VISIONÄR

»Nutzen Sie Ihre Fantasie!«

Yona Friedman ist einer der bedeutendsten Utopisten der 1950er-, -60er-Jahre. Er selbst sieht sich heute eher als Realist. Er erzählte uns, was von seinen Utopien geblieben ist und wie er die zukünftigen Entwicklungen in der Architektur einschätzt.

„Über die Zukunft der Architektur“, so beginnt Yona Friedman, „rede ich wirklich gerne. Ich glaube voraussehen zu können, dass diese Zukunft mit dem gegenwärtigen Mainstream grundsätzlich brechen wird. Ich versuche einmal, diesen Prozess in einigen Punkten zu erklären. Eine der großen Schwierigkeit in der Architektur generell rührt nicht von den Architekten, sondern von den Nutzern des Gebauten. Die heutige Idee von Architektur als einer Hülle, einem Behältnis, passt nicht mehr zur heutigen Realität. Ich sehe Architektur vielmehr als ein komplettes und komplexes Paket an, das natürlich Hülle ist, aber auch der Inhalt. Denn sehen Sie, niemand nutzt Architektur als das reine Gebaute, wir alle verwenden das der Architektur innewohnende Angebot, Raum zu nutzen. Und das ist alles!

Wenn ich z. B. eine Flasche Wein kaufe, bezahle ich den Wein, nicht die Flasche. Die gläserne Verpackung kostet also sehr wenig Geld im Vergleich zum Inhalt. Bei der Architektur ist das heute immer noch völlig anders. Die Verpackung kostet hundertmal mehr als das, was die Verpackung für uns bereithält. Das ist der erste Punkt, an dem ich versuche, ein neues Konzept zu beschreiben.

Als ich 1960 La Ville Spatiale entwarf, wollte ich eine Architektur, die von den Bewohnern verändert wird. Ich entwickelte sozusagen die Infrastruktur als den einen Schlüssel für ein komplettes Wohnen. Zurzeit versuche ich, das Konzept anzupassen. Das erste, was ich verändern möchte, ist der Inhalt der Architektur. Also der Wein, nicht die Flasche. Der Inhalt sind alle Gegenstände, die Möbel beispielsweise aber auch die Oberflächen. Die Leute benutzen die Möbel, sie benutzen nicht „die Leere“ (the void). Dadurch, dass die Möbel beweglich sind, geschieht die Gestaltung, die nicht von mir kommt. Von hier ausgehend habe ich ein Konzept erarbeitet, das ich „Meuble Plus“ nenne. Es umfasst die Möbel und den Raum, der für ihre Nutzung erforderlich ist. Ich schlage eine Art Kabine vor, in der sich die „Meuble Plus“ befinden. Die Kabine ist transportabel und kann überall abgestellt werden. Die „Meuble Plus“ haben wir im letzten Jahr auf dem Salone del Mobile in Mailand vorgestellt. Ein kleines Ensemble kostet etwa 500 €, was schon mal andeutet, dass wir hier nicht über den Mainstream in der Architektur sprechen. Das Preisniveau ist ähnlich dem von Haushaltsgegenständen.

Mainstream-Architektur wird zu teuer

Wenn Sie Land für Gebäude der Mainstream-Architektur verwenden, ist das Land, auf dem Sie das Gebäude erstellt haben, automatisch einem Nutzen zugeschrieben. Es kann nicht anders verwendet werden. Mit der Idee von „Meuble Plus“ ist das Land, das benutzt wird, wie ein Parkplatz. Sie machen es wie mit Ihrem Auto, wo Sie Land für drei Stunden für 1 € kaufen. Dies ist das Grundkonzept, das ich vorschlage.

Ausgehend von der Idee, dass Mainstream-Architektur aufgrund der verwendeten Technologie und der Infrastruktur teuer ist, ist ein weiterer Vorschlag die „Cloud Infrastructure“. Die Infrastruktur, wie wir sie heute kennen, wird in Zukunft nicht mehr wichtig sein. Ich brauche kein zentrales Stromnetz, Sonnenkollektoren tun es auch. Die Infrastruktur der großen weitläufigen Netzwerke ist nicht zwingend notwendig – sie ist ersetzbar!↓

Wenn ich davon überzeugt bin – und ich bin das! –, dass der nutzbare Raum in die Preisklasse für Haushaltsgegenstände gelangt wie ebenso die Infrastruktur, das Stromnetz etc. wird es in der Zukunft also grundsätzlich ein neues Konzept für Architektur geben. Es ist wirtschaftlich, weil sich der Preis für Architektur ändert. Es ist sozial, weil jeder damit umgehen kann. Menschen bauen ihre Möbel selbst zusammen, sie können auch die Planung übernehmen.

