Integration des Bestands in einen neuen Baukörper – Translozierung einer historischen Fassade

Wenn beim Bauen im Bestand die historische Fassadengestaltung erhalten bleiben soll, die Bausubstanz des Baukörpers aber einen Neubau verlangt, stehen Bauherren und Architekten vor einem Problem. Eine Lösungsmöglichkeit ist die Translozierung der Fassade. Jessica Borchardt von BAID Architekten berichtet von einem solchen Projekt.

Die notwendige Verdichtung infolge Wohnraummangels erfordert besonders in den Großstädten einen ebenso sensiblen wie effizienten Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz. Mal sind es besondere Ansprüche an die Gestaltung oder Vorgaben einer speziellen Erhaltensverordnung, die es auch im Neubausegment notwendig machen, den Bestand einzubeziehen.

In diesem speziellen Fall handelt es sich um ein Neubauprojekt in unmittelbarer Nähe zur Hamburger Außenalster. Die Wohnimmobilien an diesem Standort sind hochwertig und die Erwartungen an die Architektur werden auch von Seiten der Stadt deutlich benannt.

Die Bestandsgebäude in der Warburgstaße 35 und 37 wurden in den Jahren 1878 und 1889 von den Architekten Hugo Stammann und Gustav Zinnow erbaut. Obwohl sie nicht unter Denkmalschutz stehen, waren wir uns als Architekten von BAID mit dem Bauherrn BPN – Bauplan Nord einig, dass die historischen Fassaden erhalten werden sollten. Einerseits, um weiterhin eine Rolle als Zeitzeugnis für die Warburgstraße spielen zu können, aber auch andererseits, um unserem gestalterischen Anspruch, hier eine überzeugende Symbiose aus Alt und Neu erstehen zu lassen, gerecht zu werden.

Die Gespräche mit der Stadt drehten sich letztlich immer wieder um die Frage, wie eine weitestgehende Erhaltung des Standortcharakters mit einem so großvolumigen Hochhausneubau mit acht Etagen und 42 Wohneinheiten zu harmonisieren sei. Auch der damalige Oberbaudirektor, Prof. Jörn Walter, hat sich in dieser Frage stark eingebracht. Am Ende stand, nicht zuletzt wegen der Bereitschaft zur aufwendigen Erhaltung der Bestandsfassaden und ergänzt um einen sich deutlich absetzenden Neubau anspruchsvoller und dezidiert zeitgemäßer Architektur, kein Kompromiss im Raum, sondern etwas Neues, Eigenständiges. Den Ursprung und die Herkunft nicht verleugnend, sondern aufwertend, sollte ein Zeichen gelungener moderner Architektur entstehen.

Fassade erhalten, aber wie?

Für den Erhalt der Fassaden wurde nicht von ­vornherein eine Translozierung ins Auge gefasst, sondern eine der konventionellen Lösungen, bei denen die Bestandsfassaden durch eine entsprechende Unterstützungsstatik auch nach dem Abriss der Gebäude an ihrer Position gehalten werden können. Begründet in der relativ kleinen Grundfläche des Baukörpers musste sich eine solche Sicherung jedoch im Straßenraum, außerhalb des Bauwerks, befinden. Eine Besonderheit der Warburgstraße ist jedoch, dass sie infolge einer Sicherheitseinrichtung für das Konsulat der USA eine Sackgasse darstellt. Aus dieser Situation ergaben sich bezüglich der Sicherheitsanforderungen ganz spezielle und unabweisbare Bedingungen für die Befahrbarkeit, die unter keinen Umständen mit einer der herkömmlichen Fassadensicherungsmaßnahmen umzusetzen gewesen wären. Die Straße war schlicht zu schmal für eine Sicherung der Fassade im Straßenraum. Erschwerend kam hinzu, dass bei einer dreiseitig geschlossenen Baulücke, die nur straßenseitig zu beschicken wäre, der Erhalt der historischen Fassaden einen geregelten Bauablauf unmöglich erscheinen ließ. 

