Phalanstère made in Japan

Große international arbeitende Unternehmen kämpfen um gute Mitarbeiter. Und weil hier allein mit höheren Gehältern oft nur wenig zu gewinnen ist, bekommen Zugaben eine größere Bedeutung. Doch das, was einmal die Kiste Kartoffeln, der Sack Zichorienwurzel waren, haben Firmen im Silicon Valley beispielsweise in Zusatzleistungen wie kostenloses Essen, Wäsche- und Putzservice, Kinderbetreuung, Fahrdienste, Sport- oder auch Unterhaltungsprogramme umgemünzt. Aktuell gab es Meldungen, dass Apple weiblichen Mitarbeiterinnen eine fünfstellige Prämie zahlt, wenn diese ihre Schwangerschaft durch Einfrieren von Eizellen ein paar Jahre hinter die erste Karrierebarriere schieben.

Weniger biologistisch erscheint das Angebot, das der Unterhaltungs- und Haushaltsgerätehersteller Panasonic seinen MitarbeiterInnen aktuell macht: Wohnen in „Fujisawa Sustainable Smart Town“. Etwa 50 km südwestlich von Tokio gelegen, hatte Panasonic hier bis vor wenigen Jahren eine Produktionsstätte, die nun abgerissen und mit dem Smart Town neu bebaut wurde/wird. Seit Anfang 2014 sind die ersten der insgesamt 3 000 Bewohner in die Stadt eingezogen. Panasonic hat die Stadt mit acht Partnern entwickelt, 430 Mio. € sollen investiert werden.

Im Zentrum der Planung steht nach Bauherrenangaben die Realisierung einer Struktur, die einen „intelligenten und komfortab­len Lebensstil für die Bewohner“ ermöglichen soll. Fujisawa sei ein „Gesamtkonzept für alle Lebensbereiche“. Angebote und Services in den Bereichen Umweltschutz, Energie, Mobilität, Gesundheit, Kommunikation und natürlich Sicherheit finden die Bewohner von Fujisawa City am zentralen Platz der Stadt. Dort gibt es eine Anlaufstelle für Energiever- und -einkauf sowie eine Informations- und Leihstelle für umweltfreundliche Pkw und Elektroräder. Zudem werden Seminare für Umweltbildung oder im Handwerken angeboten.

Um das Wachstum der Stadt und neue Ideen voranzutreiben, setzt Fujisawa auf Entwicklungs- und Forschungslabore, beispielsweise ein Car Life Lab. Hier sollen Testfahrten mit Elektroautos stattfinden. Wie diese wird die meiste smarte Technik in der an die Phalanstère des Frühsozialisten Charles Fourier erinnernden Siedlung von Panasonic gestellt. Und von den genannten Entwicklungs- und Forschungslaboren mit Blick auf einen wachsenden Markt in der ganzen Welt hier live getestet und ständig verbessert wurden. Zum Beispiel Solarzellen, Wärmepumpen, Lithium-Ionen-Akkus, LEDs sowie energieeffiziente Waschmaschinen und Kühlschränke.

Die Häuser mit rund 1 000 Wohnungen sind, im Gegensatz zu den immer noch üblichen Leichtbauten in Japan, gemauert. Auf den Satteldächer liegt Photovoltaik, die Dämmung entspricht unseren Passivhausstandards. Das wie auch die angestrebte Energieautarkie der Wohnanlage insgesamt soll sie nach Bauherrenauskunft nachhaltig machen für die kommenden 100 Jahre; was einer Kulturrevolution in einem Land gleichkäme, das immer noch die Haltbarkeit von Architektur in vielleicht zwei Jahrzehnten misst.

Inwieweit die Häuser aktiv auf Erdbeben reagieren können, ist nicht bekannt. Auch nicht, welche Mitarbeiter hier belohnt werden. Die Reaktion der japanischen Gesellschaft auf den GAU in Fukushima zeigt allerdings, dass das Land noch weit davon entfernt ist, dem technischen Machbaren ein gesundes Maß Misstrauen entgegen zu bringen. Das „Gesamtkonzept für alle Lebensbereiche“ jedenfalls schränkt das Alles hier in Fujisawa auf das technisch Mögliche ein. Aber Geduld, baulich abgeschlossen ist das Projekt in 2018, dann sind erst vier Jahre der mindestens hundert herum. Dann lohnt sicherlich ein zweiter Blick. Be. K.

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