Räume formen und erlebbar machen

DBZ Heftpartner Axel Frühauf, meck architekten, München

„Diese Art zu mauern, meine Art nämlich, gibt aber der Schlichtheit, ja Armut Fülle und Schönheit, sie zieht über die Wand eine feine Zeichnung, das Gespinst verschiedenförmiger Maschen, wie ein Klöppelwerk aus dunklem Faden.“

Auszug aus Fernand Pouillons Tagebuchroman „Singende Steine“

Mauerwerk ist faszinierend. Folgt man den Ausführungen des Ich-Erzählers, in persona des Baumeisters Wilhelm Balz über Konzeption und Bau des Zisterzienserklosters Le Thoronet in der Provence, versteht man sofort, warum. Und ungeachtet unserer schnelllebigen Zeiten scheint es fast so, als würden wir uns als Architekten und Baumeister auch heute noch mit ähnlichen Einflussgrößen auf das Bauen beschäftigen wie im hohen Mittelalter. So zumindest bei uns im Büro. Nach wie vor prägen neben dem Ort mit seinen Potenzialen die Kunst des Möglichen in der Zusammenarbeit mit beteiligten Menschen, seien es Auftraggeber oder Handwerker und nicht zuletzt der wirtschaftliche Rahmen, unsere Projekte.

Ein allfälliger Rückschluss, man müsse nun bauen wie vor 1 000 Jahren, wäre jedoch falsch. Gleichwohl ist ein kritischer Blick auf die Qualität des Neuen, das stets besser und nicht nur anders sein sollte, durchaus angebracht. Neu entwickelte Materialien und deren Konstruktionen sind allzu oft nur scheinbar einem Fortschrittsgedanken verpflichtet, Fragen von Dauerhaftigkeit und würdigem Altern spielen heute leider immer weniger eine Rolle. Im Mauerwerk dagegen lässt sich die Tradition des Materials mit neuen Techniken in Erstellung und Verarbeitung auf hohem Niveau zu einer zeitgemäßen Konstruktion zusammenführen.

Darüber hinaus sehen wir immer den Bezug zum Kontext, der sich über das vor Ort in welcher Weise auch immer gewonnene und in vertrauter Konstruktion verarbeitete Material in einfachster Form manifestieren kann. Auch der menschliche Wunsch nach Begreifbarkeit und Solidität im eigentlichen wie übertragenen Sinne kommt hier zum Ausdruck.

Es gibt wahrscheinlich nichts, was in den letzten Jahrtausenden über das Mauerwerk nicht schon irgendwo geschrieben wurde. Sowohl über das Denken in der Theorie als auch das Machen in der Praxis. Das hat einen recht einfachen Grund: Bei kaum einer Konstruktion kommt das gelungene Zusammenspiel von Material und dessen Fügung augenscheinlicher zum Ausdruck. Gut gemacht führt das Mauerwerk zu einer begreifbaren, materialgerechten und robusten Bauweise, die für sich den Anspruch des Unmodischen einnimmt. Neben dem Material als solchem ist es eben seine Fügung, die technisches Wissen und handwerkliches Können voraussetzt, und die für den intendierten Ausdruck von Form und Raum von essentieller Bedeutung ist.

Wir schätzen – neben der Vielfalt in der Konstruktion – die Vielschichtigkeit in Maßstab und Betrachtung. Im charaktervollen, durch seinen Brennvorgang eigenwillig geformten Ziegelstein offenbart sich der menschliche Maßstab. In Gewicht und Gestalt respektiert er die Hand des Maurers, die ihn zu verarbeiten hat. Großformatige Natursteinblöcke hingegen, die mit einer in Größe und Ausbildung reduzierten Fuge gesetzt werden, bilden eine nahezu abstrakte Fläche, auf der fast ausschließlich das Material in Farbigkeit, Struktur und Plastizität seine Wirkung entfaltet. Bisweilen reicht die Abstraktion auch so weit, dass das Mauerwerk hinter einer gespannten Haut aus Schlämme oder Putz für das Auge des Betrachters im Verborgenen bleibt. Das Wissen, aber auch das Gespür für das, was dahinter liegt, vermitteln dabei dennoch ein beruhigendes Gefühl. Der architektonischen Schichtung, sei sie in monolithischer oder zweischalig-bekleidender Konstruktion, stehen wir hierbei aufgeschlossen gegenüber.

Die durch die Auflösung der Ganzheitlichkeit der Wand zunehmend an Bedeutung gewinnende Reduktion des Mauerwerks auf die reine, zumindest noch selbsttragende Bekleidung ist eine Herausforderung, der wir uns als Architekten in Bezug auf ein Verständnis von Ehrlichkeit und Tektonik stellen müssen. So gibt es wenig, über was in diesem Zusammenhang soviel diskutiert wird, wie über den richtigen Umgang mit den Dilatationsfugen. Grenzen finden sich für uns jedoch dort, wo es bei der Wahl von Material und Konstruktion nur noch die oberflächliche Effektsuche ist, die unter der Prämisse der Gewinnmaximierung im Vordergrund steht. Viel anspruchsvoller, vor allem aber auch schöner ist es dagegen, Räume durch ehrliche Wandungen aus Material zu formen und mit allen Sinnen erlebbar zu machen. Bestenfalls meint man dann am Ende des Tages die Steine selbst singen zu hören.

Heftpartner
Axel Frühauf, seit 2011 Geschäftsführender Gesellschafter meck architekten. 2004 Architekturstudium Hochschule für Angewandte Wissenschaften München, 2004-2005 Mitarbeit bei meck architekten, 2005-2011 eigenes Büro in München, u.a. freie Mitarbeit bei meck architekten, seit 2011 Lehrauftrag an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München, seit 2018 Gesellschafter meck ingenieure gmbh, seit 2019 Preisrichtertätigkeit.
 
www.meck-architekten.de

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