Jetzt endlich doch: Biennale Architettura 2021

Die Zeiten sind besondere, schon, wenn man in diese zurückschaut, voller Ungewissheit, was die Zukunft bringt. 2020 sollte eigentlich die Architekturbiennale in Venedig starten, zum 17. Mal seit ihrer Gründung 1980. Damals lautete das für eine erste Ausstellung programmatische Motto „La presenza del passato“. Alle zwei Jahre – seit 2000 mit der von Massimiliano Fuksas kuratierten Ausstellung „Less aesthetics more ethics“ – war Verlass darauf, dass die runden Jahreszahlen den Besuch der Gardini und des Arsenale und anderen Orten in der Lagunenstadt forderten. Noch im vergangenen Jahr versuchten die Veranstalter alles, dass es auch so bliebe: Eröffnung am 29. August (bis 29. November 2020). Doch die Pandemie schreibt eigene Gesetze, die internationale Ausstellung musste abgesagt und in das ungerade Jahr verschoben werden. Da, wo normalerweise und seit 1895 die Kunstbiennale stattfindet, präsentieren nun die Macher der 17. Architekturausstellungsauflage ihre Sichten auf das Gebaute im gesellschaftlichen Kontext. Kurator der Ausstellung ist der libanesische Architekt Hashim Sarkis, der der vielleicht wichtigsten internationalen Architekturausstellung erstmals eine Frage als Motto voranstellte: How will we live together? 1998 gründete er Hashim Sarkis Studios (HSS) in New York, heute mit Büros in Boston und Beirut. Seit 2015 ist er Dekan der School of Architecture and Planning am MIT. 2016 saß er in der Jury der 15. Architekturbiennale.

Das Programm

Seit dem 25. Mai ist die weltgrößte Architekturschau in Venedig eröffnet, noch bis Ende November 2021 kann man sie besuchen … auch der Autor dieses Textes, der seit 2004 regelmäßig zur Biennale in die Lagunenstadt reiste, wird den verschobenen Besuch in den kommenden Wochen nachholen. Zur Ausstellung hatte der Kurator 112 TeilnehmerInnen aus 46 Ländern eingeladen, im Vergleich zu den Biennalen aus der Vergangenheit mit deutlich mehr ArchitektInnen aus Afrika, Lateinamerika und Asien. 63 nationale Beteiligungen – von Albanien bis Usbeskistan – finden ihren Platz in den historischen Pavillons in den Giardini oder in den langen wie hohen Backsteinräumen des Arsenale sowie an verschiedenen Orten/Palazzi im historischen Stadtzentrum.

Zur Hauptausstellung kommen noch 17 Partnerveranstaltungen nationaler und internationaler gemeinnütziger Organisationen und Institutionen mit ihren Programmen an verschiedenen Orten in der Stadt. Es gibt, wie immer, ein umfangreiches Bildungsprogramm für StudentInnen und alle, die noch lernen wollen. Veranstaltungshinweise und Programmübersichten online. Themen sind hier u. a. Catalonien in Venedig, Charlotte Perriand mit Frank Gehry, Kunst und Migration, Gegenseitigkeit oder körperliche Begegnung.

Hinblick im Rückblick. Eine Reiseempfehlung

Aber soll man überhaupt nach Venedig reisen? Soll man Teil einer Massentourismusindustrie sein, der dieser sehr fragilien Perle Stadt im/am Wasser in absehbarer Zeit so zusetzt, dass man sie schließen muss für Jahre? Doch. Prinzipiell sollte man immer nach Venedig reisen. Gerade auch, wenn man sich mit der gebauten Umwelt insgesamt befasst: planerisch, theoretisch, sinnlich. In der Stadt auf 1 000 (Holz-)Pfählen, die von Kanälen durchzogen ist, in der das Auto per Mangel an Straßen draußen bleibt, in der Wasserbusse und -taxis und Lastkähne mancher Größen die Bewegung, den Transport, die Kommunikation infrastrukturell möglich machen, in der historische und teils höchst wertvolle Bauten – wie eigentlich überall in Italien – sich erstens häufen und zweitens zusehends verfallen, in dieser Stadt, die kaum noch Einwohner kennt, dafür aber rund 28 Mio. Touristen pro Jahr (inklusive derjenigen, die nur vom Wasser aus schauen und auf vorbeibollernden Passagierschiffsriesen an der Reling stehen (Europa in drei Tagen), in dieser Stadt, in der Nord­afrikaner illegal und darum umso nachgefragter niedrigste Dienste für noch weniger Lohn leisten, der Stadt, der man das Acqua alta durch mächtige Wehre mindern möchte, in der ein Cappuccino unverschämt teuer sein kann am Markus Platz, aber auch an weniger verdächtigen Stellen, Taschendiebe sehr fleißig sind und die fliegenden Lebensmittelhändler den Touristen das Doppelte berechnen, in der mehr Souveniers verkauft werden, als aus China für den Disney Park Paris geliefert werden, in dieser Stadt gibt es alte und sehr neue Kunst, alte und sehr junge Menschen und seit ein paar Jahrzehnten immer wieder auch neue Architektur. Versteckt, umstritten (bei den Venezianern, die offenbar mit ihrer für immer unveränderten Stadt im Morast versinken wollen einstmals) und häufig von internationalem Interesse und Niveau.

