Gartenskulptur in Buchsbaum
Vertikales Grün in
städtischer Dichte

Wo vor 40 Jahren noch Reisfelder wuchsen, ragen heute die Türme von Seouls Finanzzentrum in die Höhe. Lebendigkeit und Schnelllebigkeit prägen das moderne Stadtviertel südlich des Hangang Flusses. Eine zurückhaltende Modeboutique wirkt wie eine kleine Oase in der dichten Bebauung und zeigt sich von einer ganz anderen lebendigen Seite.

Seoul hat 1988 durch die Olympischen Sommerspiele und durch die Austragung der Fußballweltmeisterschaften 2002 seinen Bekanntheitsgrad gesteigert. „Sportlich“ zeigen sich auch die Einwohnerzahlen: Mit knapp 11 Millionen Einwohnern im Stadtgebiet folgt Südkoreas Haupt- und Kulturstadt der Spitze Tokio auf den Fersen. Auf einem Quadratkilometer tummeln sich in der Megacity im Durchschnitt rund 17 000 Einwohner. Berlin mit weniger als 3,5 Millionen Bewohnern kommt nicht einmal auf 4 000 Einwohner pro Quadratkilometer. „Ein gewisses Maß an Dichte ist eine gute Sache“, erklärt Minsuk Cho vom Architekturbüro Mass Studies in Seoul. „Es gibt viele Faktoren, die eine Stadt lebenswert und interessant machen – Dichte gehört dazu.“ Nach einigen Jahren in New York und in Europa kehrte er zurück, anfangs für ein Projekt, weitere folgten. Die Boutique für die belgische Modedesignerin Ann Demeulemeester verbindet Zurückhaltung im Konzept und Experimentierfreude in der Materialwahl.

Gangnam-gu – „südlich des Hangang“ |

oder: Geschichte und Moderne

Der Name des Stadtviertels Gangnam-gu bezeichnet seine Lage in Seoul, nämlich südlich (nam) des Hangang Flusses (gang). „Vor vierzig Jahren war hier ein Reisfeld“, erklärt Minsuk Cho. „Seoul ist in seiner Mentalität und Kultur in Nord und Süd geteilt.“ Der nördliche Teil der Stadt blickt auf eine mehr als 600-jährige Geschichte zurück, während in den südlichen Teilen innerhalb von 40 Jahren eine neue Stadt aus dem Boden gewachsen ist. Seouls Finanzzentrum findet sich hier, und das Viertel ist für seine Galerien und Modeboutiquen bekannt. „Wir sind nah am Boulevard, der von den Hochhäusern erleuchtet wird“, erklärt der Architekt. „Dahinter gibt es den extremen Kontrast von drei- oder viergeschossigen Gebäuden. Die Straßen sind eng, ein- oder zweispurig, ohne eine Unterteilung für Fußgänger. Eigentlich ist die Umgebung ein Wohnviertel, es siedeln sich aber immer mehr Geschäfte, Restaurants und Cafes an.“ Ann Demeulemeester lässt sich zwar in der Nachbarschaft der weltweiten Modelabels nieder, grenzt sich aber durch ein zurückhaltendes Konzept ab. „Sie hatten Angst, dass wir mit der Sprache eines glitzernden, typisch luxuriösen Flagship-Stores daher kämen“, erklärt der Architekt.

Echt Grün

Der Ann Demeulemeester Shop ist im Erdgeschoss untergebracht, im Untergeschoss ist ein weiterer Shop und im Obergeschoss eine Restaurantfläche vorgesehen. Auch wenn bei diesem Projekt die außergewöhnliche Fassadenverkleidung ins Auge sticht, richten die Architekten ihr Augenmerk anfangs auf den Raum und seine Formgebung. „Über die Fassade denken wir etwas später nach. Wir fangen damit an, den Raum zu organisieren und untersuchen, wie wir das Programm verteilen und wie wir Verbindungen zum Außenraum schaffen“, erklärt Minsuk Cho.

Die tragende Struktur des Gebäudes ist eine organische Skulptur aus braun eingefärbtem Beton. Die Schalungsarbeiten hierfür hat ein Möbeltischler übernommen. Säulen, Träger und die Decke gehen in einer rauen Oberfläche ineinander über. Die technische Gebäudeausrüstung wird über den Fußboden organisiert. Nur die Lichtführung bekommt Auslässe in der Decke, wie auch ein Rauchmelder.

