Eine Welle zum Surfen Rolex Learning Center, Lausanne/CH

Im Zentrum der technischen Hochschule von Lausanne ist ein zentraler Ort zum Lernen für alle Studenten entstanden. Das damit verbundene pädagogische Lehrkonzept ist neuartig. Die Architektur von Sanaa auch.

Im Kulturteil der Neuen Züricher Zeitung wur­de das neue Gebäude der Ecole Polytechni­que Fedérale de Lausanne (EPFL) mit zwei dünnen Scheiben eines großlöchrigen Schweizer Emmentaler verglichen. Tatsächlich hat diese Metapher nur eines gemeinsam mit dem neuen Lernzentrum der Hochschule: beide sind sehr flach. Ursache dieser Sottise mag auch die latent vorhandene Rivalität zwischen den beiden kulturellen Oberzentren der Schweiz sein: Zürich und Genf. Die eine Stadt dominiert den deutschen Sprachraum, die andere den französischsprachigen. Die Hauptstadt Bern liegt genau auf der Kulturgrenze und ist wie die gesamte Schweiz nach außen: neutral. Lausanne liegt im französischen Landesteil, direkt am Genfer See. Entsprechend empfindet die ETH Zürich die Konkurrenz durch die verhältnismäßig junge, aber sehr erfolgreiche EPFL in Lausanne bedeutsamer, als die aller deutschen Exzellenz-Universitäten zusammen.

So geht letztendlich das neuartige Lehr- und Lernkonzept, das mit diesem Gebäude erstmalig baulich umgesetzt wurde, auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse der eigenen pädagogischen Forschungseinrichtung CRAFT (Centre de Recherche et d’Appui pour la Formation et ses Technologies) zurück.

Erschließung

Der 166 x 122 m große, eingeschossige Flachbau besitzt keine Frontseite. Er ist gleichermaßen nach allen vier Seiten gerichtet. Der Gedanke ist stimmig, denn der Bau steht inmitten des Campus der EPFL und soll fortan dessen Zentrum sein. Entsprechend ist der Bau gleichberechtigt von jeder Seite her zugänglich. Statt an jeder Front einen Eingang vorzusehen, entschieden sich Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa von SANAA für einen Zugang im Schwerpunkt des Gebäudes.

Von einem elliptischen Innenhof gelangt man nach innen. Um nun den Innenhof zugänglich zu machen und nicht noch eine zusätzliche Erschließungsebene zu schaffen, war es notwendig dem Flachbau Falten zu geben, wie bei einem verrutschten Teppich. So erhebt sich das eingeschossige Volumen in sieben Bögen – jeweils zwischen 55 und 90 m lang – über die stark verzweigte horizontale Zuwegung. Denn neben dem Innenhof am Haupteingang gehören noch 13 weitere Patios, teilweise mit Nebeneingängen zu diesem beeindruckenden Erschließungsnetz. Die Bögen mit einem Stich von bis zu 7m bestehen aus einem glänzenden mitunter sogar lackiert erscheinenden Sichtbeton. Der Boden der Innenhöfe besteht aus einem ockerfarbenen Gussasphalt, der mit einem splitterartigen Zuschlag versehen ist und optisch an die Kunststoffbeläge von Kinderspielplätzen erinnert. Die fußläufige Erschließung des Learning Centers wird ergänzt durch ein, die gesamte Grundfläche einnehmendes, Parkhaus.

 

Hügel anstelle von Wänden

Das Gebäude ist als offene und überall frei zugängliche Studienlandschaft angelegt. Dabei ist das Gebäude nicht zu klein und nicht zu groß. Es kommt weder eine bedrängte, noch eine einsame Atmosphäre auf. Dieses subjektive Gefühl beruht sicher auch in der dreidimensionalen Ausformung der Raumlandschaft, die trotz ihrer teilweise recht steilen Anstiege durchgehend behindertengerecht ist. Schienenartig anmutende, durch den Raum mäandernde Markierungen kennzeichnen die horizontalen Passagen für Rollstuhlfahrer durch das Gebäude. Dazu gibt es zu allen Hochpunkten zügig fahrende Schrägaufzüge sowie Serpentinenstrecken mit zulässiger Steigung. Auch der Teppichboden ist mitnichten billige Auslegware. Es handelt sich um flusenarmes Kugelgarn, dessen Farbton exakt durch die Architekten festgelegt wurde und der so diffusionsoffen ist, dass in Teilbereichen eine Frischluftzufuhr durch ihn hindurch vom Boden aus sichergestellt werden konnte.

