Luxemburg 2013– Europastadt, Bankenstadt, Architekturstadt? Eine Ortsbesichtigung
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Architekturinteressierte, die auf dem Unesco Welterbe Altstadtfelsen Luxemburgs stehen, lockt ein Hochhausensemble oberhalb der grünen Talhänge auf die andere Seite der Alzette. Über eine rote Brücke (1966) ist das Plateau de Kirchberg bequem und sehr einfach mit dem kostenlosen Architektur- und Kunstführer des Tourismusbüros erreicht.

In diesem Führer erfährt man, dass die beiden Türme links und rechts der Straße Porte d’Europe heißen und ist in Anbetracht der einfachen Glasfassade vielleicht erstaunt, dass sie von Ricardo Bofill stammen. Der Blick wird aber zugleich durch ein OP-Art Kunstwerk in Beschlag genommen: Drei Stützenreihen der gänzlich weißen Philharmonie bieten stets sich ändernde Einblicke in das Innere des Gebäudes von Christian de Potzamparc. Die Philharmonie steht inmitten eines meist menschenleeren Fußgängerplateaus, das durch zwei Gebäude aus den 60er Jahren begrenzt wird. Das ist zum einen das Robert-Schuman-Haus mit seiner regelmäßigen Rasterfassade. Das Gebäude, das Jacques Tati in seinem Film ‚Playtime‘ für alle (Film)Zeiten konservierte, zeigt sich heute allerdings in einem eher her-untergekommenen Zustand. Dem zweiten 60er Jahre Alcide de Gasperi Hochhaus ist sein Alter nach einer grundlegenden Renovierung dagegen nicht anzusehen.

Etwas unterhalb dieser Gebäude liegt das Fort Thüngen, ein Rest der Bundesfestung Luxemburg. In reizvollem Kontrast zum rauen Sandstein des Forts hat hier Ieoh Ming Pei das Museum d‘art moderne Mudam mit einer Fassade aus poliertem Kalkstein und Glas eingefügt. Im Innern münden introvertierte Ausstellungsräume in die zentrale Halle mit Glaspyramide, die hier noch eine kleine Laterne trägt. In den noch vorhandenen Gewölben des Forts befindet sich weiterhin das Museum Drai Eechelen. Gelungen ist die Gestaltung der Innenräume durch J. M. Wilmotte (Paris) mit seiner Gegenüberstellung von alt und neu. Es empfiehlt sich, die preisgüns-tige Luxemburgcard zu kaufen, um alle Museen zu besichtigen und die vielen Busse zu nutzen.

Kirchberg

Hauptverkehrsadern sind in Kirchberg die zehnspurige (!) Avenue Kennedy und, welch politisches Bekenntnis, der Boulevard Konrad Adenauer. Kirchberg, begonnen in den 60er Jahren als Bürohauscampus im Grünen der sich profilierenden Europastadt Luxemburg, umfasst nun ein 36 Hektar großes Gebiet, das kontinuierlich weiter bebaut wird. Eindrucksvolles Gestaltungselement sind die ca. 30 Kunstwerke im öffentlichen Raum. Seit 1961 kümmert sich der Fond d’Urbanisation et d’Amenagement du Plateau de Kirchberg, kurz Fonds Kirchberg, um die Entwicklung des Gebiets. Der Städtebau folgt den planerischen Prämissen der Jahrzehnte. Nach freien Formen zu Beginn strebt man jetzt nach Straßenrandbebauung. Der Jahresbericht 2012 informiert über Projekte und die vielen zukünftigen Planungen (en/fr, 170 S.).

Europäische Bauten

Mit dem Besuch der europäischen Institutionen begibt man sich auf eine Zeitreise in die siebziger Jahre. Im Brutalismus, wie man ihn heute gerne abreißt, plante Sir Lasdun die Europäische Investmentank. Die Erweiterung des Gebäudes ist ein prämiertes Beispiel heutigen nachhaltigen Bauens von Ingenhoven Overdieck und Partner.

Als freie Form in der Landschaft entstanden der kreuzförmige Rechnungshof und das verspiegelte Gebäude des Europäischen Parlaments, das bald durch einen Neubau von Heinle, Wischer und Partner ersetzt wird. Weitere Drunterdurchlaufgebäude, das Vorgenannte steht auf Stützen, die man auf Erdgeschossebene unterqueren kann sind die Handelskammer, der Europäische Gerichtshof (Dominique Perrault u. a.) und das Haus der Europäischen Kommission. Hier muss man diese Chance noch schnell nutzen, denn es wird durch einen Neubau von KSP Architekten (Frankfurt) ersetzt.

