MEGATRENDS

Future Living

Wir müssen Megatrends verstehen, damit sie uns helfen, die Zukunft nicht nur zu erahnen, sondern zu schaffen und zu gestalten.

Wie werden wir in Zukunft wohnen? Diese Frage bekommen wir vom Zukunftsinstitut fast täglich gestellt. Wir leben in einer Zeit, in der sich der Ort, die Definition und unser Verständnis von unserem Zuhause verändern. Hinzu kommen die zahlreichen Herausforderungen des sozialen und demografischen Wandels. Als Homo Urbanus sind wir jedoch in den vergangenen Jahren sehr leidensfähig geworden und haben darüberhinaus vergessen, dass es kein Maßstab für Gesundheit ist, gut an eine kranke Umgebung – eine toxische Stadt oder ein ungesundes Gebäude – angepasst zu sein. Wir haben gelernt, uns sowohl physisch als auch psychisch an unsere Umgebung zu adaptieren, die von Architekten, Stadtplanern, Bauunternehmen und Designbüros für uns definiert wird. Wie Churchill sagte: „Wir formen unsere Gebäude, und dann formen sie uns.“

Aber inwieweit haben die Player der Baubranche wirklich etwas zu verlieren? Wie sehr gehen sie selbst ein Risiko ein, indem sie mit dem, was sie tun, Kopf und Kragen riskieren? Der philosophische Essayist und Forscher ­Nassim Nicholas Taleb nennt dieses Prinzip in seinem neuen Buch „Skin in the Game“ – also nicht nur zu reden, sondern sich mit Haut und Haaren in etwas zu stürzen, ein persönliches Risiko einzugehen und für die Konsequenzen einzustehen. Nun sollten wir dieses Denken auch auf den Bau, die Konstruktion und die Planung unserer Städte, unserer Wohnungen, unserer Arbeitsplätze und unseres Lebens anwenden – denn das ist der Motor der Evolution.

 

Megatrends: Blockbuster des Wandels

Wenn wir uns also ernsthaft der Frage annähern wollen, wie wir in Zukunft wohnen werden, dann müssen wir unseren Blickwinkel erweitern. Wir müssen lernen, kritisch zu hinterfragen, wie wir selbst leben wollen versus wie andere Menschen wollen, dass wir leben. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, welche Kräfte der Veränderung auf das Thema Wohnen wirken. Dazu ist es notwendig, die Komplexität und Weitläufigkeit des Themas zu akzeptieren. Das verlangt, dass man sich nicht nur mit den nächsten Farb-trends und Technologieentwicklungen beschäftigt, sondern sich auch mit den großen Treibern des Wandels – den
sogenannten Megatrends – auseinandersetzt.

Megatrends sind jene Veränderungsprozesse, die langfristig, nachhaltig und komplex die gesamte Welt verändern. Sie unterscheiden sich von anderen Trendarten deutlich dadurch, dass sie nicht auf ein Segment, eine Branche, eine Region oder ein einzelnes Thema – oder einen simplen Markt – beschränkt sind. Megatrends durchdringen alle gesellschaftlichen Bereiche, verändern Wirtschaft, Politik, Lebenswelten und Wertesysteme. Sie sind die Blockbuster des Wandels. Oder auch: „Lawinen in Zeitlupe“.

Doch wenn wir sie richtig verstehen, können sie uns helfen, die Zukunft nicht nur zu erahnen, sondern zu schaffen – schließlich ist Zukunft ja
ein Gestaltungsraum.

Das Zukunftsinstitut hat insgesamt zwölf zentrale Megatrends identifiziert. Das Spektrum reicht hier von Individualisierung und Konnektivität über Urbanisierung bis hin zur Silver Society. Gerade letzterer hilft zu verstehen, was die großen (vermeintlichen) Gegensätze der Gegenwart sind und welche Auswirkungen sie auf die Zukunft des Wohnens haben.

Silver Society: Wir werden mehr und die Alten immer jünger

Was hat der Megatrend Silver Society mit dem Bauen der Zukunft zu tun? Hier lohnt sich ein Blick auf die Fakten: Menschen erreichen heute ein so hohes Alter wie nie zuvor. Das betrifft praktisch alle Teile der Welt, die Industrienationen und die Schwellenländer ebenso wie die allermeisten wenig entwickelten Regionen. Einzige Ausnahme: die Staaten südlich der Sahara. Das Tempo und die Ausgangslagen sind häufig verschieden, die Entwicklung jedoch ist universal: So wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 von aktuell 7,4 Mrd. auf prognostizierte 9,8 Mrd. um fast ein Drittel zunehmen (United Nations 2017). Im gleichen Zeitraum steigt die Zahl der über 60-Jährigen von weltweit derzeit rund 900 Mio. auf über 2 Mrd. – ein Wachstum um weit mehr als das Doppelte.