Baulich abgetrennt sind die eingestellten Bubbles, kleine Raumzellen mit einem elliptischen Grundriss und einem flachen Abschluss nach oben. Es gibt die neutral weiße Trockenbauvariante für Verwaltung, Service- und Nebenräume sowie eine gläserne Version. Dieses sind temporär buchbare Lernzellen für Arbeitsgruppen. In einer Gebäudeecke findet sich ein regelgerechtes Amphitheater für 600 Besucher. Weiße Schalensitze bilden in Rängen einen Viertelkreis um eine bühnenartige Fläche in der Gebäudeecke. Mittels Trennwandelementen kann auf der umschließenden Kuppe der Bereich vollautomatisch separiert werden. Irritierend ist der dann fehlende interne Zugang. Das so genannte Rolex Forum ist nur von außen über einen Patio erreichbar.

Energieeffizienz

Obwohl alle vertikalen Flächen des Learning Centers verglast sind, hat das Gebäude das in der Schweiz begehrte Minenergie Label erhalten. Da es größtenteils von Tageslicht erhellt wird, ist der Kunstlichtbedarf vergleichsweise gering. Die Belüftung erfolgt weitgehend auf natürliche Art und Weise. Dazu wurden in zahlreichen Computersimulationen die entstehenden Luftströmungen untersucht und die genauen Positionen für raumhohe Lüftungsfenster festgelegt. Über eine zentrale Computersteuerung können sie bis zu 60° ge­öffnet werden. Ein grobes Gitter verhindert Personenunfälle, da diese Öffnungen zumeist nahe den Hochpunkten des Gebäudes angeordnet sind. Ebenfalls rechnergestützt werden die Außenjalousien betrieben. Entsprechend der Sonneneinstrahlung und ihrer Richtung werden die entsprechenden Einheiten aktiviert. Bemerkenswert dabei ist, dass auch die Neigung der Lamellen hinsicht­lich maximaler Transparenz justiert wird.

Raumkontinuum, Licht und Schatten

Die Raumlandschaft ist eine beeindruckende, eigenständige grau-weiße Welt, die durch ihre durchgehende Glasfassade atemberaubende Blickbeziehungen zur Außenwelt gestattet. Die architektonische Qualität, die hier zum Verweilen und Lernen geschaffen wurde, ist neu und traumhaft. Manche Studenten­träume werden tatsächlich wahr! Robert Mehl, Aachen

 

Im Nachfolgenden ein Interview mit dem Büro SANAA, das die Presseabteilung der EPFL Lausanne führte (gekürzte Fassung)

 

Welcher Prozess hat zu Ihrem endgültigen Entwurf geführt?

In unseren ersten Entwürfen waren die Bibliothek, der Mehrzweckraum, das Café und viele andere Bereiche zu einem hohen mehrstöckigen Turm gestapelt. Da das Konzept jedoch einen Treffpunkt für Studierende aus vielen Fachbereichen vorsah, hatten wir das Gefühl, es wäre am besten, alles auf einer Etage und in einem einzigen Raum anzusiedeln. Wir haben aber keinen normalen Raum aus einem einzigen Volumen entworfen, sondern Innenhöfe und eine Topografie geschaffen, um die Bereiche so zu organisieren, dass alle voneinander getrennt und gleichzeitig miteinander verbunden sind. Der große Raum wogt auf und ab und schafft so einen offenen Raum unter dem Gebäude, damit die Menschen zum Mittelpunkt des Gebäudes gehen können. Dadurch konnten wir in der Mitte einen einzigen Haupteingang anbieten.

