„Informierte Architektur“

Prof. Dipl.-Ing. Marco Hemmerling MA, Detmold

zum Thema „Digitales Bauen“

Neue Technologien bewirken eine Veränderung der Wahrnehmung und des Denkens. Sie stellen neue Realitäten her. Digitale Inhalte beeinflussen die Räume in denen wir leben, die Objekte die uns umgeben, die Bilder, die wir sehen und die Geräusche die wir hören. Diese Entwicklung hat nicht nur einen radikalen Wandel unserer Umwelt zur Folge, sondern erzeugt vor allem einen Gestaltungs- und Handlungsraum.

Der Einsatz digitaler Werkzeuge hat die Arbeitsweise von Architekten maßgeblich verändert und auch zu neuen formalen Ergebnissen geführt. Mit Hilfe heutiger Planungssoftware lassen sich räumliche Entwürfe generieren, wie sie zuvor kaum möglich waren. Dabei löst die Computertechnologie die Architektur in starkem Maße von den herkömmlichen Produktionsbedingungen. Sowohl im Entwurfs- als auch im Fertigungsprozess verschieben sich die Abhängigkeiten von analogen zu digitalen Prozessen. Das Ergebnis einer solchen digitalen Architekturproduktion folgt anderen Vorgaben und Randbedingungen. Es basiert auf einem neuen methodischen Verständnis – sowohl auf der Ebene des Entwurfs wie auch in der baulichen Umsetzung.

Ein entscheidender Vorteil computergestützter Methoden liegt in den vielfältigen Möglichkeiten, Informationen sinnvoll miteinander zu verknüpfen, Abhängigkeiten erkennen zu können, Synergien zu nutzen und Varianten zu bilden. Im Kern geht es um das Entwerfen von Prozessen, die es ermöglichen, Komplexität zu steuern. Die Leis-tungsfähigkeit dieser Herangehensweise basiert auf der Nutzbarmachung rechnerimmanenter Operationen zur Erfassung, Verknüpfung, Verarbeitung und Auswertung komplexer Beziehungsgefüge. Grundlage solcher prozessorientierter Strategien ist die Entwicklung eines konsistenten und anpassungsfähigen Entwurfsmodells, das im fortschreitenden Planungsprozess gestalterisch weiterentwickelt und durch Informationen sukzessive erweitert wird. Es entsteht eine informierte Architektur, die aus der Wechselwirkung von Einflussgrößen wie Raumwirkung, Formfindung, Materialisierung, klimatischen Bedingungen, Konstruktions- und Produktionsparametern sowie Funktionsanforderungen und Nutzerverhalten prozesshaft entwickelt wird. Digitale Fabrikationstechnologien sind integrativer Bestandteil dieses Prozesses. Es entsteht somit eine direkte Verbindung zwischen dem Denkbaren und dem Baubaren.

Darüber hinaus weitet sich unser Gestaltungs- und Handlungsraum durch die fortschreitende Informierung der Architektur stetig aus. Intelligente Bauteile, die über cyberphysikalische Schnittstellen und Sensoren Informationen aufnehmen und verarbeiten sind Teil unserer gebauten Realität. Anschaulich war diese Entwicklung in der zentralen Ausstellung „elements of architecture“ zur diesjährigen
Architekturbiennale in Venedig zu sehen. Die damit verbundenen Fragen zur Position der Architektur sollten Teil einer umfassenden Diskussion sein. Wesentlich scheint mir, dass wir vor diesem Hintergrund als Gestalter Verantwortung übernehmen, indem wir die neuen Technologien für unsere Prozesse nutzbar machen. Die Befähigung im Umgang mit digitalen Werkzeugen und Inhalten – vom Entwurf bis zur Realisierung und darüber hinaus – stärkt nicht nur den Kompetenzbereich der Architekten/innen sondern ermöglicht es uns vor allem, Lebensräume zu gestalten, die den Anforderungen an eine zeitgenössische Architektur gerecht werden. Wir sind aufgefordert, diese Rolle in der Informationsgesellschaft auszufüllen.

Der Architekt

Marco Hemmerling ist seit 2007 Professor für Digitales Entwerfen an der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur und Mitglied der Forschungsschwerpunkte ConstructionLab und PerceptionLab an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe.

Er ist Initiator und Leiter des 2012 eingeführten internationalen Masterstudiengangs Computational Design and Construction. Nach seinem Architektur-studium an der Bauhaus-Universität in Weimar, der Hochschule in Bochum und dem Polytechnikum in Mailand arbeitete er mehrere Jahre als Architekt in Deutschland und den Niederlanden – unter anderem bei UNStudio, wo er mitverantwortlich für Entwurf und Realisierung des Mercedes-Benz Museums in Stuttgart war.

www.m-cdc.de,

www.marcohemmerling.com

Thematisch passende Artikel:

Status Quo überwinden, Handlungsspielräume aufzeigen

Alejandro Aravena ist Direktor der Architekturbiennale 2016

Was lange währt, wird endlich gut… den Spruch kennt ein jeder und für die Nachfolge für Rem Koolhaas, der letztes Jahr der Direktor der Architekturbiennale war, ließ sich das Komitee länger Zeit...

mehr
Ausgabe 2013-06

Generalkommissar(in)?! www.bbsr.bund.de, Aktuell/Ausschreibungen Forschungsprojekte

Es geht also wieder los: Der Bund sucht wieder einmal den/die Generalkommissar(in) für die Architekturbiennale in Venedig 2014. Wer möchte, kann seine Bewerbung noch bis zum 14. Juni 2013 beim...

mehr
Ausgabe 2015-10

15. Architekturbiennale Venedig mit neuem Direktor www.labiennale.org, www.elementalchile.cl

Alle zwei Jahre wird in Venedig etwas versucht. Entweder möchten die Ausstellungsmacher der so genannten „Architekturbiennale“ die Welt neu erfinden oder sie fragen nach dem nächsten großen Ding,...

mehr

17. Architekturbiennale findet 2021 statt

Das Daumen drücken hat nichts gebracht. Die Veranstalter der 17. Architekturbiennale 2020 haben nun abermals mit einer Pressemitteilung reagiert und mitgeteilt, dass aufgrund der weltweiten...

mehr

Aktenzeichen 10.08.52-13.3

Suche nach einem/einer Generalkommissar/in für den deutschen Beitrag zur 14. Architekturbiennale Venedig 2014

Es geht also wieder los: der Bund sucht wieder einmal den Generalkommissar für die Architekturbiennale in Venedig 2014. Wer möchte kann seine Bewerbung noch bis zum 14. Juni 2013 beim Ministerium...

mehr