Familienformen, Arbeitsmarkt, Gesundheitssysteme, Bildung, Mobilität, Stadtentwicklung: Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, der heute schon Antworten auf die immensen Veränderungen der kommenden Jahre hat. Dennoch gibt es bereits innovative Ansätze, gerade im Bereich des Wohnens, die dem Prozess einer alternden Gesellschaft Rechnung tragen, ohne dabei zu vergessen, dass wir, besonders in den Industrieländern, in Zukunft weit entfernt von einer Vergreisung sind. Denn wir werden nicht nur älter – wir bleiben vor allem länger jung.

Alt ist man heute erst mit 77 Jahren, wenn es nach der Meinung der Deutschen geht. In Nordamerika liegt diese Grenze für die Mehrheit sogar bei 80 Jahren. Setzt man die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Länder dazu in Bezug, dann sind die Menschen maximal drei bis fünf Jahre lang „alt“.

Das führt dazu, dass das gefühlte Alter heute und in Zukunft anders wahrgenommen wird als das tatsächliche: Menschen empfinden sich als immer jünger. Erhebungen zeigen, dass viele ihr gefühltes Alter 10 bis 20 Jahre unter ihrem biologischen Alter angeben. Die verbesserten medizinischen Faktoren führen somit zu einer komplett veränderten Selbstwahrnehmung. Mit weitreichenden Folgen für unsere Gesellschaft und unseren Umgang miteinander. Neue Ideen und Konzepte im Bereich des Wohnens sind daher unumgänglich und werden neue Formen des Zusammenlebens schaffen, von denen letztlich alle Altersgruppen profitieren.

 

„Shared metres“ statt „squared metres“

In der Auseinandersetzung mit dem Megatrend Silver Society drängen sich natürlich auch ganz praktische Fragen auf. Denn wenn immer mehr Menschen auf unserem Planeten leben, die auch immer älter werden, stellt sich die Frage: Wie viel Quadratmeter braucht ein Mensch heute und morgen überhaupt zum Leben? Bei dieser Frage bringen wir normalerweise Raum mit Luxus und Status in Verbindung. Aber heute verändert sich die Idee des „je mehr, desto besser“ zugunsten sogenannter „Shared Spaces“ oder geteilter Räume. Da wir in immer überfüllteren Städten wohnen, verbunden mit steigendem Druck auf Preise und hochwertigen Wohnraum, müssen wir nicht nur unsere psychologische Beziehung zu unserer Wohnung neu überdenken, sondern auch die funktionale Beziehung. Wir wissen, dass große Herausforderungen auf uns zukommen. Deshalb wird man in weiterwachsenden Großstädten den Luxus von rund 40 m2 pro Kopf, wie es in vielen Teilen Berlins etwa oder in Wien noch der Fall ist, auf Dauer nicht aufrechterhalten können. Das liegt schon ziemlich im europäischen Spitzenfeld, wo der Pro-Kopf-Wohnflächenbedarf von 20 m2 in Russland bis 50 m2 in Dänemark reicht.

Wohnfläche allein bedeutet bei uns heute nicht automatisch Lebensqualität. Wenn wir das beim Bauen und Planen verstehen, verstehen wir auch, dass wir auf nichts verzichten, sondern nur umdenken müssen. Das heißt, es wird in Zukunft nicht mehr darum gehen, wie viel Quadratmeter man zur Verfügung hat. Entscheidend ist vielmehr die Qualität der Nachbarschaft und das Angebot der „Shared Spaces“. Das kann eine Gemeinschaftsküche sein, eine Bibliothek im Erdgeschoss, ein Fitnessraum für die Bewohner eines Hauses. Gibt es einen Co-Working Space oder nicht? Betreibt die Hausgemeinschaft Co-Gardening? Das sukzessive Auslagern von Komfort in den öffentlichen und halböffentlichen Bereich ist nicht nur ein effektiver ökonomischer Schritt, sondern auch eine soziale, kommunikative Notwendigkeit. Neben der steigenden Zahl der „jungen Alten“, gibt es auch immer mehr Singles. In manchen Städten beträgt der Anteil der Single-Haushalte bereits mehr als 50 %.  Wenn wir uns angesichts dessen im Wohnen nicht zusammentun, dann werden wir zusehends vereinsamen.

The Collective, ein Hochhaus in London, ist ein hervorragendes Beispiel für Co-Living Spaces. Die „kofferfertigen“ Apartments wurden mit dem Minimum als Zielvorgabe geplant. Die Zielgruppe sind die „Millennials“, die keine materiellen Besitztümer haben wollen und auch keine langfristigen Mietverpflichtungen eingehen möchten. Hier gibt es die „Twodios“ für bis zu 550 Menschen; einige von ihnen haben gerade einmal 10 m2 – genug Raum für ein Bett, ein kleines Badezimmer mit Toilette und Dusche und eine winzige Küche mit zwei Kochfeldern, die man sich mit einem anderen Mieter teilt. Die Bewohner haben allerdings Zugang zu über 1 100 m² gemeinsamem Wohnraum, ­darunter Co-Working Spaces, ein Wellnessbereich, eine Wäscherei, Küchen, ein Fitnessbereich, eine Terrasse, eine Bibliothek und ein Spielezimmer. Außerdem gibt es im selben Gebäude preisgünstige Restaurants.