 

Wovon haben Sie sich bei der Gestaltung beeinflussen und inspirieren lassen?

Wir hatten keine bestimmte Form im Kopf. Wir gelangten zu der unserer Meinung nach geeignetsten Form, indem wir die Anforde­rungen und die Beziehungen zwischen den einzelnen Teilen studierten. Anders ausgedrückt haben wir uns gefragt: In was für einem Raum halten sich zahlreiche Menschen gerne auf, die gleichzeitig unterschiedlichen Aktivitäten nachgehen? Nachdem wir die endgültige Form gefunden hatten, ließen wir uns von den Treppen und Rampen der Stadt Lausanne und der schweizerischen Landschaft inspirieren, um zu verstehen, wie sanfte Schrägflächen benutzt und als angenehm erlebt werden können.

Was kann gute Architektur Ihrer Meinung nach zum Lernprozess beitragen?

Alle Bereiche sind in einem einzigen Raum angesiedelt, in dem Menschen, die ein bestimmtes Thema studieren, sich vielleicht füreinander zu interessieren beginnen, weil der Raum sehr offen und doch verbunden ist. Wir haben uns vorgestellt, dass ein großer, offen­er Raum die Möglichkeit für neue Arten von Treffen schafft oder neue Aktivitäten auslöst. Wir hoffen, dass es im Vergleich zu traditionellen Lerneinrichtungen mit klar voneinander getrennten Fluren und Klassenzimmern viele verschiedene Verwendungen für die neuen Räume geben wird.

 

Das Rolex Learning Center ist ein höchst innovatives Gebäude. Können Sie uns etwas über das ursprüngliche Pflichtenheft des Kunden sagen?

Dieses Bildungszentrum bestehend aus einer Bibliothek, einem Mehrzwecksaal, einem Café, einem Restaurant sowie Büros ist ein zentra­les Element des Campus-Plans, d.h. nicht nur der EPFL, sondern auch der benachbarten Universität Lausanne. Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Bibliothek wollte der Kunde einen neuartigen Raum schaffen, in dem viele verschiedene Studienbereiche ihr Wissen frei und einfach austauschen können.

 

Könnten Sie einige der technischen Herausforderungen bei der Umsetzung beschreiben?

Die weit gespannten Schalen, die dreidimensionale Topografie und ihre Beziehung zu den verschiedenen Bereichen, die Verwirklichung eines Gebäudes außerhalb Japans sowie die Gestaltung der Schrägflächen, Treppen und Schräglifte, um nur einige der Herausforderungen zu nennen.

 

Die Topografie des Rolex Learning Center ist einmalig. Können Sie etwas darüber sagen, welche Erfahrungen gemäß Ihren Erwartun­gen die Menschen darin machen und wie sie es vielleicht nutzen werden?

Dieses Gebäude hat architektonische als auch topografische Eigenschaften, so dass die Erfahrungen unterschiedlich sein werden. Das Betreten oder Verlassen eines Raums oder das Lernen am Arbeitsplatz kann eine architektonische Erfahrung sein, aber eine Schrägfläche zu überqueren oder sie mit dem Schräg­lift zu erklimmen, könnte eine Erfahrung sein, die eher an das Besteigen eines Hügels draußen erinnert. Die durch die Architektur geschaffene Topografie wird architektonische Erfahrungen auslösen, die man in herkömmlichen Gebäuden nicht macht. Wenn man auf dem Hügel steht, sieht man den nächsten Hügel vielleicht nicht, hört aber gedämpfte Stimmen, oder man sieht den anderen Ort möglicherweise nicht, aber der Körper spürt die Verbindung zu einem anderen Raum.

 

Was gefiel Ihnen an der Vorstellung, an einem Gebäude zu arbeiten, das dem Lernen im Bereich der Wissenschaft und des Ingenieurwesens dient, im Gegensatz zu anderen Verwendungszwecken wie Museen, Galerien oder Wohnräumen?

