Ein Stück Stadt

Neubau Campus Derendorf, Düsseldorf

„Der neue Campus zeigt in beeindruckender Weise, wie geschickt arrangierte einzelne Baukörper unter Einbezug einiger Bestandsgebäude einen Außenraum schaffen können, der Begegnungen und Austausch fördert. Eingänge und öffentliche Funktionen sind zu einem gemeinsamen Platz hin orientiert, an dem sich Nutzer und Besucher begegnen. Das Gebäudeensemble passt sich sehr gut in den Kontext ein, wobei neu gestaltete Parkanlagen offene Verbindungen mit dem angrenzenden Stadtraum herstellen.“⇥DBZ Heftpate Werner Frosch

Vom Hauptbahnhof braucht man als Fußgänger mit der ­Straßenbahn keine 15 Minuten und mit der S-Bahn keine 10 Minuten bis zum neuen Campus Derendorf der Hochschule Düsseldorf. Steigt man an entsprechender S- oder Straßenbahnstation aus, kann man das rund 50 000 m2 große Grundstück mit den freistehenden großen Kuben nicht übersehen: Auffällig anders wirkt im ersten Moment der Maßstab, die Setzung und die Materialität im Vergleich zur gebauten Umgebung – und genau das macht neugierig auf den neuen Standort der aktuell größten Hochschule von NRW.

Bis 2002 standen auf dem Derendorfer Gelände die Düsseldorfer Schlösser-Brauerei und der alte Vieh- und Schlachthof. Von den Produktionsgebäuden existierten nur noch kleine Teile, die nicht mehr verwertbar waren und zudem als abgesperrte Industriebrache die umliegenden Quartiere voneinander trennten. Doch mit der Idee eines neuen Campus bot sich die Möglichkeit, das Areal Schritt für Schritt in die Stadtstruktur einzugliedern. Denn die Gebäude der verschiedenen Fachbereiche der ehemaligen Fachhochschule, die bisher an unterschiedlichen Standorten im Stadtgebiet verteilt waren, stammten zum Teil aus den 1970er- und 1980er-Jahren und mussten dringend saniert und an die wachsende Nachfrage angepasst werden. Aus dem internationalen Realisierungswettbewerb mit nachgeschaltetem VOF-Verfahren waren im Frühjahr 2009 schließlich Nickl & Partner Architekten als Erstplatzierte hervorgegangen.

Arndt Sänger, leitender Architekt bei Nickl & Partner Architekten in München und Projektleiter des neuen Campus, erinnert sich noch gut an den Leitgedanken: „Das Hauptaugenmerk des Entwurfs lag darauf, dass wir mit dem Campus nicht ein Gebäude, sondern einen Stadtteil schaffen wollten, der einen zentralen Mittelpunkt hat, eine Art Marktplatz, der die umliegenden Stadtteile verknüpft. Es ging darum, einen öffentlichen Ort der Identifikation für die Studierenden zu schaffen. Mit dem Neubau war es möglich, städtebauliche Verbindungen herzustellen, die es vorher nicht gegeben hat. Das war ein zentraler Aspekt.“

Identifikation und Verknüpfung

„Es ging nicht nur darum,  ein Gebäude zu bauen, sondern eine Institution in einzelne Gebäude aufzulösen, um eine urbane Situation zu schaffen,“ erzählt Architekt Arndt Sänger während der Begehung vor Ort. Die Architekten nahmen Fluchten und Sichtachsen der gebauten Umgebung auf und führten sie auf dem Campus weiter zum zentralen Mittelpunkt. Daher ist es im Grunde unwichtig, von welcher Richtung man den Campus betritt, denn man landet zwangsläufig auf der Freifläche in der Mitte, die mit abgesenkten und erhöhten Grünflächen den passenden Raum zur Orientierung gibt. Bis auf die Zufahrten für Anlieferungen ist das Gelände vom Autoverkehr freigehalten, wobei der gesamte Campus mit einer Tiefgarage mit ca. 1 100 Stellplätzen unterkellert ist.