Vielfältige Autarkie der Bewohner

Und hier, in diesem Zusammenhang, komme ich auf ein sehr wichtiges Thema, das der Autarkie. Die Unabhängigkeit von Großinfrastrukturen. Beispielsweise die Wasserversorgung. In allen bewohnbaren Gebieten der Welt haben Sie ca. 600 mm Niederschlag pro Jahr. Auf einer Fläche von 100 m² gesammelt ist das viel Wasser. Das man filtern muss, aber das ist kein Problem mehr [Friedman sucht eine Zeichnung auf dem Tablet]. Ich habe es für Instagram gezeichnet. Was die sogenannte primitive Zivilisation schon immer gemacht hat, machen wir heute auch, wir nutzen den Garten, um hier ein Sammelbecken zu installieren. Dessen Handhabung geschieht wie bei einem einfachen Haushaltsgegenstand und wieder funktioniert es. Die Idee ist das autarke Haus. Und das ist die Zukunft für mich. Die vielfältige Autarkie der Bewohner!

Dichte wird nicht mehr notwendig sein

Stadt bedeutet Dichte. La Ville Spatiale habe ich entwickelt, weil es Ende der 1950er-Jahre notwendig war. Jetzt ist es das nicht mehr! Ich kann in China arbeiten, obwohl ich hier in Paris sitze. Eine Fabrik kann von zu Hause gesteuert werden. Und so sind die gesamten Bürogebäude überflüssig. Alle Leute könnten von zu Hause aus arbeiten. Das heißt, Dichte scheint nicht mehr notwendig zu sein – mit den vorhan­denen Technologien, mit dem neuen Ansatz des „Meuble Plus“. Es kommt plötzlich etwas Neues, ein weiteres Konzept. Ich nenne es die „disperse city“. Das heißt, die Menschen können in der Natur bleiben, ohne die Natur zu zerstören, denn nun „parken“ sie einfach ihre Meuble Plus-Sachen. Und ziehen dann weiter nach einer gewissen Zeit. Ein paar Meter, ein paar hundert Meter oder ganz woanders hin.↓

Sie sehen, dass diese Ideen zu einer neuen Welt der Architektur führen. Wenn mich junge Studenten fragen, was Architekten machen, antworte ich ihnen, dass Architekten zu Künstler werden können, zu Bildhauern der Leere. Nicht, weil sie das Material formen, sondern die Leere. Dabei kann sich Architektur zu einer Pop-Architektur entwickeln und wer weiß, vielleicht wird Architektur zu Pop-Art?! In der Musik, in der Malerei ist das längst geschehen und auch für die Architektur ist das immer noch eine Möglichkeit.

Architektur als Skulptur der Leere

Wenn ich über Architektur der Zukunft spreche, sage ich nicht, dass dieses eine hier genau die Zukunft ist. Ich spreche lieber davon, dass Architektur ein Anknüpfungspunkt zu sehr vielen Dingen ist. Was wiederum von vielen anderen Punkten abhängt. Zum Beispiel von der Sicherheit in den Städten. Sicherheit und Dichte sind ein Risiko. In dramatisch furchtbarer Weise haben wir das bei den Anschlägen auf das World Trade Center gesehen. Das ist bis heute ein Hinweis auf die Schwierigkeit, Dichte und Sicherheit in den großen Städten zu haben. Die „disperse city“ dagegen ist von ihrer Struktur her schon wesentlich sicherer. Städte mit hoher Dichte müssten im Extremfall evakuiert werden, wie die Städte in den Kriegen. Aber ein „Notfallplan Evakuierung“ müsste die Planung der Häuser, der Städte radikal verändern.

Vielleicht wird die Architektur als Skulptur der Leere neu erfunden, vielleicht. Dann wäre das nach vielen Jahrhunderten ohne wirklich neue Raumerfindung eine ganz neue Art, über das Bauen zu sprechen. Aber haben nicht so große Architekten wie beispielsweise Le Corbusier den Raum neu erfunden wird man fragen? Nein, hat er nicht und meine Güte, der Raum in einem Corbusier-Objekt ist absolut banal! Die letzte große architektonische Erfindung war zu Zeiten der römischen oder byzantinischen Zeit – die Hagia Sophia ist eine der großen Erfindungen von Raum oder die Mezquita in Cordoba. Wenn Sie sich jedoch ein modernes Gebäude ansehen, sehen seine Räume alle irgendwie verwandt aus, ähnlich wie – Schuhkartons!?

