Einziger Bewertungsmaßstab ist der Mensch

DBZ Hepftpartner Prof. em. Dr-Ing. Paul Schmits, Berlin

„Was gibt es Neues?“ wird auch in diesem Jahr wieder die am häufigsten gestellte Eingangsfrage von jedem Messebesucher bei jedem Messestand der Light + Building sein. Tatsächlich ist diese Frage alle zwei Jahre immer wieder berechtigt, denn die Welt des Lichts befindet sich seit Jahrzehnten im ständigen Wandel – allerdings, wie es scheint, mit steigender Taktfrequenz.

Hierbei bleiben die Impulsgeber verlässlich dieselben: Licht-erzeugungstechnologie, Architekturströmungen und, in Wechselwirkung, Zeitgeist und Politik. Und spätestens seit dem letzten Jahrzehnt ist die vollumfängliche Digitalisierung der Beleuchtung nicht mehr ungestraft zu ignorieren, s. a. BIM, VR/AR, Big Data und KI.

Auch für mich als Hochschullehrer für Lighting Design sind diese Treiber nicht zu ignorieren. Die Zeiten der überschaubaren und abschätzbaren Entwicklungen sind vorbei.

Ich spreche jetzt nicht davon, dass ich in jedem Semester, d. h. im Halbjahresturnus, die LED-Kenndaten und -Bezeichnungen in den Unterrichtmaterialien überarbeiten muss, um den Studierenden nicht Last-Year‘s-Models als Stand der Technik zu präsentieren. Die eigentliche Herausforderung liegt vielmehr ­im ständigen Überprüfen des eigenen Standpunkts, neugierig zu bleiben und altes, vermeintlich bewährtes Wissen immer wieder infragezustellen.

Letztes Jahr konnten wir noch aufatmen, als die LED Technik sich mit Werten um 180 lm/W absehbar der Sättigung des technisch sinnvoll Machbaren und Bezahlbaren näherte. Endlich konnten wir uns wieder den vernachlässigten Feldern der Lichtqualität zuwenden, um hier neue Standards zu erarbeiten. Nach Fridays-for-Future erscheint es heute mehr als nur fahrlässig, Effizienz, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung nicht eine Hauptrolle in der Lichtplanung zuzuweisen. Das Erscheinen einer neuen Norm, der DIN EN 17037 im März 2019, hilft hier. Sie bringt das Tageslicht zurück auf die Agenda des Planers. Mit der Beschreibung der Tageslichtversorgung gibt sie ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel für die Kunstlicht­planung – plane ich nur für die Dunkelstunden oder brauche ich ein Kunstlicht-Konzept für den ganzen Tag?

Und was ist mit HCL (Human Centric Lighting) oder TM 30 (Technical Memorandum von 2015, Methode zur Bewertung der Farbwiedergabe von LED-Lichtquellen)? Auch zu diesen Buzzwords aus der Licht-Abkürzungskiste, müssen die angehenden Lighting Designer eine Meinung entwickeln, auch wenn der eigene und auch der Erfahrungsschatz noch überschaubar und noch nicht „umfassend wissenschaftlich abgesichert“ ist.

Klingt nach Pessimismus oder Klagen auf hohem Niveau. Ist es aber nicht! Licht und Beleuchtung bleiben spannende Themen, die ständig Neues und Herausforderungen bereit halten.

Wann und wo macht der Wechsel zu hohen Farbtemperaturen, d. h. zu bläulichem, künstlichem Licht, am Tag wirklich Sinn und warum lieben es manche Nutzer nicht? Stimmt es wirklich, dass wir Ausstellungsobjekte im Museum auf keinen Fall mit weniger als 50 lx beleuchten dürfen, wenn wir dem Besucher einen angemessenen Kunstgenuss bescheren wollen? Wie sollen wir die Störung durch Licht bewerten, wenn die UGR-Methode offensichtlich an ihre Grenzen stößt?!

Die Fragen gehen nicht aus. Vielleicht, weil Wahrnehmung, Ergonomie und Technologie des Lichts nicht nur untereinander interagieren, sondern auch komplex mit den anderen Sinnesreizen sowie mit dem Zeitgeist, der Architektur und der Digitalisierung verknüpft sind – mal direkt, mal auf Umwegen.

Unser einziger Bewertungsmaßstab ist dabei letztendlich der Mensch, dessen Urteil wir vertrauen sollten, vertrauen müssen. Widersprüchliche Urteile sind oft wertvolle Hinweise auf individuelle Effekte oder noch nicht bedachte Verbindungen. Dies bedeutet nicht, „alles ist möglich“ oder „alles ist egal“. Vielmehr erreichen wir die besten Lösungen, wenn wir möglichst viele Anforderungen optimal bedienen.

Dies heisst, für die Ausbildung der Lighting Designer Studenten an der HAWK ein umfassendes Programm aus Technik und Architektur bereit zu stellen, aus Physiologie und Psychologie (und Philosophie), aus Design- und Licht-Theorie, aus Kreativ- und Planungs-Methoden – und dies möglichst in sechs (plus vier) Semestern; eine lange Ausbildung in Hildesheim und anderswo, die sich auch im Honorar widerspiegeln sollte. Das hierbei jeder Wissens­zuwachs auch immer mit dem Auftauchen neuer ungelöster Fragen einhergeht, kann und sollte als Gewinn angesehen werden.

Was für die Studenten gilt, sollte auch für jeden professionellen Licht-Arbeitenden gelten: recherchieren und kommunizieren – das Wissen ständig überprüfen und das Nichtwissen in Neugierde transformieren.

In dem Sinnen wünsche ich Ihnen viele inspirierende Fragen zu den in diesem Heft vorgestellten Licht-Projekten

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