Kalkuliertes Risiko
Ev. Johanneskirche, Altenbach

netzwerkarchitekten haben mit ihrem ungewöhnlichen Vorschlag, einen Glockenturm aus Furnierschichtholz zu bauen, der Evangelischen Kirche in Altenbach einen neuen Ausdruck gegeben. Mit dem behutsamen und dennoch ausdrucksstarken Weiterbauen schaffen sie einen dramatischen Übergang in den Innenraum.

Ein Glockenturm aus Furnierschichtholz ist das neue Herz der Johanneskirche im badischen Altenbach. Gemeinsam mit der Verlängerung der Kubatur der Kirche ist der 17 m hohe Glockenturm Teil der ca. ein Jahr dauernden Sanierung der Kirche durch netzwerkarchitekten. Diese gewannen 2010 den ersten Preis des geladenen Wett­bewerbs. Sie sahen eine Erweiterung der 1896 erbauten Kirche vor, die sie von ihren Altlasten aus den Umbauten in den 1960er-Jahren befreien und nun behutsam fortschreiben. Der Glockenturm war in dieser Zeit aus dem Kirchenbau herausgelöst und als separater Turm vor die Kirche gestellt worden. Die Darmstädter Architekten bringen Glockenturm und Kirchenraum wieder zusammen. Dafür erweitern sie die Kirche und leiten das Material des Anbaus aus dem vorgefundenen Sandsteinmauerwerk ab. Wo der Anbau aus eingefärbtem Betonwerkstein anfängt, wird durch die Materialwahl zwar deutlich, der Bruch aber auf ein Minimum reduziert, da der Anbau die vorhandenen Lagerfugen des bestehenden Baus aufnimmt. Als vorgehängte hinterlüftete Fassade sind die Betonfertigteile mit Dornenankern am Rohbau befestigt.

Verbindungselement

Um den Glockenturm an der Schnittstelle von Alt- und Neubau einzubauen, entfernten die Architekten zunächst die vordere Giebelwand des Bestands. Eine Hilfskonstruktion ließ es zu, aus Ortbeton einen Schacht in den Kirchenraum zu setzen, in den die Holzelemente innerhalb einer Woche eingehoben und eingehängt wurden. Nun schwebt der Glockenturm als zweite Ebene im Kirchenraum, bevor er sich in einer Lamellenstruktur oberhalb des Dachfirsts auflöst. Die Holzkonstruktion nimmt in den „Stelen“ Archiv und Sakristei auf und schafft eine Dramaturgie im Eingang, indem die komplette Höhe des Raums erst nach dem Durchschreiten erlebbar wird.

Schwingungsnachweis, ein Tragseil und ein Auto

Drei Glocken läuten gleichzeitig und verursachen durch ihre Schwingungen dynamische Lasten. Bei einem Glockenturm aus Stahl kein Problem, Furnierschichtholz hingegen ist auf solche Lasten noch nicht ausreichend getestet. „Dadurch benötigte der Glockenturm eine Zulassung für diese besondere Verwendung“, sagt Thilo Höhne, Projektleiter bei netzwerkarchitekten. Zunächst mussten die Tragwerksplaner Schwingungsannahmen rechnerisch nachweisen. Weitere Nachweise waren nötig. Daraufhin machten die Architekten mit dem so genannten Snap-Back-Versuch die Probe aufs Exempel. Ein Seil wurde am Turm befestigt, an diesem ein weiteres mit bekannter Rissfestigkeit, dieses wiederum an einer Anhängerkupplung eines Kleinbusses, der das Seil bis zum Riss belastete. Messsensorik im Innenraum lieferte Ergebnisse zum Schwingungsverhalten der Konstruktion. Hätte der Turm diesem Test nicht standgehalten, hätten die Planer nachrüsten müssen – Aussteifungen in Stahl wären die Folge gewesen. Und „der Glockenturm wäre nicht in Betrieb gegangen“, sagt Höhne. Ein kalkuliertes Risiko, mit dem sich die Architekten während der Vorplanungen und des Baus intensiv beschäftigten. Gelohnt hat es sich allemal. Altenbach ist nun eines der ersten Dörfer, das einen Glockenturm aus Furnierschichtholz hat. S.C.

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