Aber wahrscheinlich sehe ich das auch zu sehr aus der Perspektive desjenigen, der zeichnen darf ohne konkreten Planungsanlass. Das Zeichnen war für mich immer der poetische Teil der Architektur. Und noch mal zum Meister Le Corbusier: Ich finde, dass seine Zeichnungen viel besser sind als seine Gebäude. Er würde mir zustimmen! Er hielt seine Notizbücher für genauso wichtig wie seine Gebäude.“

Wir sind inzwischen zu einem Drahtmodell gegangen, eines von den vielen, die die Wohnung füllen.

„Sehen Sie, die einzelnen Zellen, diese Kabinen hier können Sie zusammenstellen beziehungsweise zusammenschließen zu einer Großstruktur. Dieses Modell hier zeigt ein Objekt, das ich im kommenden Februar in Miami bauen werde. Im kommenden Dezember werde ich ein ähnliches in Shenzhen in China bauen und vor 12 Jahren tat ich das in der Serpentine Gallery in London. Kürzlich habe ich ein schlichtes Experiment in Patin [Stadtteil von Paris] umgesetzt. Mit meinem „Musée sans bâtiment“ [Museum ohne Gebäude] habe ich einfach diese etwa mannshohen Würfel aus je sechs Eisenringen im Gelände der Stadt aufgebaut. Menschen aus der Nachbarschaft haben angefangen, die Würfel zu nutzen. Es war eine lebendige Stadt mit lebendigen Menschen und es funktionierte und die ­Leute mochten es sehr. Sie schickten mir E-Mails, in denen sie schrieben was sie in den Würfeln gemacht hätten und ich sagte: ‚Wunderbar!‘. Sie sehen, das alles ist sehr weit weg von der Mainstream-Architektur. Mit Frank Gehry hatte ich einmal eine Diskussion, warum er immer alles im Voraus so detailliert entwirft und festlegt. Ich schlug ihm vor, sein Projekt doch einmal vor Ort zu modellieren und in der Realisierung auch einmal zu improvisieren. Er hat es nicht verstanden, Frank ist zu sehr Mainstream.

Architektur kann improvisiert werden

Aber wir haben gelehrt bekommen, dass Architektur improvisiert werden kann. Für alle meine Gebäude baue ich Modelle, um meine Ideen zu verdeutlichen. Vor Ort wird das Gebäude vielleicht anders sein. Wir werden an Ort und Stelle improvisieren. Ich weiß es nicht, wie es in ein paar Wochen in Shenzhen wird. Vielleicht wird sich ein Winkel verändern, vielleicht auch nicht. Was auch interessant an dieser Art des Bauens ist: Es gibt kein technisches Detail. Ich benutze Elemente, die zu einer „space-chain“ gefügt werden können, das ist sehr einfach und auch unerfahrene Personen können es leicht zusammenbauen. Für temporäre Gebäude verbinden wir die Knotenpunkte sogar nur mit Klebeband. Sollen die Gebäude dauerhaft stehen, werden die Einzelteile natürlich verschweißt.↓

Mancher wirft mir vor, ich denke nur theoretisch und hätte mit dem praktischen Bauen keinerlei Erfahrung. Das stimmt allerdings nicht, meine Bauten oder Projekte entspringen niemals nur der grauen Theorie. Ich weiß, wie hoch die Kosten sind, weiß, wieviel Zeit man braucht und immer weiß auch der Nutzer von mir, wieviel es ihn kosten wird. Und das ist der große Unterschied zu vielen, die so sehr allgemein über die Zukunft der Architektur sprechen: Ich kenne auch die wirtschaftlichen Aspekte des Bauens. Wollte ich das, was ich theoretisch über die Zukunft der Architektur denke, sagen, würde ich meinen Freund Konrad Wachsmann zitieren, der einen Wendepunkt in der Architektur behauptete, ohne dabei vorherzusagen, wie dieser aussähe und wann er kommt.

