Geballte Energie
iGuzzini Headquarter, Barcelona/E

Das Design der Leuchten von iGuzzini verpflichtet. Architekt Josep Miás hatte die ideale Vision für das spanische Headquarter der Firma. Wie ein Ballon schwebt eine zarte Kugel aus Stahl und Glas über dem Autobahnkreuz. In ihr materialisiert sich die positive Energie des Lichts. Als Sonnenschutz dienen gespannte Metallmembrane. 

Leben mit Licht „Better lighting means better living“ lautet das Motto des italienischen Leuch­tenherstellers iGuzzini. 1959 gegründet, setzt die Firma auf gutes Design und kooperiert erfolgreich mit berühmten Architekten wie Giò Ponti, Renzo Piano, Norman Foster, Gae Aulenti, Piero Castiglioni oder Jean Michel Wilmotte. Auch renommierte akademische Kaderschmieden wie die Harvard University (Cambridge), das M.I.T. in Boston, „La Sapienzia“ in Rom oder das Polytechnikum in Mailand arbeiten am nachhaltigen Leuchtendesign mit. iGuzzini Leuchten hängen in herausragenden Bauten, Theatern, Museen und erhellen Straßen und Plätze. In Italien längst Marktführer, expandiert die Firma heute in die ganze Welt.

Lage, Idee, Entwurf

Der Standort für das Headquarter in Spanien ist strategisch ausgewählt. Er liegt an einem Autobahnkreuz in Sant Cugat del Vallés Barcelona, einem Gewerbegebiet unweit vom Flughafen. Auf dem Grundstück treffen zwei wesentliche Routen aufeinander. In Nord-Süd-Richtung verläuft die C-16 nach Barcelona, in West-Ost-Richtung führt die AP-7 nach Frankreich und Italien. Zehntausende Autos passieren täglich dieses Gewerbegebiet, in dem sich Firmen wie Roche, Hewlett Packard oder das spanische Fernsehen angesiedelt haben. 2006 schrieb iGuzzini einen geladenen Wettbewerb für den Entwurf eines Headquarters mit Büros, Forschungsabteilung, Showrooms, Parkplätzen, Garage und Lager aus. Architekt Josep Miàs siegte: er entwarf eine futuristische Kugel aus Glas und Stahl, die über der Erde zu schweben scheint. Das Grundstück ist etwa 130 m lang und rund 65 m breit. An der nordöstlichen Längsseite fährt man auf das Headquarter zu. Es besteht aus zwei gegensätzlichen Teilen, die einander ergänzen. Unsichtbar liegen die Untergeschosse aus Stahlbeton in der Erde. Hier befinden sich Parkplätze, Lagerflächen, Showrooms, Experimentierlabors, Küche, Nebenräume, Haustechnik und ein Auditorium. Dunkelheit ist die beste Voraussetzung, um die Leuchten von iGuzzini in ihren Formen und Farben richtig zu inszenieren. Die Decke des Kellers ist gepflastert, begrünt, mit Bänken möbliert und von Oberlichtbändern perforiert, die das darunter liegende, fast neun Meter hohe Lager erhellen. Dieser leicht erhöhte Platz bildet einen Showroom im Freien und das öffentliche Podest für die eigentliche Sensation, die fernwirksame Glaskugel. Sein Niveau ist abschüssig, so dass das Wasser automatisch abfließt und das runde Gebäude noch besser zur Geltung kommt. Mit der Schwerkraft schreitet man auf einer Rampe ins Erdgeschoss: Hier liegt das Foyer. Im Süden buchten sich zwei rund geschwungene Isolierglaswände zur Kantine an der Sonnenterrasse aus. Darüber befinden sich auf abgehängten, ringförmigen, offenen Ebenen die Büros und Forschungsräume. Wie ein Ballon erhebt sich die runde Form aus dem modellierten Gelände und schwebt gleichsam über die südöstlichen Spitze des Grundstücks hinweg. Eine expressiv geschwungene Treppe führt in das Untergeschoss mit dem Auditorium und den Show-Rooms, die nach allen Regeln der Kunst das Licht feiern.