Das Hauptgebäude des europäischen Gerichtshofs (Conzemius/Jamagne) mit einer Fassade aus Glas und massigen Stahlprofilverbindungen wurde von Dominique Perrault mit einem aufgeständerten Büroring erweitert und lässt sich dort auch unterqueren. 2006 errichtete er daneben die zwei bronzefarbenen Hochhausscheiben. Ein dritter Turm ist geplant. Stilistisch fremd wirkt ein postmoderner Bauabschnitt (1985-1996, APF/L).

Banken

Am östlichen Eingang des Kirchbergs, gleich neben der Messe, befinden sich die Niederlassungen vieler Banken, kleine Festungen mit Abstandsgrün im Geviert. Eine Burg par excellence hat Gottfried Böhm für die Deutsche Bank entworfen. Wer artig fragt, darf im Atrium die Skulptur von A.R. Pencks Delphi helio-troph anschauen und die sehr großzügig bemessenen Stege und Treppen. Für die HypoVereinsbank baute Richard Meier einen für ihn typischen Rundbau und eine Eingangs­fassade in grau mit Festungscharakter. Was nichts half, heute heißt der Eigentümer Uni-credit, der eine Straße weiter ein Bürohaus mit markantem Eck (Atelier 5) sein eigen nennt.

Wer noch die Commerzbank sehen möchte, kann sie auf der anderen Seite der AV Kennedy in einem Gebäude von Hermann & Valentiny finden. Von ihnen stammt auch der neue Blickfang an der AV Kennedy, die Niederlassung von KPMG mit einer rautenförmigen Stahlstrukturfassade. Wenig unterhalb plant die Konkurrenz, Ernst & Young, mit Sauerbruch Hutton etwas größer und bunter.

Nach Thomas Morus Utopia ist ein Gebäude am Westeingang von Kirchberg benannt. Utopolis, ein Kinozentrum, liegt am Ostende. Was man dazwischen findet hat nichts mit Utopien zu tun. Schon das Sicherheitsbedürfnis der Banken und Europäischen Institutionen ist ein städtebaulicher Hemmschuh. Die Wohn­gebiete liegen am Rand, in der Mitte die Büros. Dazwischen gibt es zwei Parks und ein Sport-, ein Einkaufs- und das Kinozentrum, die Publikumsverkehr generieren sollen, aber eher Autoverkehr hervorrufen. Fußgänger sieht man ein paar wenige, dafür volle Pendlerparkplätze mit Autos aus den Nachbarländern. Die Planer des Fonds Kirchberg arbeiten an weiterer Durchmischung.

Die Altstadt

Die klassische Stadt findet man im alten Zentrum Luxemburgs. Vorbei am Boulevard Royal mit Bankbauten der siebziger Jahre sieht man im Bereich der Rue de la Loge noch mittelalterliche Stadtstrukturen. Dort, wie auch in der nahegelegenen Rue du Nord, gibt es nette Restaurants. Architektonisch empfiehlt sich das Museum für Geschichte und Kunst (C. Bauer/L). Hinter der nüchternen Fassade verbergen sich Reste alter Häuser. In drei Untergeschossen sieht man durch eine Glaswand den Fels. Durchlaufen kann man ihn bei einem Besuch der Kasematten. Wer hinunter ins Tal der Alzette steigt findet das Areal der Mousel Brauerei. Neben einem neu errichteten Bürokomplex wurde das alte Bauwerk zu einer Vielzahl gut frequentierter Bars und Restaurants umgebaut (Assar architects/Brüssel).

Entlang der Alzette gelangt man in das sanierte Stadtgebiet in der Rue Münster mit netter Gastronomie. In einem Haus in Umbau empfiehlt sich ein Besuch bei Brigitte, einer temporären Bar mit Terrasse am Fluss.

Ein Aufzug befördert einen wieder hoch auf das Altstadtplateau. Hatte man sich gefragt, ob es hier nicht auch Bauwerke der Luxemburger Brüder Krier gibt, so weiß man es, wenn sich die Aufzugstür oben öffnet und man die Cité Judiciaire sieht (R.u.L Krier 1991-2009).

Fazit

Die Architektur Luxemburgs ist ein Abbild Europas: vielgestaltig im Guten wie im Schlechtem, viel neben-, wenig miteinander. Gelungen sind die Museen. Wie ein Architektur- und Kunstmuseum mit traditioneller Hängung ist der Stadtteil Kirchberg: viele Exponate großer Meister u.a. der Pritzkerpreisträger Pei, Böhm, Meier, de Potzamparc, aber bezugslos aufgereiht. Dennoch ist Luxemburg für Architekturinteressierte einen (Wochenend) Ausflug wert, und es ist so nah.

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