Maßvolle Nach­verdichtung
Wohnbebauung in
Duisburg-Hamborn

Mit nachhaltiger Architektur gelang Druschke und Grosser Architekten die Aufwertung eines sozial schwachen Stadtteils. Die energetisch vorbildlichen Mehrfamilienhäuser wurden mit dem Landespreis für Architektur, Wohnungs- und Städtebau Nordrhein-Westfalen 2012 ausgezeichnet.

Die Bauaufgabe war nicht einfach. Das Baugrundstück befand sich auf den Grünflächen eines baumbestandenen Kirchplatzes, der von einer ungewöhnlichen Kirchen­skulptur dominiert wird. Die St. Joseph-Kirche war in den 1960er-Jahren nach einem Entwurf des Wiener Kirchen

architekten Robert Kramreiter gebaut worden. Mit ihrem dynamischen Dach, das von den Anwohnern scherzhaft „Sprungschanze“ genannt wird, ist sie prägend für das Quartier Alt-Hamborn. Die Architekten ermittelten in ausführlichen Volumenstudien die richtigen Proportionen für die neuen Baukörper. Mit ihrer klaren Geometrie nimmt die Architektur der modernen Mehrfamilienhäuser behutsam den Dialog mit der Kirche auf. Die Kubatur der Neubauten definiert den Kirchplatz völlig neu und gibt dem Ensemble aus Kirche und Gemeindehaus erstmalig einen Rahmen. Gleichzeitig bleiben gewohnte Blickachsen und Wegeverbindungen erhalten, denn die beiden Gebäude lassen eine zentrale Sichtachse frei und bilden quasi das Tor zum Kirchhof. Es entsteht ein harmonischer Außenbezug im Ensemble aus Kirche, Gemeindezentrum und neuer Wohnbebauung. Mit ihren barrierefreien Seniorenwohnungen und dem Gemeindezentrum in der Nachbarschaft entsteht mit der neuen Wohnbebauung ein altengerechtes Quartier in kirchlicher Trägerschaft. Die beiden Wohnhäuser gelten daher schon jetzt als sinnvolle und sozial vorbildliche Weiterentwicklung des Standorts, mit dem die Urbanität zukunftsweisend gefördert wird.

Die zwei straßenbegleitenden kompakten Baukörper der Mehrfamilienhäuser sind durch ein gemeinsames Dach verbunden, das als offene Pergola aus Betonfertigteilen gestaltet ist. Es wirft je nach Tageslicht sein Schattenspiel auf die Fassaden. Diese sind rhythmisch gestaltet mit einem Wechsel von anthrazitfarbenem Klinker sowie

satinierten Glasbrüstungen und weißen Putzflächen an tief eingeschnittenen Loggien. Bodentiefe französische Holzfenster mit dezenten, kaum sichtbaren Absturzsicherungen aus Edelstahl und sorgfältig ausgearbeitete Details prägen das Fassadenbild. Die beiden Staffelgeschosse nehmen sich mit ihrer weißen Putzfassaden optisch zurück und wirken leicht und unaufdringlich.

Auf der Seite zum Kirchplatz befinden sich die Eingänge zu den Häusern. Sie werden durch spannungsvoll gesetzte Akzente in der Fassade betont: Leuchtend rote Farbfelder, die wie die verglasten Eingänge über alle drei Geschosse verlaufen, markieren den Eingang, dahinter verstecken sich die Aufzugsanlagen. Die Treppen befinden sich hinter einer weißen Putzfassade mit asymmetrischen Öffnungen, die dem Treppenverlauf folgen. Dadurch entstehen lichte Treppenräume mit direktem Blick auf die Kirche.

Die 31 Wohnungen bieten ein vielfältiges Angebot mit Schwerpunkt auf seniorengerechten Wohnungen: auf einer Gesamtwohnfläche von 2 212 m² gibt es 2-Zi-, 3-Zi- und 4-Zi-Wohnungen unterschiedlicher Größe von 45 bis 107 m². Alle Wohnungen sind über zwei Aufzugsanlagen barrierefrei erschlossen. Innerhalb der Wohnungen wird die Barrierefreiheit durch bodengleiche Duschen und schwellenlose Ausgänge gewährleistet. Die Erdgeschosswohnungen haben Terrassen und einen Mietergarten, die anderen großräumige Balkone und Loggien. Die Wohnungen im Staffelgeschoss haben eine Dachterrasse. In allen Wohnungen bilden Wohn- und Esszimmer sowie Küche eine räumliche Einheit, die über Schiebetüren individuell geschlossen werden kann. Die Bäder liegen an der Außenfassade und können über die Fenster natürlich belüftet werden, in einigen Wohnungen gibt es zusätzlich ein Gästebad. In der natürlich belüfteten Tiefgarage stehen 28 Stellplätze, davon vier für Rollstuhlfahrer zur Verfügung.

Die wirtschaftliche Bauweise und das günstige A/V-Verhältnis begründen den ökonomischen Aspekt des Energiekonzepts: die Außenwände wurden in 2-schaliger Massivbauweise erstellt. Die Tragstruktur aus Kalksandstein innen, Vorsatzschale aus Klinker außen und dazwischen 18 cm Dämmung bietet eine langlebige und belastbare Außenwand mit guter Dämmwirkung. Bei den Putzflächen der Staffelgeschosse kam ein WDVS zum Einsatz. Fenster mit 3-fach-Verglasung sowie eine wärmebrückenminimierte Konstruktion sorgen für eine luftdichte Außenhülle. Nach den Grundsätzen des solaren Bauens sind die Süd- und Westfassaden als Energiegewinnfassaden konzipiert. Alle Wohnräume sind nach Süden bzw. Westen ausgerichtet und profitieren von solaren Wärmegewinnen. Die meisten Schlafräume dagegen sind nach Norden bzw. Osten orientiert, auch die Treppenhäuser und Erschließungszonen befinden sich auf der Nordost-Seite. Eine zentrale Heizungsanlage versorgt die Wohnungen mit Fernwärme für die Niedertemperatur-Fußbodenheizung. Eine Lüftungsanlage mit WRG reduziert den Heizenergiebedarf auf Niedrig-energiestandard. Mit einem Primärenergiebedarf von 23,4 kWh/m² werden nur 50 % der Primärenergie vergleichbarer Neubauten verbraucht. Inga Schaefer, Bielefeld

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