Gebaute Leidenschaft

„iGuzzini ist eine sehr ambitionierte, qualitätsorientierte Firma. Es ging hier nicht nur darum, einen Bürobau zu entwickeln“, so Josep Miàs. „Hier wird viel geforscht und Design spielt eine große Rolle. Mir war es wichtig, diese Leidenschaft für das Licht in Architektur zu transformieren. Es sollte ein Gebäude voller Licht sein, das den Himmel berührt. Etwas, das zur Luft gehört.“ Miàs Entwurf beruht auf Handskizzen von flirrenden Linien, die um eine leere, lichte Mitte kreisen und sich zu etwas wie einem losen Knoten verdichten. Sein Headquarter sollte ein zeitloses Gebäude sein, in dem sich das Streben nach Perfektion ausdrückt. Außerdem hatte es von der Autobahnen aus als starke Landmark zu wirken und so bei allen, die hier arbeiten, ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Die Geometrie war dabei ganz wichtig, im Geiste konsultierte Miás seelenverwandte Überväter wie Buckminster Fuller, Frei Otto und Renzo Piano. Die dynamischen Linien aus der Zeichnung wurden zum filigranen Raumtragwerk aus Stahl, das von den ring­förmigen Stahlbetonplatten der Bürodecken ausgesteift wird. Sie wiegen etwa 790 t. Sie sind von einer Stütze in der Mitte abgehängt, die in ein sternförmiges Fünfeck aufgelöst ist, das sich an seinen Enden mit angelagerten Dreiecksquerschnitten zum Zehneck erweitert. Die umlaufenden, schrägen Glasscheiben an den Rändern werden in vertikaler Richtung von zehn bananenartig gebauchten, dunkelrot gestrichenen Stahlrippen umschlossen. „Es ist eine sehr komplexe Struktur. Diese zehn Rippen stützen das ganze Gebäude“, so Miàs. Sie leiten die Lasten in die schraubenförmig eingespannten Stahlseile am Dach hinauf. Von dort oben an der Spitze werden sie innen über die aufgelösten Säulen in das Fundament abgeführt, dessen dicke Stahlbetonplatte von einzelnen Pfählen verstärkt ist. An die 2 600 t beträgt die Last, die hier bei normaler Nutzung abgeleitet werden muss. Im untersten Geschoss kann man sehen, wie die Enden der Stahlsäulen in massive Platten münden, die einen Schuh bilden. Hier endet der stahlumhauste Patio in einem Wasserbecken. Es ist dazu da, den Himmel als Reflexion bis in den Keller zu tragen.

Die konstruktive Säule des Entwurfs

Das Streben nach Licht ist allgegenwärtig. Es bildet sowohl ideell als auch real die zentrale Säule des Entwurfs. Die Mitte der Kugel ist ein Patio, der von einer in fünf Fachwerke aufgelösten Stahlkonstruktion umgeben ist. Jedes von ihnen leitet an die 500 t ab. Diese fünf sternförmig zueinander angeordneten Fachwerke, die um eine luftige, leere Mitte im Freien rotieren, bildet de facto den tragenden Kern. Von ihm sind die ringförmigen Decken der Büros abgehängt. Sie sind rundum verglast und drei Meter hoch, was großzügige, fließende Räume erzeugt. An diesem 360 Grad Panorama fühlt man sich wie in einem Cockpit. Parkplätze, Lager-, Ausstellungs-, Seminar-, Technik- und Nebenräume sind nach einer seit dem Wettbewerb überarbeiteten Version Mias nun gleichsam unsichtbar in die Erde gegraben, wodurch der schwebende Ballon über dem Autobahnkreuz noch stärker zur Geltung kommt. An die zweihundert Modelle aus Stahl, Draht und Fäden wurden während des Entwurfsprozesses gebaut.

Die Optimierung des Tragwerks

Man tüfftelte an dem Tragwerk so lange, bis die beste, leichteste und kostengünstigste Lösung gefunden war. „Ursprünglich war unsere Konstruktion drei Mal so schwer. Dann kam 2009 die Krise und wir mussten die Kosten um drei Millionen Euro reduzieren. Daher haben wir die Struktur vereinfacht, das Gewicht und die Querschnitte minimiert“, so Miàs. „Die Geometrie des Gebäudes war dabei sehr wichtig.“ Der Durchmesser der mittleren Ebene beträgt etwa 45 m. Der Ring mit den Büros ist 15 m breit, auch der Patio hat diese Dimension. Die Deckenscheiben des Headquarters verjüngen sich nach oben und unten, im Abstand von etwa zehn Meter zum mittleren Ring verläuft ein Kreis aus zarten Stahlstützen. Sie übernehmen einen Teil der Last und reduzieren so die Spannweiten. Ihre äußeren Enden sind in verkleidete Rippen und dazwischenliegende Lufträume aufgelöst. Das schafft eine zusätzliche Verbindung zwischen den Geschossen und macht die Büros heller. Man hat den Eindruck von einer Kugel, die von Licht durchdrungen ist. „Ich wollte ein ikonisches Gebäude entwerfen, das die Kraft des Lichts zum Ausdruck bringt. Bei iGuzzini gibt es viele junge Teams. Mir war wichtig, im ganzen Haus ein Gefühl der Zugehörigkeit zu erzeugen,“ so Josep Miàs. In diesen transparenten, offenen Büros kann man bei natürlichem Tageslicht arbeiten.

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