Leicht demontierbar
Olympische Basketball Arena, London/GB

Groß, sehr groß ist das Gelände der Olympiade 2012 im vormals industriell genutzten Lower Lea Valley im Osten Londons. Wo brachliegende Industrieareale und verlassene Fabrikbauten dominierten, arbeitet man nun allein noch auf dem 2,5 km großen Areal an einem großen Olympischen Landschaftspark, dessen Gebäude bereits ein Jahr vor dem Großereignis die Silhouette Londons mitprägen.

Keine andere Olympiade hat sich vor London 2012 das Ziel gesetzt, das Großereignis in einer Strategie urbaner Erneuerung und nachhaltiger Verantwortung zu verwirklichen. So sollen die sozial deprivierten Stadtteile Hackney, Newham (Stratford), Tower Hamlets und Waltham Forest mit der Olympiade Anschluss an das prosperierende Stadtzentrum erhalten. Und von Beginn an bekannte man sich zu einer Öko-Bilanzierung des Projekts, wozu jede Tonne CO2 jeder Hektoliter Abwasser und jede Tonne Abfall von der Olympic Delivery Authority (ODA) gezählt und bilanziert werden. Nach der letzten Bilanz von 2010 soll „London 2012“ innerhalb von sieben Jahren nicht mehr als 3,4 Millionen Tonnen CO2 produzieren, wovon etwa 1,2 Millionen Tonnen auf den Olympischen Park und das Dorf sowie 1,7 Millionen Tonnen auf den Spielbetrieb sowie die Anreise der Zuschauer und Athleten entfallen. An die Architekten und Ingenieure stellte man die Forderung, dass alle Neubauten den „Excellent“-Standard des britischen Zertifizierungssystems BREEAM erfüllen müssen. Re-use und Receycling waren erstmals zentrale Kriterien bei den Wettbewerben zu den olympischen Gebäuden, die in hohem Maße demontierbar und später an anderen Orten wieder verwendbar sein sollen. Ein besonderes Auswahlverfahren wählte die ODA 2007 für die Olympic Basketball Arena in der Nordwestecke des Geländes, das ganz auf eine enge Kooperation aller Disziplinen setzte. Keine fertigen Wettbewerbsentwürfe, sondern dezidiert Konzeptionen wurden den zehn konkurrierenden Teams abverlangt, die nach der Entscheidung für das Team um die renommierten Architekten John Wilkinson und Jim Eyre kooperativ in wenigen Monaten mit Planungsrunden zu einem Projekt weiter entwickelt wurden. Dabei kamen Wilkinson Eyre ihre langjährigen Erfahrungen mit Brücken und vielen weiteren Infrastrukturbauten zu Gute, die mit der Milleniums Bridge in Gateshead oder dem Regionalbahnhof in Stratford beeindruckende Bauten in enger Kooperation mit Ingenieuren geschaffen haben.

Als Einzige unter allen Bewerbern entwickelten sie mit dem Ingenieur Anthony Hunt vier sehr verschiedene Optionen für die Basketball Arena: eine geodätische Kuppel, Haus-in-Haus-Konzeption, Raumknotenstruktur sowie eine vorgespannte Seilnetzstruktur. Die Vor- und Nachteile wurden differenziert mit Diagrammen thematisiert und später im großen Kreis diskutiert. Und wenngleich ihr Favorit, die Seilnetzstruktur am Ende nicht den Zuschlag erhielt, so ermöglichten sie damit einen diskursiven Optimierungsprozess, der gerade auch dem engen Budgetplänen der Londoner Olympiade flexibel Rechnung tragen konnte. Schmerz­hafte Einsparungen wie sie etwa Zaha Hadid bei ihrem Aquatic Centre erleben musste, das mit seinen 269 Millionen Pounds weit mehr als das Sechsfache von Wilkinsion Eyres Arena kostete, blieb ihnen erspart.

Konstruktiv gedacht

Als Haus-in-Haus-Struktur wurde die 12 000 Sitze fassende Arena gebaut, deren Dimensionen beeindruckend sind. 35 m hoch, 115 m lang und 96 m breit ist die Olympic Basketball Arena, die konsequent als ein leicht demontierbares Gebäude konzipiert wurde, das mit einem möglichst niedrigen ökologischen Footprint an anderer Stelle wieder aufgebaut werden kann. Gewissermaßen ein radikales Lowtech-Projekt realisierten die renommierten Hightech-Architekten, das ganz auf seine Funktionen hin optimiert wurde.

