„Musikmachen hat mir in der Architektur sehr geholfen“Im Gespräch mit Hinrich Baller, Berlinf-iba.de

Hinrich Baller? Ist das nicht der mit den schlanken Stahlstützen und ornamentalen Geländern, immer in Mintgrün? IBA Berlin 1987?! Mit und gegen Max Dudler, Paul J. Kleihues u. Co.? Ein Architekt, der damals schon anders war und das heute noch ist? Am 4. Juli feierte Hinrich Baller seinen 80sten Geburtstag; in aller Stille, wie er sagt. Vielleicht, weil 80 aus seiner Sicht noch kein Alter ist, in jedem Fall fühlt sich der Architekt und leidenschaftliche Musiker noch sehr lebendig. Nach dem Gespräch mit ihm spielt er Bach an einem der zwei Flügel im Haus. Was angemessen erscheint in der Wohnlandschaft voller Designklassiker, Kunst und Büchern.

Gratulation zum Achtzigsten! Welcher der Kollegen hat zuerst angerufen und Glückwünsche überbracht?

Hinrich Baller: Ach, kann ich mich jetzt nicht erinnern. Von den so genannten wichtigen gar keiner. Auch die Presse hat sich, sagen wir mal, zurückgehalten.

Was aus meiner Sicht verwundert, schließlich sind Sie doch fast eine Art Legende. Oder nicht?

Legende ... das hat für mich zuviel von Vergangenheit, Abschluss. So fühle ich mich aber nicht, im Gegenteil nehme ich noch an vielen aktuellen Bewegungen teil. Ich fühle mich immer noch stark verbunden mit den Menschen hier in dieser Stadt. So saß ich in fünf oder sechs Bürgerinitiativen, in denen es um städtischen Raum und Architektur geht. Für mich ist das ein Zeichen von Verankerung in der, sagen wir mal, Berliner Szene.

Berlin ist ja seit der Ära Stimmann fremdgesteuert. Da wurden Architekten bevorzugt, andere blieben außen vor. Wir auch, aber dennoch haben wir unsere Spuren hier in der Stadt hinterlassen. Und Sie können fragen, wen sie wollen – die, die in einem unserer Häuser leben oder auch nur in der Umgebung – alle haben das, was wir gemacht haben, in ihr Herz aufgenommen. Und das kommt ja nicht zufällig, da steht richtig Arbeit dahinter.

Sie sind als Architekt durchaus umstritten ...

Ach, das sehe ich nicht so. Oder vielleicht auch nicht mehr so, ich habe eher das Gefühl – so komisch das klingen mag – dass wir stark im Kommen sind. Die neue Romantik, die überhaupt gar nichts mit unserer Architektur zu tun hat – der das aber immer unterstellt wird – die ist in der ganzen Kulturszene zu spüren. Dieser Weg nach innen, der Rückzug an heile Orte. Wir haben das immer schon gemacht: nach dem glücklich Machenden suchen.

Wenn Romantik nichts mit Ihrer Architektur zu tun hat, was dann?

Der Maßstab zum Beispiel. Sporthallen, ja jedes Rathaus ist nutzer-, ist bürgerfeindlich konstruiert. Kinder, ältere Menschen, die bekommen schon kaum die Eingangstüren zu diesen öffentlichen Bauten auf. Unsere Architektur ist genau das Gegenteil, wir versuchen immer zuerst am Maßstab der Kinder anzufangen, ohne dabei die Eltern zu vergessen. Unsere Wohnungen sollen nicht ein bestimmtes Architektenbild repräsentieren, wir versuchen von Anfang an, genau zuzuhören. Wie gewohnt wird, welche großen und kleinen Wünsche an Räume und das Umfeld da sind. Die Menschen sollen unsere Häuser lieben! Wenn das gelingt, haben wir etwas ganz Eigenes geschaffen, das der Gesetzgeber mit Gestaltdichte umschreibt. Ein Begriff, der in Urheberrechtsfragen eine zentrale Rolle spielt.

Wie bekommt man die „Gestaltdichte“ im Mehrgeschosswohnungsbau hin? Wo bleibt hier der Einzelne?

Der Einzelne bleibt da, wo er sich wohlfühlt. Schauen Sie, schon im 19. Jahrhundert wurden die Wohnungsbauten horizontal rhythmisiert: Unten hatten wir eine straßenbezogene Zone, darüber drei Geschosse mit großen Wohnungen, die meist Balkone besaßen und dann kommen langsam die Dächer mit den kleinen Wohnungen. Diesen Rhythmus haben wir verfeinert, aber immer darauf geachtet, dass oben und unten ganz anders zu planen ist.

