Lasst uns über das Wohnen reden und auch über das Leben!

DBZ Heftpaten ksw architekten + stadtplaner, Hannover

Das große Interesse vieler Besucher am Tag der Architektur gerade an Wohnprojekten macht deutlich, wie sehr sich die Menschen für das Wohnen anderer begeistern können. Wie groß allerdings die Enttäuschung ist, wenn anstatt der ersehnten Wohnungsbegehung lediglich eine Führung durch die Wohnanlage stattfindet, kann nur ermessen, wer schon einmal vor der Aufgabe stand, vermitteln zu müssen, dass die Privatsphäre der Bewohner vor dem Ansturm der Besucher zu schützen sei.

Über viele Jahrzehnte hinweg lag der Fokus der öffentlichen Wahrnehmung auf den eigenen vier Wänden, gefördert von fragwürdigen Subventionsleistungen des Staates und zahlreichen, bebilderten Werbebroschüren und Gazetten der Bausparkassen, die das Einfamilienhaus auf der grünen Wiese als erstrebenswertes Ziel propagierten – mit all den negativen Konsequenzen des Flächenverbrauchs und der segregierten Stadt, die es angesichts des Klimawandels und des ungebremsten Zuzugs in die Städte zwingend zu vermeiden und zu korrigieren gilt.

Infolge dieser globalen Herausforderung ist es unsere Aufgabe, endlich glaubhaft zu vermitteln und mit unseren Projekten aufzuzeigen, dass das Wohnen nicht an der Wohnungs- oder Haustür aufhört, sondern genau dort anfängt, wo wir in der Lage sind, zu leben – ob im Dorf oder im Quartier einer Stadt, mit dem wir uns identifizieren.

Wir dürfen nach Konzepten suchen, die anstatt übersteigert individualisierter, mit Eigennamen versehener Solitärbauten Wohnhäuser entstehen lassen, die den „Kitt der Stadt“ bedeuten und als Teil des großen Ganzen eine Identifikation mit ihren Bewohnern zulassen, die sich eben nicht auf das einzelne Haus kapriziert, sondern auf den jeweiligen Kontext, die Straße, das Quartier und seine öffentlichen Gebäude, und damit den Blick weitet auf das Wohnumfeld und den Lebensraum.

Dies setzt voraus, Menschen mit ihren Bedürfnissen in den Mittelpunkt unserer Konzepte zu rücken und nicht profitorientiertes Renditedenken einer industriell dominierten Gesellschaft, die ihre gewinnversprechendsten und sichersten Geldanlagen in Wohngebäuden unserer Zeit zu finden glaubt.

Und es bedeutet zugleich, Auftraggebern zu vermitteln, dass der Blick über die eigentliche Parzelle hinaus in den Kontext wesentlich ist für die bauliche Entwicklung derselben, die sich eben nicht explizit an den Wünschen und Vorgaben des Inves­tors bemisst, sondern vor allem auch und damit auf Dauer nachhaltig dem Quartier und der Gesellschaft dienen soll.

Wir dürfen auch getrost hinterfragen, ob es sinnvoll ist, gesetzlich vorgeschriebene Standards ubiquitär anwenden zu müssen, ohne konkrete Standortfaktoren und Bedürfnisse der Bewohner zu berücksichtigen, denn wem ist beispielsweise gedient, wenn in Studentenquartieren lediglich barrierefreie, und damit größere Wohnungen mit entsprechend teureren Mieten angeboten werden?

Wir dürfen uns aber auch ein Herz fassen und mit Nachdruck darauf verweisen, dass wir nicht auf Kosten anderer leben wollen auf dieser Welt. Lassen Sie uns nicht länger den Fehler der Automobilwirtschaft begehen, der jegliche Energieeffizienz innovativer Antriebssysteme mit immer schwereren, größeren und PS-stärkeren Maschinen im Nichts verpuffen lässt.

Mit welcher Rechtfertigung haben wir den Wohnflächenverbrauch pro Kopf innerhalb von 50 Jahren von 22 m² auf gut 46 m² ansteigen lassen? Lassen Sie uns mit intelligenten Konzepten unter Nutzung der Potentiale des Ortes den Beweis führen, dass es sich auf kleinem Raum in der Gemeinschaft mit anderen auf Dauer besser leben lässt.

Wenn es uns gelingt, den Blick vom Wohnen hinter der Wohnungstür auf das Leben in der Gesellschaft zu lenken, werden wir Lebensräume generieren können, die die Menschen im Innersten berühren und zur Heimat werden lassen. Dann wird es uns gelingen, die Menschen am Tag der Architektur und darüber hinaus für den öffentlichen Raum und für Solitärgebäude zu begeistern, die aufgrund ihrer öffentlichen Nutzung mit zu Recht hoher Individualität, Materialwertigkeit und ohne Scheu des finanziellen Mehraufwands hochwertig gestaltet sind – Gebäude, die uns allen gehören, mit denen wir uns als Gesellschaft identifizieren können.

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Ausgabe 09/2018

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