Pritzker Preis 2015 posthum an Frei Otto

Eigentlich sollte der diesjährige Pritzkerpreisträger erst am 23. März 2015 bekannt gegeben werden, aber mit dem Tod des Geehrten am 9. März 2015 hielt der Spannungsbogen der alljährlichen Dramaturgie dem Berichtdruck nicht stand: Am 10. März verschickte die Hyatt Foundation die Meldung, dass der deutsche Architekt Frei Otto posthum in Person und mit seinem Werk den diesjährigen Preis erhalten habe. Nach Gottfried Böhm ist Frei Otto der zweite Deutsche der insgesamt bisher 40 ausgezeichneten Architekten. Die Pressemitteilung trug noch das nicht korrigierte Datum des 23. März.

Das hängende Dach – der Leichtbau

Geboren wurde Frei Paul Otto am 31. Mai 1925 in Siegmar, einem späteren Stadtteil von Chemnitz. Seine Eltern waren Mitglieder im Deutschen Werkbund, Vater wie Großvater waren Bildhauer mit lokaler Bedeutung. In seiner Jugendzeit kam Otto mit dem Segel-fliegen und dem Modellbau in ersten Kontakt. Hier wurde, im Experiment und praktischem Versuch, offenbar die erste Neugier auf den Leichtbau und seine ständige Optimierung geweckt. Im Kriegsjahr 1943 trat er sein Architekturstudium an der TU Berlin an, das er nach Unterbrechung ab 1945 fortsetzte. Er promovierte 1953 an der Berliner TU mit der zwar nur mit der Note 2 bedachten, jedoch damals schon schnell auch international beachteten Arbeit „Das hängende Dach“, die 1954 als Buch erschien
(Reprint 1990). Frei Otto gründete sein Büro in Berlin – er nannte es Atelier – und nun folgten Jahre und Jahrzehnte des Forschens und der gebauten Experimente, die so einmalig waren, dass sie bis heute alle großen Ingenieurbüros der Welt beeinflusst haben. Der Fokus seiner Arbeiten lag dabei auf den Untersuchungen über die Prinzipien des Leichtbaus und hier ging es ihm und seinem immer größer werdenden Team besonders um Minimalflächen, um Seilnetz- und Membrankonstruktionen, um bewegliche und starre Gitterschalen.

Seine frühe Reise in die USA – wie andere deutsche und österreichische Architekten war dieses Land nach der schwer lastenden Düs-ternis der heroischen Architektur des Faschismus ein gelobtes Land – brachte ihm die Arbeiten von Richard Buckminster Fuller, von Frank Lloyd Wright und von Eero Saarinen näher. Nach Gastprofessuren an den Universitäten in Washington, Yale, Berkeley, MIT und Harvard – und zwischenzeitlich in Ulm – kehrte er kurzfristig nach Berlin zurück. Hier regte er 1957 die Einrichtung einer „Entwicklungsstätte für den Leichtbau“ an. Aus der nichts wurde, erst der Ruf 1964 nach Stutt-gart an die Universität, wo sich ihm eine Honorarprofessur bot, gelang die Gründung des bis heute noch impulsgebenden Instituts für Leichte Flächentragwerke (IL). Das heißt nach der Verschmelzung mit dem Institut für Konstruktion und Entwurf II seit dem Jahr 2000 Institut für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren (ILEK).

Schirme für Pink Floyd

In diesen Jahren – seit 1967 lehrte Frei Otto als ordentlicher Professor – entstanden viele seiner wichtigsten Arbeiten, so der deutsche Zelt-Pavillon für die Weltausstellung Expo 67 in Montreal mit Rolf Gutbrod. Oder 1972 zusammen mit Behnisch & Partner die Architekturikone Olympiadächer in München (u. a. auch mit Jörg Schlaich). 1975 folgte, zusammen mit Carlfried Mutschier, die Multihalle in Mannheim, 1980 eine Voliere über 5 000 m² im Tierpark Hellabrunn in München, deren Machart heute in jedem Zoo der Welt Standard geworden ist. Die umgeklappten Schirme auf den Tour-Bühnen von Pink Floyd 1977 in den USA, stammten ebenfalls von dem Ingenieur aus Deutschland, der weniger mit internationalen Größen aus der Rockgeschichte, dafür mehr mit Biologen, Medizinern, Sozial- und Kulturwissenschaftlern zusammenarbeitete. In Stuttgart gewannen er und sein Team grundlegende Erkenntnisse über die Konstruktionsprinzipien in der lebenden Natur, die er in kunstvolle Strukturen organisch zu überführen wusste.

Man kann davon ausgehen, dass seine Arbeiten zur Realisierung der Dachlandschaft in München heute die Grundlage für die computergestützte Formfindung und Berechnung großer Seilnetzkonstruktionen ist, für deren konstruktive Durchbildung, Berechnung und Dimensionierung.

Gibt es im 3. Jahrtausend noch Architektur?

Aber alle Ingenieursfähigkeiten – die Frei Otto auch schon mal als genetische Veranlagung kolportierte – wären zwar viel. Sie würden dem Ingenieur aber nicht zur Gänze gerecht. Eine Zeichnung (hier oben rechts abgebildet) aus dem Orwell-Jahr 1984 fasst elementar das zusammen, was den nun posthum Geehrten auszeichnete: Seine Suche nach Möglichkeiten, auch in der Zukunft noch menschlich zu sein (oder erst zu werden?). Stichworte sind hier Evolution, Gleichgewicht, solare Zukunft, hüllen, schützen, tragen, der Imperativ „Leben, Lieben, Lachen“, aber auch die grundsätzliche Frage nach der Form. Sowie die, ob es im 3. Jahrtausend überhaupt noch Architektur geben wird?

Frei Otto starb am 9. März 2015 in seinem Haus in Warmbronn, das, wie er es jüngst nannte, „Mutter aller Solar- und Passiv-häuser“sei. Tröstlich ist, dass das Meiste von dem, was Frei Otto dachte und diskutierte als Diskurs lebendig bleiben wird. Als eine Aufforderung an kommende Architekten- und Ingenieurgenerationen, den Imperativ „Leben, Lieben, Lachen“ nicht aus den Augen zu verlieren. Dass er den „Nobelpreis für Architektur“ erhalten würde hatte er noch erfahren. Die sehr große Freude über die Auszeichnung wird ihn nicht gehindert haben, sich sofort weiter seinen geliebten „Luftschlössern“ gewidmet zu haben. Nicht mehr ganz so schnell aber sehnsuchtsvoll und zielgerichtet auf eine Utopie, die wohl eine irgendwie bessere Welt wäre. Be. K.

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