel des Geschäftsmodells des Architekturbüros JSB.

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