Es mussten also Alternativlösungen gefunden und auf ihre Machbarkeit hin geprüft werden. Eine originalgetreue Rekonstruktion nach einem Totalabriss kam für die Stadt nicht in Frage. Auch der Bauherr und wir als Architekten hätten eine solche Lösung als nicht authentische Staffage empfunden. Die Anzahl denkbarer Alternativen ist jedoch ausgesprochen überschaubar. Es kam letztlich nur ein möglichst substanzschonender Rückbau mit anschließender Wiedererrichtung der Fassaden in Betracht.

Translozierung statt Rekonstruktion

Es sollte also eine Translozierung vorgenommen werden. Dieses Verfahren war bis dato in Hamburg nicht angewandt worden. Nach anfänglicher Skepsis konnten wir als Planer die zuständigen Behörden schließlich mit Hilfe entsprechender Pläne und den überzeugenden Argumenten für diese Technik gewinnen.

Wichtig war nun, ein Unternehmen mit geeigneter Expertise zu finden. Mit der Firma JaKo Baudenkmalpflege GmbH, ihrer fast 130-jährigen Firmengeschichte und 40 Jahren Erfahrung auf dem Gebiet der Translozierung, konnte hier letztlich der richtige Partner beauftragt werden.

Die Translozierung selbst – der dokumentierte Abbau eines Gebäudes, oder nur eines Teils davon, dessen Transport, Einlagerung, Aufarbeitung und der originalgetreue Wiederaufbau – erfolgt in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten. Die Präzision der jeweils vorangehenden Maßnahme ist dabei entscheidend für den Erfolg des nachfolgenden Schrittes. Am Anfang steht die Sichtung und Analyse der Bestandsunterlagen. Aus diesen können sich bereits wichtige konstruktionsrelevante Anhaltspunkte für das weitere Vorgehen ergeben.

Generell wichtig sind, besonders bei älteren Strukturen, Vor-Ort-Analysen zu Bauteilöffnungen, Bohrkernberichte und eingehende Untersuchungen der Tragwerksstruktur. Bei unserem Projekt haben sich daraus ganz wesentliche Erkenntnisse ergeben, die für den Umgang mit den Fassaden bereits vor dem Abriss notwendig waren.

Bei den zu erhaltenden Fassaden der Gebäude Warburgstraße 35 und 37 handelt es sich um zweischaliges Mauerwerk, das im Außenbereich mit einem 24 cm breiten Vollziegelmauerwerk vermauert ist, im Innenbereich jedoch nur mit einem 12 cm Vollziegelmauerwerk. Zwischen den beiden Mauerwerksschalen befindet sich ein Zwischenraum. Die beiden Schalen werden mit unregelmäßig angeordneten, durchgehenden Ziegeln auf Abstand gehalten. Der Mauerwerksaufbau ist bei beiden Gebäuden gleich, allerdings variiert die Hohlraumgröße bei den beiden Schalen.

Zu den notwendigen Planungsleistungen (Werkplanung, Detailplanung) zählte auch die Erstellung genauer Planungsgrundlagen, unter anderem ein 3D-Aufmaß. Dies erfolgte unter Einsatz von geeigneter Technik, wie Drohnen und Lasertechnik. Die ermittelten Angaben waren im vorliegenden Fall wesentliche Voraussetzung für die Neubauplanung, zumal die Höhenlagen der Etagen, Zwischenetagen und Treppenhäuser der Altstruktur entsprechend heterogen ausfielen.

Wie man sich vorstellen kann, sind für das Gelingen eines solchen Projekts enge Abstimmungsprozesse zwischen den verschiedenen Planern notwendig. Das betrifft insbesondere Fragen der Gründung, da die Fassade auf dem Fundament des Neubaus steht. Zudem müssen verbindende Details erarbeitet werden. Bei diesem Projekt betraf das vor allem Fragen der Einbindung der Balkone, die Gestaltung der Fensteröffnungen und die Fassadenanschlüsse an den Neubaubereich. Letztlich muss alles zusammenpassen.

