Schifffahrtsmuseum Helsingør/DK

Es ist schon ein paar Monate her, dass in Helsingør, am Nordende der dänischen Insel Seeland, nur 500 m Luftlinie vom Schloss Kronborg entfernt, ein Museum eröffnet wurde. Natürlich von der dänischen Königin. Schloss Kronborg, literarischer Ort von Shakespears Hamlet und damit groß genug, Weltkulturerbe zu sein, sollte, so die Bedingung für den UNESCO-Listenplatz, von seiner Museumslast befreit werden: Das hier seit 1915 beheimatete Schifffahrtsmuseum musste ausziehen um das Schloss in seinen – wie auch immer – historischen Zustand zurück zu versetzen. Und zugleich war das Hamletschloss die Muse der Architekten, die hier 2007 den Wettbewerb gewannen

Das jedenfalls erzählte David Zahle von BIG-Bjarke Ingels Group, Kopenhagen, auf dem Architektur-Kongress in Essen, auf dem es um Neues Bauen mit Stahl ging. Sie, die Architekturfirma BIG sei damals nicht in die Falle gegangen, die ein rund 150 langes und 25 m breites und etwa 9 m tiefes Trockendock durchaus sein kann, wenn man in ihm ein Museum für die neuere Geschichte der (dänischen) Seefahrt unterbringen soll. Andere Büro hatten sich im Wettbewerb verleiten lassen, sie hatten das Negativvolumen genutzt, um hierin das geforderte Raumprogramm unterzubringen; und mancher gar hatte es gewagt, oberhalb von Ground Zero Korrespondenzen zum Nationalheiligtum Kronborg aufzubauen. So immer noch David Zahle, und er war als Däne durchaus glaubwürdig.

Also nicht mitten ins Becken hinein, auch nicht oben drauf. Die Idee, die mittlerweile durch eine hohe Publikationsrate und eine Architekturauszeichnung ihre Adelung erfahren hat, ist so einfach wie nicht auf den ersten Blick zu haben: Die Architekten packten den größten Teil des Museum um das Becken unterirdisch herum. Das hatte zum einen den Vorteil, das heilige Schloss weiter heilig sein zu lassen, zum anderen, das große wie großartige Industriedenkmal Trokkendock in seiner ganzen Größe und Schönheit erhalten zu können.

Nun sind seit dem Wettbewerbsentwurf einige Jahre ins Land gegangen, die erste Idee einer größtmöglichen Inszenierung des fantastischen Außenhöhlenraums konnte nicht ganz gehalten werden. Denn tatsächlich bot es sich an, bestimmte Funktionen des insgesamt etwa 7 600 m² umfassenden Programms (3 500 m² Ausstellung) mit hinreichend Tageslicht zu versehen. So beispielsweise für den dort nun schwebenden Veranstaltungsraum. Oder das Cafe oder Teile der zentralen Erschließung. Also wurden die Brücken- und  Treppeneinbauten aus dem ersten, ungefähren Entwurf zu größervolumigen Räumen, die nun zwischen den rohen Beckenwänden schweben.

Für das Eingraben der Ausstellungsräume fixierten die Architekten die Grundfläche des Neubaus um sein leeres Zentrum mittels Spundwänden. Aus dem Raum zwischen Spundwand und ehemals äußerer Betonwand des Beckens entfernten Arbeiter die Erde. In Teilen wurde die Betonwanne, die gegen Auftreiben mit zahllosen Betonpfählen gesichert werden musste, aufgebrochen und für die Aufnahme der Stege, Treppen und Treppenräume vorbereitet werden. Zwischenzeitlich und leider nicht mehr zu sehen stand das freigegrabene Dock wie der Artefakt eines petrifizierten Urschiffes. Nach dem Betonieren der Ausstellungs-, Technik-, Service- und Verwaltungsräume auf zwei Ebenen überdeckte man diese wieder mit Erdreich und vergrub das, was mit größtem Können und kostenintensivem Aufwand in den Boden und also zum Verschwinden gebracht worden war.

Die von der „Kulturwerft“ (von AART A/S Architekten, Aarhus, 2010) kommende Erschließung des Weltkulturerbes Kronborg führt nun über den Luftraum Dock bis auf das erste Schanzwerk der Burg. Damit ist das Museum auch integraler Teil des größeren Projektes „Kulturhavn Kronborg“, das schon bis 2012 große Teile des historischen Hafens zum Kulturgebiet (Kulturmområde Helsingør) umgewidmet hat.

Dass der sich zwängende wie öffnende Ausstellungsparcours (Inszenierung Kossmann.dejong, Amsterdam) zum Großteil mit Kunstlicht versorgt wird ist in einem Ausstellungshaus mit zahlreichen auch konservatorisch heiklen Ausstellungsgegenständen sowie einer dem allgemeinen Trend folgenden Vielzahl von Monitoren, die ohnehin nicht gut mit Tageslicht kooperieren, schon fast logisch. Dass BIG mit ihrem Verschwindenlassen nicht einfach dem schizophrenen Trend gefolgt sind, Architektur für die Kultur spektakulär und also öffentlichkeitswirksam einzugraben, kann angesichts der Möglichkeiten, die der Bestand so sehr nahegelegt hat, nur bestätigt werden. Der Neubau hat, wenn auch nicht konsequent, so doch mit dem BIG eigenen, inszenatorischen Können die Ruine Trockendock gerettet; im Schatten eines Weltkulturerbes, das seinen Heiligenschein einem Dichter verdankt, dessen Name vielleicht gar nicht Shakespeare war. Die adelige Burg hat jetzt schon gewonnen, der Schönheit eines ehemaligen, sehr proletarischen Docks sei Dank.

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