Keine aufwändige Bodengründung erfordert ihre Arena, die aus seitlichen Reihen 23 m hoher, zum Boden hin konisch zulaufen­den Stahlstützen im Abstand von 6 m besteht, welche verbunden mit gebogenen Dachgitterträgern als eine leichte Torrahmen-Konstruktion über 96 m frei spannt. Diagonale Abspannungen von Dachträger nehmen die Zugkräfte innerhalb des Membran-verkleideten Dachbereichs auf, der Sägezähnen ähnlich auf- und absteigt, was dem Gebäude von Weitem sichtbar eine unverwechselbare Silhouette verleiht. Denn als eine überdimensionale Plastik wurde die Arena mit einer dünnen Membran aus receycelbaren, blei- und cadmiumfreien PVC in einem Weißton verkleidet, die an den Seiten auf ungewöhnliche Weise hervortritt. Hier spannen in drei verschiedenen Radien – von 10,87 m bis zu 16,04 m – und noch mehr Winkeln sekundäre Strukturen diagonaler Bogenstangen von Stahlstütze zu Stahlstütze, über die sich die Haut überaus scharfkantig im Zustand beständiger dynamischer Veränderung zu spannen scheint.

Was auf den ersten Blick unwillkürlich an Werke Lucio Fontanas oder anderer Künstler der Sechziger Jahre erinnert, die damals mit Leinwand oder in Keramik raumgreifende Oberflächen schufen, bricht hier effektvoll einen Baukörper monumentalen Ausmaßes in viele Raumsegmente auf. Durch das Auf und Ab der Haut zeichnen sich auf dem Körper viele wandlungsreiche Schattenspiele ab, die letztlich mit dem Thema der Serie und ihrer Variation arbeiten, aber im Morgen- oder Abendlicht zudem das Gebäude in unterschiedlichen Farben und Intensitäten leuchten lassen. Wodurch die relativ simple Konstruktion der Arena eine ungewöhnliche Vielfalt visueller Eindrücke hervorbringt.

Entsprechend des Haus-im-Haus-Konzepts ist die Hülle weitgehend getrennt vom oktogonalen Innenraum der Basketball Arena, der als eine leicht demontierbare Gerüstkonstruktion mit Sperrholzwänden in die Membran eingestellt ist. Beraten von Nüssli International, den Schweizer Spezialisten für temporäre Eventbauten, wählte Sam Wright, Partner im Büro Wilkinson Eyre die bewusst einfache Lösung eines konventionellen Stahlgerüsts, das den Vorteil rascher Montage und Demontage bot. Schließlich sollen in der Olympische Basketball Arena auch Handballpiele und während der Paralympics noch weitere Ballspielarten mit nur 10 000 Plätzen statt finden können, wozu nun die Halle in 12 bis 22 Stunden umgebaut werden kann.

So simpel diese Lösung erscheint, so klug durchdacht bis ins Detail wurde sie verwirklicht. Mit viel Sorgfalt wurden in die Gerüstkonstruktion modulare Nebenräume für Toiletten und VIP integriert und die Treppen als eigenständige Raumeinheiten im leuchtenden Signalrot wie das der meisten Sitzschalen implantiert. Und da die Arena allein für einen Spielbetrieb im Sommer konzipiert wurde, entfallen hier alle üblichen Raumbegrenzungen. Ticketschalter und Zugangskontrollen wurden so der Arena Außen vorgelagert, was eine mehrere Meter über dem Bodenniveau endende Hülle sowie völlig freie Zugänge ohne Türen erlaubte. Radikal auf ihren Zweck konzipiert ist die Arena, die auch auf eine Heizung verzichten kann. Unsichtbar für die Zuschauer wurde nur für eine natürliche Luftzirkulation gesorgt, die unsichtbar Abluft in den hohen Zwischenraum zur Hülle abführt. Allein die Positionierung des Sportlertrakts außerhalb der Hülle scheint fragwürdig, wenngleich die Architekten u.a. mit 2,40  m hohen, überbreiten Türen für Rollstuhlfahrer einmal mehr ihr Können bewiesen.

In nur 15 Monaten entstand die Olympische Basketball Arena, die beim ersten Testbetrieb im August viel Lob erhielt. Manche Londoner Architekturkritiker klagen zwar über das Fehlen solcher Architekturikonen wie sie die Olympiade Beijing 2008 hervorbrachte und wollen darin einen weiteren Beweis für den Aufstieg Asiens und Niedergang Europas erkennen, doch besonders nachhaltig sind solche Icons nur selten. Mit sehr wenigen Mitteln schufen hingegen Wilkinson Eyre Architects ein durchaus beeindruckend funktionales Gebäude, dessen Nachhaltigkeit sich letztlich an seiner Nachnutzung erweisen wird. Ihre Konstruktion besitzt allein ein großes Handicap, dass sie sich im Dauerbetrieb nur für eine warme Region der Welt eignet. Gerüchten zufolge sollen so auch Rio 2016 und karibische Sportverbände schon bei ihrem Besitzer, dem Bauunternehmen Barr Construction Ltd. erstes Interesse angemeldet haben. Claus Käpplinger, Berlin

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