Wendepunkte in der Architektur

Beim Neubau des Centre Pompidou hatte man damals vielleicht auch einen Wendepunkt vor Augen. Ich hatte damals, das war glaube ich 1970, jedenfalls diesen Wendepunkt vor Augen. Dabei hatte ich aber das Problem, meinen Vorschlag überzeugend präsentieren zu können. Zu einer immer gleichen Großstruktur zeigte ich 20 Fassadenvarianten, deren Entwicklung vor oder für eine Jury zu erklären problematisch und zweifelsohne ohne Erfolg sein würde. Die Jury hatte es auch nicht verstehen können, ohne dass ich es ihnen hätte erklären dürfen. Das Centre bauten andere und nicht schlecht, wie ich finde, in jedem Fall ganz anders als man heute baut – in diesem ubiquitären Mainstream.

Die Rolle der Banken und des Geldes

Es gibt einen weiteren Punkt, den ich erwähnen muss. Das sind Geldhäuser, Banken. Gebäude werden durch Banken finanziert. Banken sind extrem konservativ und möchten nichts von Veränderbarkeit hören. In New York sah ich Pläne für ein Gebäude, auf denen ein Teil in Rot und ein anderer Teil in Blau geplant war, da das Bauland zwei verschiedenen Besitzern gehörte. Das ist absurd! Die Banken könnten über eine andere Art der Grundstücksnutzung nachdenken, wie z. B. Pacht oder auch temporäre Nutzung. Dafür ist der Parkplatz als ein für eine Zeit gemieteter Grund und Boden ein gutes Beispiel. Man kann dort wohnen für eine Zeit und es fließt solange auch Geld an die Bank. So könnten Banken und Nutzer zufrieden sein. Ich denke, diese Veränderung in der Wahrnehmung tradierter Dinge wird kommen, jedoch langsam. Dabei ist der junge Architekturstudent längst soweit und versteht es, so zu denken. Aber die Banken XY noch lange nicht. Ich spreche dabei aus meiner eigenen Erfahrung. Überall, wo ich ein Objekt errichten darf, möchten die finanzierenden Banken Dauer. Ich werde im kommenden Jahr im Juni in Wien ein Objekt realisieren. Ich sagte der Bank, ich möchte ein ephemeres Gebilde bauen. Sie sagten, es muss dauerhaft sein. Der Mainstream ist ein langsam fließender, lange schon so fließender Strom, dessen Trägheit aus seiner Schwere, seiner Masse resultiert. Und es ist kein Stück einfacher, Denkstrukturen zu verändern, obwohl das Denken doch so viel leichter zu sein scheint.

Wenn ich über die Zukunft spreche, schaue ich in die Ferne. Und ich weiß gewiss, dass alle Voraussetzungen für Zukunft bereits vorhanden sind. Aber das Überführen dieser Voraussetzungen in ein Machen in der Zukunft, das geschieht nur sehr langsam und braucht seine Zeit. Der Titel meines neuesten Artikels lautet „Biosphere. The Global Infrastructure”. Ich beschreibe darin den Weg von der Ville Spatiale zur Monde Spatiale. Ich glaube, dass die Menschheit mit der Digitalisierung eine Technologie besitzt, die es möglich macht, dass es in nächster Zukunft keine unbewohnbaren Räume mehr auf der Erde gibt. Und dass, ohne dass dieser totale Zugriff die Erde dabei zerstört. Denn eigentlich sind Städte, ist Architektur in jeder Hinsicht destruktiv/zerstörerisch. Die Tatsache, dass wir immer mehr hochverdichtete Städte haben, verändert die Codierung unseres Planeten. Was auch in großen Teilen zur Erderwärmung beiträgt.“↓

Wir machen mit Yona Friedman einen Spaziergang durch seine Wohnung, die vollgestopft ist mit Dingen. Dabei überrascht, wie groß die Farbigkeit, das Bunte all dessen ist. Und fragen den Mainstreamkritiker, ob er sich als einen optimistischen Menschen sieht?

„Ja, ich bin optimistisch. Vielleicht nicht so sehr, wenn ich an die nähere Zukunft denke. Denn ich glaube nicht, dass sich in den kommenden fünf Jahren wesentliches ändern wird. Ich denke aber auch nicht innerhalb eines Jahrhunderts. Ein Jahrhundert ist eine verdammt kurze Zeit, Sie wissen, dass ich selbst schon fast ein Jahrhundert alt bin! Dinge verändern sich sehr langsam, was eine relativ realistische Einschätzung ist, wie ich finde. Ich bin kein Utopist, ich habe eine sehr klare Haltung, die nicht mit einer intellektuellen Spekulation anfing, damals, sondern mit der Weiterentwicklung der Technologie. Die heute in der Cloud-Infrastruktur ankommt und mittlerweile weltweit Realität ist. Das ist keine Science Fiction, das ist kein futuristischer Traum eines Utopisten, als der ich viel zu oft gehandelt werde.