Wir fanden es interessant, über Räume nachzudenken, in denen sich Menschen treffen um zu lernen und ganz neues Wissen erarbeiten.

 

 

 

Zur Konstruktion

Bemerkenswert flache Schalen bestimmen den Bau.Der 166 m x 122 m große, eingeschossige Flachbau wurde auf einem herkömmlichen, wenngleich im Innern auch in Sichtbeton ausgeführten Untergeschoss errichtet, das fast vollständig eine ebenfalls eingeschossige Tiefgarage mit bemerkenswerter Kapazität aufnimmt. Auf dieser so generierten ebenen Grundplatte wurde ein wellenförmiger Boden ebenfalls aus Sichtbeton vor Ort gegossen. Kennzeichnend für diese Konstruktion sind die flachen Wellenbewegungen, zu der sie sich aufschwingt. Erzeugt wird dieser Eindruck durch sieben Bögen, die Spannweiten zwischen 55 m und 90 m aufweisen und dabei nur einen maximalen Stich von 7 m besitzen. Für die stützenfreie Realisierung der Spannweiten entschied man sich, jeden Bogen einzeln mit Stahlkabeln zu unterspannen. Sie sind nicht sichtbar in die Grund­platte integriert, die quasi einen doppelten Boden hat. Konstruktiv ist die homogen erscheinende Betonwelle in zwei „Schalen“ eingebettet, die nacheinander erstellt worden sind. Dabei umschließt die eine den Hörsaalbereich, die andere liegt diagonal gegenüber. Ihr Zentrum ist der größte Patio.

Das Dach

Exakt 3,30 m über der wellenförmigen Bodenplatte liegt die Dachkonstruktion. Sie nimmt die identischen Schwünge des Bodens auf und ist eine 40 cm starke Mischkonstruktion aus Stahl- und Holzträgern. Getragen wird dieses Dach durch ein Raster von diskret weiß gestrichenen Stahlstützen, die einen Durchmesser von lediglich 13 cm besitzen und die jeweils einen Achsabstand von 9 m zueinander haben. Die Dachkonstruktion musste so ausgeführt sein, dass weder die typischen für so eine Mischkonstruktion immanenten Kriech- und Schwindrisse auftreten, noch Schäden durch eventuelle Setzungen des Bodens zu erwarten waren. Erschwerend kam hinzu, dass die Architekten Diagonalen oder gar durchgehende Wandscheiben für eine Aussteifung der Dachkonstruktion grundsätzlich nicht akzeptieren wollten. Beides hätte in nicht akzeptabeler Weise das offene, fließen-de Raumkontinuum gestört. Ursprünglich sollte die Steifheit des Gebäudes nur über eine statisch wirksame Fassade sichergestellt werden. Dies konnte aber, nicht verwirklicht werden. Ferner war es geplant das Dach begehbar zu machen, um so ein zweites Raumkontinuum zu schaffen, das die Natur und die umgebende Landschaft unmittelbar integriert. Beides konnte nicht realisiert werden. Ausgeführt wurde ein unzugängliches Flachdach. Dadurch konnten die anfallenden Stützlasten deutlich gesenkt werden. Zudem kam die schon erwähnte Leichtbaukonstruktion aus Stahl und Holz zum Einsatz. So konnten die anfallenden Lasten dahingehend reduziert werden, dass für eine Gewährleistung der Steifigkeit für die meisten Bereiche des Gebäudes nur noch eine relativ hohe, vertikale Stützendichte benötigt wurde. Die wenigen dann doch zur Aussteifung erforderlichen Diagonalen wurden sehr diskret platziert: Sie finden sich nahe den stark gekrümm­ten Glasfronten zu den kleineren Patios.

Der thermisch wirksame Dachaufbau besteht aus einer 20 cm starken Wärmedämmung, auf die als wasserführende Schicht eine Sika-Sarnafil-Kunsstoffbahn aufgebracht wurde. Die silbrig-graue Oberfläche ist UV stabil und soll 20 Jahre halten. Robert Mehl, Aachen

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