Affordable Living: Bezahlbaren Wohnraum schaffen

Daran knüpft eine weitere Frage an: Sind Co-Living-Projekte ein wichtiger Pfeiler, um künftig in den Städten bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, der ein Höchstmaß an Lebensqualität bietet? Bedingt durch relativ hohe Zuwanderungszahlen vor allem in den Ballungs­zentren in Deutschland und Österreich kommt es derzeit zu einer großen Wohnungsnachfrage, sodass der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum in den kommenden Jahren nicht gedeckt werden kann. Laut Schätzungen der Hans-Böckler-Stiftung fehlen in Deutschlands Großstädten derzeit knapp 2 Mio. bezahlbare Wohnungen. Über 310 000 davon entfallen allein auf Berlin, wo man mit Projekten wie „Spreefeld“ kostengünstigen Wohnraum schaffen will. Die „Bau- und Wohngenossenschaft Spreefeld“ steht als Pionier für gelungenes Gemeinschaftswohnen und -arbeiten. Die 44 Häuser zeichnen sich durch eine gemischte Nutzung für Familien und Einzelpersonen aus. Der Erfolg des Systems liegt hierbei im sogenannten „Cluster-Living“, bei dem man alleine innerhalb einer Gemeinschaft wohnt. In Österreich haben das „Sonnwendviertel“ in Wien und die Seestadt Aspern den sozialen Wohnungs- und Siedlungsbau deutlich befördert und das Image insbesondere im Bereich des kommunalen und öffentlichen Raums spürbar verbessert. Eine weitere gute Nachricht ist, dass sich der soziale Wohnungsbau aus architektonischer Sicht aus seiner Schmuddelecke befreit und zu einer großartigen und möglicherweise sogar prestigeträchtigen und gefragten gestalterischen Herausforderung gemausert hat. Dies zeigte auch die Ausstellung „Wohnen für Alle – Das Neue Frankfurt 2018“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt.

 

Architektonische Herausforderung:

attraktiv und bezahlbar

Der Architekt Stefano Boeri vertritt die These, dass bezahlbarer Wohnraum nicht zwangsläufig bedrückend oder hässlich sein muss. Berühmt geworden durch das Luxusapartmentprojekt „Bosco Verticale“ in Mailand, wendet er nun die Idee der vertikalen Bewaldung im sozialen Wohnungsbau an. Das Projekt „Trudo Vertical Forest“ in Eindhoven richtet sich an untere Einkommensschichten, insbesondere an junge Menschen mit urbanem Lebensstil. In dem 19-stöckigen Gebäude mit 125 Wohneinheiten sollen Hunderte Bäume und Pflanzen auf den Balkonen wachsen. Das Hochhaus zeigt, dass es möglich ist, sowohl die großen Herausforderungen des Klimawandels als auch der Wohnungsnot in einem Projekt anzugehen.

Sofern es um die Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums in dem für Städte erforderlichen Maß geht, muss dies nach Auffassung von Andreas Martin-Löf schneller und unter Einsatz von modularer Bauweise erfolgen. Der schwedische Architekt plante früher ausschließlich Luxusprojekte, doch mit den steigenden Mietpreisen in seiner Heimatstadt Stockholm erkannte er die Notwendigkeit, bezahlbare Wohnungen zu errichten – und das möglichst schnell. ­­

Er entwickelte modulare 32 m²-Apart-ments, die in einem Werk außerhalb Stockholms gefertigt und bedarfs- und standortorientiert in verschiedenen ­Höhen zusammengebaut werden.

Mittlerweile ist klar, dass es für schlechte Qualität beim Bau von Sozialwohnungen keine Entschuldigung gibt. Zudem ist auch keiner mehr davon überzeugt, dass in die Höhe zu bauen die einzige Lösung ist, um Wohnraum für alle zu schaffen.

Es geht darum, lebenswerte und ­abwechslungsreiche Orte zu kreieren, an denen Menschen sich wohlfühlen.

Future Facts

Die Forderung nach mehr Wohnraum prägt die aktuelle Situation in der Baubranche. Aber einfach nur massenhaft Wohnungen zu errichten, ohne auf den Einfluss von Design, Qualität und die Auswirkungen von Architektur auf das Wohlbefinden der Bewohner zu achten, macht diese Orte nicht selten zu sozialen Brennpunkten. Wie man trotzdem kostengünstig und schnell anspruchsvolle und lebenswerte Wohnräume schaffen kann, zeigt der neue Home Report 2019 von Oona Horx-Strathern in Zusammenarbeit mit dem Zukunftsinstitut. Zudem: Warum wir künftig sowohl ländlich als auch urban leben wollen, zwar immer mobil und doch zuhause, sowohl enthusiastisch aufgrund der digitalen, scheinbar unendlichen Möglichkeiten als auch auf der Suche nach Rückzug und Ruhe von einer hypervernetzten, hochkomplexen Welt. Eine wichtige Rolle spielen außerdem aktuelle Wohn- und Designtrends wie das Geheimnis der nordischen Lebensart, Branded Architecture, die Rückkehr des Handwerks, Home Staging und ein Boom an hochwertigem, multifunktionalem Outdoor-Mobiliar.

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