Die Technologie jeder Zeit ist für den vorhanden, der sie nutzen kann. Das hier [er zeigt auf sein Tablet] benutze ich täglich, weil es vorhanden ist. Bei den ersten Skizzen zur La Ville Spatiale – das ist schon einige Zeit her! – habe ich das komplette Gebilde wie ein Netzwerk konstruiert. Das Wort gab es damals noch nicht, glaube ich. Aber diese Erkenntnis ist wichtig: Die Technologie ist immer schon vorhanden und wird nicht verschwinden, sie verändert nur ihre Gestalt. Sie existiert also immer, ist heute aber immateriell. Das gebaute Netzwerk ist zu einem Cloud-Netzwerk geworden, das überall existiert. Sonnenschein, um Strom zu gewinnen, ist ein Cloud-Netzwerk und Teil wiederum eines größeren. Das Netz gewährt uns allen Autonomie, für mich ist das die Zukunft.“

Als wir schließlich gehen, fragen wir ihn noch, was er für das Kommende erhofft.

„Ich wünsche mir eine generelle Offenheit für die jungen Architekten. Die Zukunft steht doch vor allem den jungen Architekten und den jungen Nutzern weit offen. Ihre Vorstellungskraft ist – hoffentlich! – noch frei. Nutzen Sie Ihre Fantasie! Wir sprechen viel zu oft über künstliche Intelligenz, aber das ist nicht wichtig. Künstliche Fantasie, wie wäre es damit?!

Ich bin sehr froh, immer noch von vielen besucht zu werden und mit ihnen meine Ideen teilen zu können. Und ihre Ideen aufzunehmen. Mehr geht nicht.“

Den sehr sympatischen und geschichtenreichen, trotz 95 Lebensjahren noch hellwachen Yona Friedman trafen die DBZ RedakteurInnen Sarah Centgraf und Benedikt Kraft am 14. November 2018 in Friedmans mit Kunst und Architektur vollgepackten Wohnung am Boulevard Garibaldi in Paris. Vorbereitet hatten wir uns unter anderem mit der Friedman Monografie „The Dilution of Architecture“ (Park Books, Zürich).

Ausschnitte des Interviews finden Sie auf dem DBZ YouTube-Kanal.

Es gibt nur wenige Architekten in der Welt, die, auch wenn sie kaum etwas gebaut haben, dennoch den größten Einfluss hatten und haben. Frei Otto war vielleicht einer von den jüngeren, sehr wirkmächtigen Architekten, Christopher Alexander gehört dazu und ganz sicher die Gruppe von Archigram, Ron Herron, Peter Cook und die anderen. Und während über Frei Otto schon Dissertationen über einem abgeschlossenen Lebens- und Arbeitsfeld entstehen, sind die letztgenannten – zwar schon hochbetagt – teils noch sehr aktiv im Architekturdiskurs unterwegs.

Wie auch der vielleicht legendärste von diesen Architektentheoretikern/-influencern, Yona Friedman. Mittlerweile 95 Jahre alt, ist der in Ungarn geborene und seit Jahrzehnten in Paris beheimatete „Architekt der Idee“ immer noch aktiv. Zuletzt platzierte er sein „Museum ohne Haus“ (Musée sans Bâtiment) als tempo­räre Skulptur im Pariser Stadtteil Patin.

Bekannt geworden durch seine theoretischen Stadtmodelle, die u. a. als „Ville Spatiale“ einen prothetischen Freespace darstellen, hat Friedman die deutlich populäreren Bewegungen der Archigrams, der Metabolisten oder der heute so angesagten Büros à la Bjarke Ingels Group BIG zu ihren Bildern und ihrem Umgang mit Stadtraum beeinflusst.

Was kann uns eine solche Ikone der Architekturgeschichte heute noch sagen? Und will er überhaupt noch sprechen? Als wir ihn in seiner mit Kunstgegenständen, Architekturmodellen, Fotografien, Apparaten, Schriftwechsel, Büchern, Zeitschriften, Manuskripten, Zeichnungen und unzähligen bunten und immer in Mythologien verhafteten Artefakten vollgestopften Pariser Wohnung besuchen durften war eines sehr schnell klar: Der Mann will immer noch reden. Und wir hörten ihm einfach zu.

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