VERBAND

Mehr Kooperation statt Konfrontation

Die Herausforderungen für die Gesellschaft und das Bauwesen der Zukunft sind enorm, sie reichen von der Bewältigung des demografischen Wandels, den Anforderungen an klimagerechtes Planen und Bauen bis hin zur Digitalisierung. Diese Entwicklungen müssen berufspolitisch von Architekten und Ingenieuren begleitet und gestaltet werden!
Wenn das Land vor großen Aufgaben steht, kommen die Akteure aus Politik, Praxis und Wissenschaft regelmäßig zu Gipfeltreffen zusammen. Auf den EU-Flüchtlingsgipfel folgt der Wohngipfel, darauf der Digitalgipfel und zuletzt im Dezember wieder der UN-Klimagipfel. Auch wenn die Ergebnisse dieser Gipfel zumeist nüchtern erscheinen, sind ihre Anzahl und ihre Themen ein deut-liches Zeichen dafür, vor welchen Herausforderungen und Umbrüchen unsere Gesellschaft steht. Das Bauen, als einer der prägendsten Bestandteile unserer Umwelt, trägt dabei besondere Verantwortung. Der Berufsstand der Architekten und Ingenieure befindet sich dadurch ebenso im Umbruch wie seine berufspolitische Vertretung. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von der Bewältigung des demografischen Wandels, den Anforderungen an klimagerechtes Planen und Bauen bis hin zur Digitalisierung.

Ressourcenschonendes und nachhaltiges Planen und Bauen erfordert ein Umdenken

Während in der Automobilindustrie ­bereits Recyclingquoten von mehr als 90 % vorgeschrieben werden, ist das Bauen für rund 60 % des weltweiten Ressourcenverbrauchs verantwortlich. Es verschlingt dabei nicht nur Rohstoffe, sondern auch Energie, produziert Emissionen und über die Hälfte des weltweiten Mülls. Um darauf die richtigen Antworten zu finden, sind unkonventionelle und innovative Lösungen gefragt. Dafür brauchen wir nicht nur neue Gebäudekonzepte sondern auch Bauprodukte, die so konzipiert sein müssen, dass sie nicht zu Abfall werden, sondern rückführbar sind. Egal wie lange unsere Gebäude künftig stehen, am Ende ihres Lebenszyklus dürfen sie keine Berge von Sondermüll hinterlassen. Eine Fokussierung auf den Neubau wird dabei nicht ausreichen.
Im Rahmen der Energiewende soll bis 2050 ein nahezu klimaneutraler Gebäudebestand in Deutschland erreicht sein. Wir müssen dazu eine deutliche Anhebung der Sanierungsquote erreichen, die im Augenblick bei lediglich 1% liegt. Hierfür ist nicht die Formulierung neuer Wärmedämmstandards gefragt, sondern eine CO2-Bilanzierung der eingesetzten Baustoffe und ein konsequenter Weg zur Loslösung von fossilen Energiequellen. Gleichzeitig muss der demografische Wandel bewältigt werden.

Innovationsschub erfordert qualifizierte Ausbildungen

Von Architekten und Ingenieuren wird erwartet, dass sie Antwort auf die Frage geben, wie die Zukunft des altersgerechten Wohnens und Lebens in den Städten und in den ländlichen Gebieten aussieht. Gerade die Entwicklung des ländlichen Raums, der immer mehr ausdünnt, darf unter dem Fokus auf die urbanen Räume nicht außer Acht gelassen werden. Für diese Aufgaben brauchen wir qualifizierte Fachleute mit einer fundierten Ausbildung. Immer händeringender wird aber auch im Baubereich nach qualifiziertem Nachwuchs für die akademischen und gewerblichen Bauberufe gesucht. Über 30 % der Unternehmen finden keine Auszubildenden für ihre ausgeschriebenen Stellen.
Der teilweise schon dramatische Fachkräftemangel wird einen Innovationsschub bei der Arbeitsproduktivität vor allem bei der Bauausführung erfordern und bewirken. Der Vorwurf, in Deutschland werde oft noch so gebaut wie vor 50 Jahren, hat seine Berechtigung. Die Produktivität verharrt in diesem Bereich im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen auf einem erschreckend niedrigen Niveau. Während sie in den vergangenen Jahren im verarbeitenden Gewerbe um über 30 % anstieg, erreichte der Bau lediglich eine Produktivitätssteigerung um etwa 4%. Ohne Zuwanderung, für die es jedenfalls zur Zeit noch keinen breiten gesellschaftlichen Konsens gibt, und ohne deutliche Steigerung der Arbeitsproduktivität wird es nicht gelingen, die aktuellen baulichen Herausforderungen im Hoch- und Infrastrukturbau zu bewältigen.