Für die Fassadengestaltung stellten Mass Studies den Bauherren Varianten vor, nachdem der Raum und seine Form volle Akzeptanz gefunden hatte. Die Idee von einem echten, grünen Gebäude in der dichten Stadt überzeugte. Begeisterung ist den Architekten wichtig: „Eine grüne Wand ist eine lebende Kreatur, die man jemandem anvertrauen muss. Der Bauherr muss bereit sein für dieses Material.“

Lebendige Fassade

Die Fassade ist nicht nur natürlich, sondern lebendig. Sie besteht aus Paneelen mit einer Unterlage aus Kokosfasern, bepflanzt mit einem immergrünen Buchsbaumgewächs. Die Pachysandra-Pflanzen werden mit einem Maschennetz in Position gehalten. Für die Verkleidung wurden Elemente von 40 x 40 cm geplant, die in einen Stahlrahmen eingefasst sind. Alle 40 cm ist horizontal ein Bewässerungssystem angeordnet. Diese Konstruktion haben die Architekten bereits für andere Projekte mit ihrem Gartenexperten entwickelt. Ein System, das ursprünglich aus den Bergen kommt. Grün ist nicht nur die äußere Fassade: Wenn man die Boutique betritt, fällt der Blick durch die großen Fenster auf die „Bambuswände“ zu den Nachbarn. Die Mitarbeiter schätzen den Ausblick ins Grüne.

Mass Studies arbeiten oft mit natürlichen Elementen. „Das liegt an der sehr dichten Stadt“, erklärt Minsuk Cho. „Auch wenn es eine vertikale Oberfläche ist, bekommt das Gebäude so das Wesen eines Gartens, der zur städtischen Umgebung beiträgt.“ Baurechtlich waren zehn Prozent der Grundstücksfläche mit „Grün“ nachzuweisen. Doch diesen Wert treiben die Planer auf die Spitze und zeigen, wie viel Natur auf 300 m² Platz findet, ohne kommerzielle Interessen zu beeinträchtigen. Statt 30 m² erreichen sie mehr als 600 m² und liegen damit bei dem Doppelten der gesamten Grundstücksfläche. Die abgerundeten Fensteröffnungen unterstreichen den Objektcharakter. Die große, ca. 4,50 m hohe Öffnung zur Straße wird ermöglicht durch ein Abhängen der Verglasung von der Deckenkonstruktion. „Wir hatten das große Fenster mit seiner Offenheit vorgeschlagen, damit man das Gefühl hat, als stehe man draußen unter einem Baum.“

Mit der Eingangssituation schaffen die Architekten eine Distanz zwischen den Nutzungen im Haus. Die Boutique erhält einen eigenen Zugang von der Straße, der Shop im Untergeschoss und das Restaurant erhalten einen eigenen Eingang, an dem sich die Wege nach oben und unten trennen. Die Treppen sind licht und offen gestaltet. Das Treppenhaus umfasst einen kleinen Hof, auf dem rechnerisch die vier notwendigen Stellplätze nachgewiesen sind. Inhaltlich erhält er jedoch eine weit größere Bedeutung, stellt er doch einen von Grün umgebenen Außenraum dar.

Regeln in der Schnelllebigkeit

Den Anspruch auf Nachhaltigkeit erhebt Minsuk Cho für sein Gebäude nicht, auch wenn es dem Wortsinn nach „grün“ und „lebendig“ ist. In seiner Architektur hinterfragt er Regeln und setzt sich mit sozialen Entwicklungen auseinander. „Viele starre Regelungen führen zu spartanischen und monotonen Bedingungen. Die Mehrheit der städtischen Substanz fühlt sich so an.“ Gleichzeitig gäbe es so schnelle Veränderungen in der Metropole, dass Planungen kaum einen langfristigen Eindruck hinterließen. „Jeden Monat gibt es neue Entdeckungen, neue Symptome und Probleme zu lösen.“ Mass Studies geht es in der Arbeit um eine Auseinandersetzung mit dem architektonischen Raum, der Materialität und dem Einfluss, den ein Gebäude auf seine Umgebung ausübt. Und sie zeigen ungewohnte Wege für eine wachsende Metropole. Christiane Niemann, Hamburg

Baudaten

Objekt: Ann Demeulemeester Shop

Standort: Seoul, Südkorea

Architekten: Mass Studies, minsuk Cho + Kisu Park, www.massstudies.com

Team: Zongxoo U,Bumhyun Chun,Joonhee Lee,Jieun Lee,Wonbang Kim,Hyunsoo Yeo

Bauzeit: Mai – Oktober 2007

Fachplaner

Tragwerksplanung: Teo Structure

Maschinenbau: Hana Consulting & Engineers, Co., LTD

Konstruktionsart: Stahlbeton

Projektdaten

Grundstück: 377, 60 m²

Geschossfläche: 220,66 m²

Gesamtfläche: 734,33 m²

Grundflächenzahl: 0,58

Geschossflächenzahl: 1,2

Zum Thema

www.verticalgardenpatrickblanc.com

www.anndemeulemeester.be

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