Die gezielte Anordnung und die Gestaltung der Kopfbauten stärken die Orientierung am grünen Platz, wie Arndt Sänger erklärt: „Die Fassaden sollten eine ruhige, ökonomische und technisch durchdachte Gestaltung zeigen, die über alle Gebäude des Campus einheitlich wirkt. Großflächige Öffnungen kennzeichnen Foyers und Aufenthaltsräume und weisen damit auf ihre besondere Funktion innerhalb des Gebäudes hin. Die anderen Räume werden durch Bandfassaden bzw. mit beweglichen und starren Lamellen verkleidet.“

Der gesamte Campus ist mit einem Farbkonzept organisiert, das auch die Gebäude miteinschließt, die fächerübergreifend genutzt werden (Hörsaalzentrum, Mensa und Bibliothek): Jedes der sechs Gebäude auf dem Campus hat eine Nummer und eine eigene Farbe, die sich sichtbar vom Eingangsbereich über Treppenläufe, entlang kleinen Aufenthaltsnischen in den Fluren bis in die Ausstattung von Hörsälen und Seminarräumen zieht. So weitläufig und großmaßstäblich der Campus auch ist – er ist klar gegliedert und gibt den Studierenden sowohl außerhalb, als auch innerhalb der Gebäude immer wieder Anhaltspunkte zur Orientierung und Identifizierung.

Bestand und Geschichte

„Besonders war natürlich auch der Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz: Eine solche Aufgabe bekommt man nicht alle Tage und war sehr interessant, weil wir in die Geschichte des Gebäudes und des Ortes eingetaucht sind.“ Damit meint Arndt Sänger die Geschichte und Umnutzung der ehemaligen Großviehhalle des früheren städtischen Schlachthofs zur Bibliothek und zum heutigen Erinnerungsort „Alter Schlachthof“. Zwischen 1941 und 1944 wurde der Hof als Sammelplatz für über 6 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Düsseldorf vor ihrer Deportation in die Ghettos und Konzentrationslager im Osten genutzt. Die Hochschule hat dies in Form eines Erinnerungs- und Lernortes in der ehemaligen Großviehhalle auf dem Campus aufgearbeitet. Die Halle besteht aus zwei bauhistorisch unterschiedlichen Teilen: Die nördliche, dreischiffige Halle von 1899 ist als Stahlfachwerkkonstruktion erstellt. Dort befinden sich heute Seminar- und Laborräume der Campus-IT. Im südlichen Erweiterungsbau von 1930 mit einer Stahlbetonrahmenkonstruktion findet man heute die Bibliothek mit Lesesälen, die im Erdgeschoss und Untergeschoss über einen Luftraum miteinander verbunden und über die historischen Oberlichter mit Tageslicht versorgt sind. Die historische Gebäudehülle beider Hallen wurde komplett überarbeitet, in Teilen nach historischem Vorbild ergänzt und für die neue Nutzung auf technisch aktuellen Stand gebracht.

Realisierter und geplanter Campus

Während des Rundgangs über den Campus kann man Bauarbeiten auf dem nördlichen Nachbargrundstück erkennen und Arndt Sänger weiß auch, warum: „Der Wettbewerb umfasste nur die Fläche, die wir jetzt realisiert haben. Das nun folgende Konzept hat sich mit der Zeit ergeben, da die Bedarfsplanung, die vor einigen Jahren ermittelt wurde, den aktuellen Anforderungen nicht mehr entspricht. Es waren generell Flächen für studentisches Wohnen angedacht, aber wie die genau aussehen sollten, war noch nicht geplant bzw. lag außerhalb der Wettbewerbsaufgabe. Lediglich der Grünzug hat sich weitergezogen, aber die Restaufteilung war durch den Wettbewerb nicht festgelegt.“

Zusammenarbeit

Abschließend führt Arndt Sänger durch die einzelnen Gebäude und deren Fachräume, während er über die verschiedenen Zusammenarbeiten berichtet: „Was ich hervorheben kann, ist die gute Zusammenarbeit mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB). Die ist wirklich außergewöhnlich gut gewesen. Die Zusammenarbeit mit der Hochschule war etwas komplexer, weil in diesem Fall der Nutzer nicht gleichzeitig auch der Geldgeber war und viele nachträgliche Wünsche nicht umsetzbar waren. In der Phase nach dem Wettbewerb wurde für jedes Gebäude ein Team zusammengestellt, das sich dann über eineinhalb Jahre immer wieder mit den jeweiligen Nutzergruppen zusammengesetzt und die endgültige Nutzung festgelegt hat,“ meint Arndt Sänger. Mit dem Bau unterschiedlicher Fachbereiche ging auch die Auseinandersetzung mit den technischen Ausstattungen und Raumkonzepten unterschiedlicher Forschungseinheiten einher: Studioräume für Film und Ton, der „reflexionsarme Raum“, der zur Schalluntersuchung von z. B.  Motoren dient oder die Werkstattgebäude des Fachbereichs Architektur, um nur einige zu nennen. „Es ist außergewöhnlich, einen ganzen Campus zu bauen. Natürlich können wir immer wieder einzelne Gebäude als Teil eines Campus planen. Eine Aufgabe zu bekommen, die in allen Maßstäben eine Entwicklung beinhaltet, bleibt die Ausnahme der Regel und damit besonders.“ MS