Digitalisierung und Integrale Planung erfordern ganzheitliches Denken

Ein Baustein, der die Themen Nachhaltigkeit, Innovation und Produktivität gleichermaßen berührt, ist die Digitalisierung des Planungs- und Bauprozesses. Eine Digitalisierungsmethode wie „Building Information Modeling“, kurz BIM, führt zu einer ganzheitlichen Betrachtung und Beschleunigung von Prozessen. Sie bringt die Baubeteiligten und ihre jeweiligen Kenntnisse und Fähigkeiten auf einer ge­meinsamen Plattform zusammen, betrachtet den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks und erzielt Synergien im Prozess der Planung und Bauausführung. BIM bringt wieder zusammen, was die Wissenschaft vor zweihundert Jahren ­getrennt hat und damit den „digitalen Baumeister“ hervor. Er verbindet Netzwerk und integrale Zusammenarbeit der Planungsdisziplinen mit modernen Instrumenten der digitalen Welt. Der „Baumeister 4.0“ drückt den Anspruch am ganzheitlichen Arbeiten der Planer und Bauausführenden aus. Er ist ein Baumeister, der wirtschaftlich sowohl zugunsten des Bauherrn als auch des späteren Betreibers handelt, der ökologisch nachhaltig denkt, weil er den gesamten Lebenszyklus des Bauwerks im Auge hat und der qualitativ hochwertig plant, weil er Fehler frühzeitig erkennen und besser vermeiden kann.
Das integrale Zusammenwirken der Planer und die Integration der Bauausführenden erfordert aber auch ein neues Denken und Selbstverständnis im Umgang miteinander, mehr Koopera­tion statt Konfrontation. Neue digitale Werkzeuge werden künftig wahrscheinlich in allen Bereichen der Wertschöpfungskette Bau zumindest mittelbaren Einfluss auf Gestaltungsprinzipien und die Materialwahl haben. Hierbei wird es besonders wichtig sein, dass wir unsere baukulturellen Ansprüche bewahren. Digitalisierungsmethoden dürfen nicht zu einem Selbstzweck werden, sie müssen sich immer an dem tatsächlich zu erzielenden Mehrwert orientieren, in dessen Fokus immer die Steigerung der Bauqualität liegen muss. Nicht zuletzt und in einer noch etwas ferneren Zukunft ist zu erwarten, dass die künstliche Intelligenz auch in kreativen Feldern Aufgaben übernimmt, von denen bislang angenommen wird, dass nur Menschen sie erfüllen können. Es ist ebenso nicht auszuschließen, dass für bestimmte Gebiete des Bauens künftig internetbasierte Planungsleistungen angeboten werden. Der Bauherr begegnet hier dann wahrscheinlich genauso einem Konfigurator, wie er ihn bereits von der Bestellung seines Autos kennt. Diese Entwicklungen müssen berufspolitisch von den Betroffenen begleitet werden, wenn sie nicht Einflüssen von berufsfremden Interessen überlassen werden sollen.

Berufsverbände als Gegenmodell zur Individualisierung

Eine hohe Wirkung entfaltet berufspolitische Vertretung immer dann, wenn sie von möglichst vielen getragen wird und auf langjährige Verbindungen zurückgreifen kann. Wenn sie ein Netzwerk bietet, dass auf allen Ebenen des politischen Handelns als Ansprech-­­
partner mit Bausachverstand wirken kann. Hier besteht die Herausforderung, da dass Engagement in der heutigen Zeit häufig situationsgebunden, projektbezogen und von einzelnen Initiativen abhängig ist. Berufsverbände sind damit ein Stück weit auch ein Gegenmodell zur Individualisierung der Gesellschaft, da sie langfristig gesamtgesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Um weiterhin Erfolg zu haben, müssen aber auch sie sich dem Wandel stellen und sowohl die Architektinnen und Architekten als auch die Ingenieurinnen und Ingenieure dort abholen, wo sie sich beruflich schon hinbewegen: in der digitalen Welt.
BIM bringt wieder zusammen, was die Wissenschaft vor zweihundert Jahren ­getrennt hat und damit den „digitalen Baumeister“ ­hervor.

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