Wohn- und Atelierhaus „Kleiner Ritter“, Frankfurt a. M.

Hoffen auf den Hype Wohn- und Atelierhaus  „Kleiner Ritter“, Frankfurt a. M.

Wie der Architekt Bernhard Franken und der Unternehmer Steen Rothenberger versuchen, einen Stadtteil in Frankfurt am Main zu verändern, neue Freunde zu suchen und dabei eine vielleicht gute Nachbarschaft zu retten.

Frankfurt Alt-Sachsenhausen ist berüchtigt für durchzechte Nächte vor mittelalterlicher Kulisse. Früher mit ­Apfelwein, heute mit Bier, Tequila und Shishas. Das wäre eigentlich kein Problem. Doch während in anderen Stadtteilen die Immobilienpreise klettern, stagniert hier die Entwicklung. Alt-Sachsenhausen liegt zentrumsnah, direkt am Main, das Museumsufer um die Ecke, die EZB gegenüber, also eigentlich in bester Lage. Doch die Grund­stücke und Häuser sind marode, zu klein, zu verschnitten, die Gassen zu laut, zu prollig und zu schmutzig, als dass man hier wohnen wollte. Und für heutige Eigentümer lohnt sich kaum eine Investition.

Die Idee: Mit Kreativen den Wandel initiieren

Ausgerechnet hier baute der Architekt Bernhard Franken auf einem kleinen Grundstück ein Wohn- und Atelierhaus, „Kleiner Ritter“ genannt. Dessen Detail- und Materialqualität scheint den Barackencharme der Nachbarschaft mit Übermut hinweg zu flöten. Und während Franken neben dem Gebäude steht, das Sakko lässig über die Schulter geworfen, das „Oberbayern“ im Rücken, mag man glauben, dass zwei oder drei kleine Architekturimplantate den Wandel begönnen. Der Bauherr Steen Rothenberger ist ein in Frankfurt bekannter Unternehmer mit vielen Kontakten, mit einem Faible für Kreative und kniffelige Bauvorhaben. Er projektierte „das Lindenberg“, ein Design-WG-Hotel im Ostend, und ein Restaurant am Main, und in der Kleinen Rittergasse baut er zudem gerade das zweite Lindenberg. Für den „Kleinen Ritter“ ersteigerte Rothenberger das Grundstück samt leer stehender Fachwerkruine und beauftrage Franken, hier einen Wirkungsort für drei Fotografen zu schaffen – eine Keimzelle für Kreativität. Sie könnte den betrunkenen Pöbel verdrängen. Sie könnte weitere Kultur ins Viertel ziehen, könnte es aufwerten, könnte Investoren motivieren, könnte zur Wertsteigerung der Immobilien beitragen, könnte Alt-Sachsenhausen zum nächsten gefragten Viertel wandeln, könnte einen Immobilienhype einleiten. Könnte. Aber das reicht manchmal, auch in Frankfurt.

Entwurf und Bau: Auflagen erfüllen, Umstände bewältigen

„Die alte Fachwerkkonstruktion war von Schädlingen befallen und nicht mehr zu retten. Es kam nur ein Neubau in Frage“, sagte Franken. Was einfach erschien, abreißen und neu bauen, war statisch ein Risiko: Das kleine Nachbarhaus im Hinterhof lehnte sich müde an den Altbau, musste für dessen Abriss abgefangen werden und in die statische Berechnung des Neubaus eingehen, um sich heute weiter müde anzulehnen. Als wäre nichts passiert. Die Erschütterungen beim Abriss des Altbaus und Aushub der Baugrube verursachten Risse in den Nachbarbauten. Zudem war der Baugrund weitestgehend nicht oder falsch dokumentiert. So fiel dem Bau das Abwasserrohr des Nachbarn zum Opfern und musste, wie andere Rohrleitungen auch, neu verlegt werden. Die Nachbarschaft versank zunächst in Toilettenwasser.