Baudaten

Objekt: Hochschule Düsseldorf Campus Derendorf

Standort: Münsterstr. 156,

40476 Düsseldorf

Typologie: Hochschulbau

Bauherr: Bau- und Liegenschaftsbetrieb BLB NRW Niederlassung DüDorf

Nutzer Hochschule Düsseldorf

Architekt: Nickl & Partner Architekten AG, München, www.nickl-partner.com

Mitarbeiter (Team): PL Arndt Saenger, Gerhard Eckl, Anna-Lena Weicken-Hartmann

Bauleitung: N&P Baumanagement GmbH, Frankfurt a. M.,

www.nickl-partner.com

Generalunternehmer: ARGE Campus Düsseldorf GbR, Düsseldorf

www.hs-duesseldorf.de

Bauzeit: Januar 2012 – August 2018

Fachplaner

Tragwerksplaner: Pfefferkorn Inge-nieure VBI, Stuttgart,

www.pfefferkorn-ingenieure.de

IDK Kleinjohann GmbH & Co. KG, Köln, www.idk-koeln.de

TGA-Planer: INOVIS Ingenieure GmbH, Düsseldorf, www.inovis-ingenieure.de

Landschaftsplaner: Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten, München, www.rainerschmidt.com

Brandschutzplaner: HALFKANN + KIRCHNER Beratende Ingenieure für Brandschutz PartGmbB,

www.hk-brandschutz.de

Laborplanung: Dr. Heinekamp Labor- und Institutsplanung GmbH, Karlsruhe, www.heinekamp.com

Studioplanung-/Bauphysik:

Müller-BBM GmbH, Planegg,

www.muellerbbm.de

Projektdaten

Grundstücksgröße: 48 958 m²

Grundflächenzahl: 0,4

Geschossflächenzahl: 1,67

Nutzfläche gesamt

Nutzfläche: 54 750 m²

Technikfläche: 5 700 m² (ohne Tiefgarage)

Verkehrsfläche: 13 700 m² (ohne Tiefgarage)

Brutto-Grundfläche: 113 600 m²

Brutto-Rauminhalt: 437 700 m³

Baukosten (nach DIN 276)

Gesamtkosten (brutto) für die Gebäude 1 - 6 und 8 (Tiefgarage): 238,8 Mio. €

Energiebedarf

Primärenergiebedarf: 87 kWh/m²a

Endenergiebedarf: 222,7 kWh/m²a

Jahresheizwärmebedarf:

95,5 kWh/m²a

Hersteller

Dach: Bander, www.dwb-minden.de

Fenster: Jansen AG,

www.jansen.com; Schüco International KG, www.schueco.com

Systemwand: Lindner Group,

www.lindner-group.com

Decke: Knauf Gips KG, www.knauf.de; Saint-Gobain Rigips GmbH,

www.rigips.de

Boden: Bembé Parkett GmbH & Co. KG, www.bembe.de; NovoPlan GmbH, www.novoplan.com; KLB Kötztal Lacke + Beschichtungen GmbH,

www.klb-koetztal.de; FINDEISEN GmbH (Teppich), www.nadelvlies.de

Dämmung: SAINT-GOBAIN ISOVER G+H AG, www.isover.de; Knauf, Xella International GmbH, www.xella.com

RWA-Anlage: Essmann Gebäudetechnik GmbH, www.essmann.de

RLT-Anlage: TROX GmbH,

www.trox.de

Heizung/Lüftung: Sauter-Cumulus GmbH, www.sauter-cumulus.de

Zutrittssysteme: Siemens,

www.siemens.de

Sanitär: Keramag Keramische Werke GmbH, www.keramag.de

Beleuchtung: Zumtobel Lighting GmbH, www.zumtobel.com

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