An der Württembergischen Straße [Wohnanlage am Preußenpark (1998-2000; Be. K.] haben wir unten – auch zur Straße hin – regelrechten Gartenbezug. Jeder kann hier seinen Liegestuhl aufstellen! Die Wohnungen drüber haben Wintergärten, darüber zwei oder drei Geschosse mit Terrassengärten. Das alles wird liebevoll gepflegt, Sie können es sich anschauen.

Ist das viele Grün an und mit Ihren Bauten Ausdruck der Natursehnsucht eines Großstadtmenschen?

Ganz nüchtern betrachtet: Wir haben in einer Großstadt kaum die Chance, Grünflächen zu vergrößern. Wir müssen versuchen, so viel Bodenaufbau bereitzustellen, der auch für Großgehölze geeignet ist. Auf unterirdischen Parkdecks beispielsweise. Wir wollen mehr Bio-volumen für die Stadt, wir wollen einen ökologischen Ausgleich!

Aus Pommern über Dresden nach Berlin. Wie ging es weiter?

Auf die Schule bin ich nach einem Wechsel aus dem Osten hier ins Charlottenburger Gymnasium gegangen. Studiert habe ich zuerst an der Musikhochschule, das heißt, ich hatte hier die schwierige Aufnahmeprüfung bestanden. Weil meine Mutter, selbst Musikerin, aber wusste, wie zehrend der Broterwerb als Musiker war – und heute immer anstrengender geworden ist, inzwischen ist das ein reiner Hochleistungssport! – bin ich die paar hundert Meter weiter marschiert zur TU und habe mich fürs Architekturstudium eingeschrieben.

Welches Instrument haben Sie gespielt?

Klavier, später dann auch Cembalo.

Spielen sie heute noch regelmäßig? Ich sehe hier gar kein Klavier.

Also hier oben habe ich zwei große Flügel, dann besitze ich zwei große Cembali und ein Virginal. Ich bin wohl ganz gut ausgestattet!

Wie geht das Musizieren mit dem Architekturmachen zusammen?

Das Musikmachen ist etwas sehr Eisernes, das hat mir in der Architektur sehr geholfen. Eisern an einer Sache dran bleiben, sei es das Konstruktive oder die Genauigkeit in der Abrechnung oder was auch immer: Es muss absolut passen und doch wie selbstverständlich wirken.

Sie haben im Vorgespräch das schöne Wort „balleresk“ gebraucht.
Das war ironisch gemeint, oder?

Ich glaube, das kommt gar nicht von mir. Wir machen keinen Architekturstil, das habe ich schon gesagt. Wir bemühen uns, das Ornament wieder zu beleben, es von dem Fluch zu befreien, mit dem Adolf Loos es belegt hat. Als ich beauftragt war, das Philosophische Institut zu planen [1978, mit Inken Baller; Be. K.], da habe ich diese Geländer entworfen, die durchaus wie ein Ornament sind. Und ich sage nicht zu wenig, wenn ich behaupte, dass diese Ornamente für die FU genau die gleiche Arbeit gemacht haben, wie das gesamte Projekt zu entwickeln. Das war damals Neuland. Wenn Sie jetzt die Ornamente in der Württembergischen Straßen anschauen, dann sind die sehr viel weiter entwickelt. Die sind heute mehr wie Klänge.

Wenn Ihre Architektur nicht romantisch ist, sind Sie es?

Ich möchte das aus der Musik erklären. Das Romantische in der Musik ist etwas Universelles, es ist in jeder Musik vorhanden. Und sicher auch in der Architektur. Wenn aber das Romantische alleine steht, ist es schwach. Dynamik und Transzendenz sind die Pole. Und da sind wir schnell bei Bach. Nein, ich bin kein Romantiker.

Zum Abschluss: Was geben Sie jungen Architekten mit auf den Weg?

Ein Trost zunächst mit einem Wort von Taut „dass den Beruf zu lernen 20 Jahre dauert.“ Ich habe auch nicht bewiesen, dass es schneller geht. Wichtig ist mir, dass sich die Jungen sehr selbstkritisch prüfen. Bisher gab es immer Architekten, die ganz genau wussten, was möglich ist und was nicht. Vielleicht ist das in den nächsten zwanzig Jahren kreativen Kistenstapelns anders und es kommt keine wesentliche Architektur mehr. Oder wieder erst nach 50 Jahren mit der Tiefe, die in der Malerei oder der Musik ebenfalls immer wieder zu finden ist. Sonst ist das, was wir machen, einfach nur kurzatmig, kurzlebig.

Mit Hinrich Baller unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 29. August 2016 in dessen Atelier hoch über dem Lietzenseepark in Berlin.

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