Venedig ist immer noch zu entdecken. Am Besten, man macht das mit ArchitekturstudentInnen vom Istituto Universitario di Architettura di Venezia, die Teil der 17. Biennale ist, und nicht mit den offiziellen Führern, die schnell die Highlights aberzählt haben und mit gleicher Geschwindigkeit in ein Lokal steuern, wo das Essen entweder mäßig gut und teuer oder nur teuer ist. In der Stadt Venedig, die, gemessen an ihrer Größe, überdurchschnittlich international bewohnt/belebt ist, wird auch offenbar, wie wir zusammenleben könnten, wenn wir wollten. Die Viertelstrukturen sind geschlossen wie durchlässig zugleich, die Plätze und fußgängerdominierten Straßen und Gassen bieten Raum für Treffen, für das Spielen und die Meditation auf dem Kunststoffstuhl, auf dem man sitzt und schaut und mit den Vorübergehenden ein Gespräch beginnt. Und es gibt noch die kleinen Läden für den alltäglichen Bedarf, es gibt Kino und Theater, Schulen, Kunsttempel und ungezählte kleine wie große Plätze, auf ­denen abends immer noch Kinder spielen bis tief in die Nacht.

Aber weil das Restleben in dieser Stadt so langsam aus dem letzten Loch pfeift und nur noch demonstrierende AktivistInnen den Anschein von BewohnerInnen­lebendigkeit vermitteln, hat sich Venedig in der 17. Architekturausstellung endlich auch einmal einen eigenen Raum im Arsenale geleistet: Drei Beiträge untersuchen hier die längst prekäre Situation der Gastgeberstadt und ihre Ausblicke schwanken zwischen Hoffen und Warnung: Es muss sich etwas ändern!

How will we live together

Im Arsenale zeigen ArchitektInnen, IngenieurInnen, KünstlerInnen und KuratorInnen, wie man über das zukünftige Zusammenleben denkt. Themen sind Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von Räumen – auch von Toiletten –, die erst ein lebendiges Miteinander möglich machen. Es wird gefragt, in welchen Körpern wir uns heute schon wiederfinden, in welchen wir uns finden wollen in vielleicht 20, 50 Jahren. Neue Materialien, neue Tragwerke, neue Technologie in der Fertigung, dem Betrieb, der Wiederverwendung werden gezeigt, vieles davon in 1 : 1-Mock-ups, verführerisch elegant, banal realistisch. Die Ozeane bekommen einen Beitrag, Städte und Dörfer, Infrastruktur, das Lernen und das Feiern, und immer wieder liest man die Botschaft: Unser Planet ist ein Makroosmos, in dem alles an allem hängt.

Der deutsche Beitrag

In den Nationenbeiträgen, von denen die meisten in den Gardini in den Pavillons zu finden sind, wird die Frage des zukünftigen Zusammenlebens teils sehr konkret beantwortet. Mehr Feste, weniger Zäune, mehr Shared Space, weniger Gated Community: Auf die Stadtgrenzen sollen wir schauen, auch auf das, was wir in der Vergangenheit falsch gemacht haben. Um daraus zu lernen? Bei manchen Beiträgen wundert man sich über das Disparate des Gezeigten zu den Zuständen in dem Land, aus dem der Beitrag kommt. Kritik am System scheint hier in Venedig möglich zu sein … oder habe ich etwas falsch verstanden?

Im Gespräch mit Nikolaus Hirsch (s. hier im Heft, S. 12f.), einem der vier Kuratoren des deutschen Beitrags, geht es auch um Mißverständnisse, aber auch darum, wie man die Begrenztheit des Ausstellungsereignisses überwinden kann, um weiter zu arbeiten, Feedback zu verarbeiten, Kritik aufzunehmen, Antworten zu schärfen. Zum ersten Mal in der Geschichte einer deutschen Beteiligung ist der Pavillon nämlich leer. Beinahe unangetastet steht er da, ein Ort, den man aufsuchen kann, aber nicht aufsuchen muss. Der Rückblick aus der Zukunft 2038 auf die Gegenwart ist konsequent fiktionale Präsens: Nichts ist vorhanden, außer ein paar QR-Codes auf den Wänden, die zu Filmen weiterleiten. Ist das radikal oder pragmatisch? In jedem Fall ist es eine Antwort auf eine Frage, die ich mir schon lange stellte: Brauchen wir die sehr aufwendigen Inszenierungen einer Architekturausstellung überhaupt noch? Ja, wir brauchen sie, denn allein die filmischen Beiträge, die schmalen Begleitpublikationen oder der virtuelle Austausch im virtuellen Pavillon mittels die Akteure ausblendender Avatare kann nicht zum Ziel führen. Beispielsweise, die Frage der Architekturausstellung nach dem möglichen Zusammenleben in Zukunft zu beantworten. Denn das erscheint klar: So wie bisher geht es nicht! Be. K.

www.labiennale.org/en/architecture/2021
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