Das Erdgeschoss ist der einzig weitläufige Raum im Haus und fungiert als Atelier, Veranstaltungsraum und Schaufenster. Die Organisation des Gebäudes war wegen des engen Baufeldes schwierig. So ergaben sich zum Beispiel durch den Brandschutz Mindestabstände für Fensteröffnungen, die die schlechten Belichtungsmöglichkeiten weiter einschränken. Das merkt man im Erdgeschoss, das hauptsächlich über die kurze Vorderseite Tageslicht erhält. Die Architekten vermeiden hier jede Kleinteiligkeit und setzen auf raumhohe Schiebewände und Sitzstufen statt auf Trennwände. Rückwärtig integrieren sie Glasbausteine statt Fenster, deren gerahmter Blick auf den kleinen Hinterhof nur Klaustrophobie erzeugen würde. Franken sagt: „Die Auflagen des Denkmalschutzes sahen vor, die Baulinien und die Kubatur des alten Fachwerkhauses zu übernehmen, sowie die Fensterproportionen zu den Straßenseiten.“ Die Grundrisse, die sich daraus ergeben, sind auch in den Obergeschossen unkonventionell, klein und schiefwinklig geschnitten. Die beiden Wohnstudios im obersten Geschoss nutzen mit Galerien jeden Winkel des spitzen Dachraumes aus. Die Dreiteilung des Gebäudes, die sich in Kubatur und Fassade ergibt, ­resultiert aus dem vorherigen Baubestand: Zwischen dem alten Fachwerkhaus und dem Hinterhaus stand nur ein erdgeschossiger Verbindungsbau, der keine Gestaltung vorgab. Hier konnten die Architekten den Fensteranteil im Neubau erhöhen und nutzten den mittleren Trakt zur Belichtung des gesamten Gebäudes.

Material und Details: zitieren, irritieren und kommentieren

Touristen schlendern ziellos vorbei, bemustern den Neubau, der inmitten des maroden, alten Stadtbildes makellos sauber und noch wie ein Fremdkörper erscheint. „Das Gebäude ist mein Beitrag zur Altstadtdebatte“, sagt Franken, dessen Entwurf für den Wettbewerb am Dom-Römer, „angeblich wegen zuviel Ironie“, so Franken, nicht ausgewählt wurde. Ironie als Spitzen gegen die Umstände, auch hier bei dem „Kleiner Ritter“. Wenn digital berechnete Zitterlinien in die Putzfassade gefräst sind und an die maroden Fachwerkträger erinnern, die den Altbau auch zitternd kaum mehr trugen. Wenn die historische Architektur einer Natursteinfassade weicht, die mit Leichtigkeit und zarten Reliefs an 1950er-Jahre Bauten erinnert, während derzeit sonst  in Frankfurt, pauschal geurteilt, die 1950er-Jahre Gebäude eher einem neuen Historismus weichen müssen. Wenn er das Konterfei der Bauherrenfamilie in die steinernen Brüstungen ritzen lässt und das an die bunten Wandmalereien erinnert, die den 1950ern in Frankfurt eine trutschige Heimeligkeit verliehen. Auch im Innern wählt Franken typisch Sachsenhäuser Materialien und verarbeitet sie anders oder setzt sie in einen neuen Kontext: Eichenholzböden und -tresen und Messingintarsien, die ebenfalls, wie schon die Linien in der Fassade, auf einem digital berechneten Muster basieren. Schwellendielen, die traditionell einen Dielenverlauf zur Tür hin abschließen, und die hier willkürlich mitten im Raum verlegt sind, ganz ohne Türschwelle. Die grünen Kacheln, die viele Hausflure und Schankräume im Stadtteil bekleiden, setzt Franken als Bruchmosaik an die Wände. Und er wählt Fenstergriffe der „Produktfamilie Christoph Mäckler“, eigentlich aus glänzendem Messing, die er aufs Rohmaterial abschleifen und glanzlos einbauen ließ.

Finanzierung: Bauen mit der Crowd

Solche Details eignen sich hervorragend für die mediale Aufmerksamkeit. Ohnehin ist Rothenberger und Franken mit dem Projekt ein medialer Clou gelungen, den sie damit abrunden, dass sie einen Teil der Baukosten über Crowdfunding finanzierten – auf kapitalfreunde.de. Rund 1,3 Mio. Euro sollte der Bau kosten – die Frankfurter Neue Presse berichtete im August 2014 von 1,8  Mio. Euro. Etwa 65 % der veranschlagten Kosten finanzierten Banken. Bis zu 15 % wollte sich der Bauherr für vier Jahre bei der Crowd, bei privaten Geldgebern, als Nachrangdarlehen leihen, zu einem Zinssatz von 6 % pro Jahr – für den Bauherrn eine teure Geldleihe. Den Rest der Baukosten deckte er aus Eigenkapital. Die ­lokalen Zeitungen berichteten viel über das Projekt und die ungewöhnliche Finanzierung. Dennoch blieb die Höhe der Geldeinzahlungen unter der Erwartung: Etwa 5 % der angegebenen Baukosten kamen so zusammen. Das ungewöhnliche Finanzierungskonzept, das Risiko für den Geldanleger, eine mangelnde Identifikation mit dem Stadtteil, vielleicht auch die spezielle Zielgruppe des Projektes, es gab viele Gründe, nicht zu investieren. Dennoch, und auch wenn der Wandel doch nicht kommen sollte: Für die Baukultur in Frankfurt hat sich die besondere Architektur, das private Engagement und das Experiment einer bürgergesteuerten Finanzierung gelohnt. Rosa Grewe, Darmstadt

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