Demontage und Transport

Die eigentliche Translozierung beginnt nach den notwendigen Vorbereitungen dann mit einem wochenlangen und aufwändigen Prozess der Demontage. Erst seit den 1980er Jahren ist es möglich, Teile in der Dimension einer ganzen Etage abzunehmen und zu transportieren.

Die Fassade der Hausnummer 35 wurde nacheinander in vier Segmente von ca. 21 m Breite und 4,50  5,0 m Höhe etagenweise zerlegt und vom Bestandsgebäude getrennt. Die Fassadenteile der Hausnummer 37 waren etwas kürzer. Diese wurde in drei Teile mit einer Breite von 12,50 m zerlegt.

Die einzelnen Ebenen konnten jeweils an einen entsprechend belastbaren Doppel-T-Träger gehängt werden, damit wurde das statische System umgekehrt. Die Fassadenteile waren mit Stahl­seilen von oben an ihrem Träger fixiert und konnten mit Hilfe eines Schwerlastkrans auf einen Schwerlasttieflager verbracht und abtransportiert werden. Diese Art des Abtragens und Transportierens stabilisiert die einzelnen Elemente so, dass sie weitgehend unbeschädigt eingelagert werden können. Das liegt auch an einer für dieses Verfahren entwickelten Art der Verpackung. Während der Demontage kam es mehrfach zu Extremwetterlagen, die eine Unterbrechung der Arbeiten erforderlich machten. Auch davor waren die Elemente ausreichend geschützt. Für einige Bereiche des Erdgeschosses musste man sich für einen rekonstruktiven Neuaufbau entscheiden, da die vorhandene Substanz nicht die geforderte statische Qualität mitbrachte. Der Abriss der beiden Gebäude erfolgte dann im Anschluss an die Demontage der Fassaden.

Wiederaufbau der Fassade

Als alle statischen Voraussetzungen gegeben waren, konnte im Juli dieses Jahres mit dem Wiederaufbau begonnen werden. Dieser erfolgte parallel zur Errichtung des Rohbaus – mit jeder fertiggestellten Etage konnte das Fassadenteil des darunter liegenden Stockwerks wieder an seinen ursprünglichen Platz in den Neubau gebracht werden. Dank der Erfahrung der Spezialisten konnte mit Spezialmaterialien und entsprechenden Techniken eine rissfreie, makellose Fassade errichtet und an den Neubau angebunden werden. Die Vorrichtungen für die Balkone, Fenster und Dachanschlüsse funktionierten hervorragend. Der Bestandsfassade ist nicht anzusehen, dass sie den Ort jemals verlassen hat – nur die Rechnungsprüfung kann hiervon Zeugnis geben.

Für BAID war dieses Bauvorhaben ein Pilotprojekt, mit dem unser Büro viele Erfahrungen im Umgang mit historischer Substanz sammeln konnte. Wir fühlen uns ermutigt, wann immer sinnvoll und mit architektonischem Zugewinn verbunden, die Substanz des Bestands in unsere Gestaltungsüberlegungen einzubeziehen. Trotzdem bleibt die Translozierung eine Ausnahmetechnologie. Es ist in jedem Falle individuell zu prüfen, ob eine der konventionellen Techniken nicht kostengünstiger und aufwandsärmer zum gewünschten Ergebnis führt.

Projektdaten

Objekt: Wohngebäude Warburgstraße

Standort: Warburgstraße 35-37, 20354 Hamburg

Bauherr: Bauplan Nord

Architekt: BAID, Hamburg, www.baid.de

Bauleitung: LV Baumanagement, www.lv-ag.com

Tragwerksplanung & Bauphysik: Pape & Dingeldein, www.pape-dingeldein.de

Translozierung: JaKo Baudenkmalpflege, www.jako-baudenkmalpflege.de

Brandschutz: IFB Schütte, www.ingenieurbuero-fuer-brandschutz.de

Bauzeit: 07.2017 – 12.2019

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