Ein Hoch aufs Holz oder die Renaissance des Holzbaus

DBZ Heftpate Thomas Kruppa, FAT Architekten, Foundation of Art and Tectonic, Moutfort/LU denkt über Holz nach.

Neue digitale Konstruktionsmethoden und Herstellungstechnologien ermöglichen es, den Holzbau völlig neu zu denken. Das Bild vom Blockhaus-Holzhäuschen auf dem einsamen Land wird der Wirklichkeit längst nicht mehr gerecht. Mit mehrgeschossigen Hochhäusern, Holzmodulen und Industriebauten wird der Baustoff Holz seiner Privatheit und Abgeschiedenheit enthoben und erhält das Image nahezu unbegrenzter Möglichkeiten. Zeitgleich steht der Baustoff für einen Aufbruch in ein neues Baumanagement. Dabei hat die Innovation im Hinblick auf Holz ihren Zenit noch nicht erreicht. Weiterentwicklung und Optimierung sind im Gange: Expansion Holzbau.

Der Werkstoff Holz besticht jedoch nicht nur durch seine vielfältigen Verwendungs- und Bearbeitungsmöglichkeiten. Dem Zeitgeist entsprechend ist gesellschaftliches Umdenken/Neudenken auch in der Architektur gefordert. Umweltfreundlichkeit, Nachhaltigkeit und Recycelbarkeit sind wesentliche
Aspekte. Der Mangel an Ressourcen (wie beispielsweise Sand und fossile Brennstoffe) zwingt uns, neue Wege zu gehen. Mit dem vermehrten Einsatz eines alten wie zugleich neuentdeckten Baustoffs wird ein wichtiger Beitrag zur ökologischen Modernisierung geleistet.

Wohnungsnot und steigende Mieten sind ein politisches Thema, auf das mit Hilfe des Holzbaus reagiert werden kann. Zur Nachverdichtung in Städten und Siedlungen ist Holz ein bewährtes Material, da es sich schnell und unkompliziert für Anbauten und Erweiterungen eignet. Durch das geringe Eigengewicht sind speziell Aufstockungen mit Holz unproblematisch. Hierin liegt ein weiterer großer und zukunftsträchtiger Vorteil von Holz in der Architektur.

Wir von FAT ARCHITECTS sehen großes Potential in der Weiterentwicklung des Holzmodulbaus. Holzraummodule mit einem enormen Vorfertigungsgrad können innerhalb kürzester Zeit gefertigt, transportiert und montiert werden. Unser aktuelles Bürogebäude, das aus drei wiederverwerteten Holzmodulen besteht, veranschaulicht exemplarisch die hohe Flexibilität bezüglich Transport und Gestaltung unterschiedlichster architektonischer Konzepte. Ebenso ist die unter dem bauökologischen Aspekt bedeutsame Nachhaltigkeit im Holzmodulbau an der Geschichte dieser recycelten Module ablesbar. In der Werkshalle vorgefertigt, per Seilbahn auf den Berg Chäserrugg verfrachtet, fungierten sie dort einst interimsweise als Bergrestaurant. Nach ihrer Nutzung von 2 Jahren sind sie anschließend im Werk der Blumer-Lehmann AG in Gossau umgebaut und nach Luxemburg transportiert worden. Das Projekt Holzmodulbau Moutfort ist für weitere 2 Jahre ausgelegt, danach können die Module erneut umgebaut und in einem anderen Kontext wiederverwendet werden.

In der Schweiz, Österreich und punktuell in Deutschland wird das Konzept Holzmodulbau bereits seit längerem erfolgreich im Büro- und Hotelbau umgesetzt. Kurze Bauzeit, hoher Grad an Vorfertigung und integraler Planung sowie Flexibilität sind nur einige Vorteile, die zu nennen sind. Die integrale Planung verkürzt das Planungsmanagement und minimiert die Risiken, da sich Fachplaner wie Architekten, Statiker und Fachingenieure frühzeitig an einen Tisch setzen. Ein derartiger Gesamtüberblick über die einzelnen Planungs- und Bauprozesse vermittelt dem Bauherrn Sicherheit, Transparenz und – durch die Eliminierung risikoreicher Schnittstellen – einen einzigen kompetenten Ansprechpartner.

Der Holzbau ist auf den Vormarsch, der Holzbau ist die Zukunft, jedoch muss die Politik dringend nachziehen. Beispielsweise in Bezug auf die Nivellierung der Landesbauordnungen – diese müssen deutschlandweit vergleichbar aufeinander abgestimmt bzw. verbessert werden, damit Holzbauprojekte realisiert werden können und nicht auf Grund bürokratischer Hemmnisse und unnötiger Kosten zum Scheitern verurteilt sind. In einigen Bundesländern wurden bereits Vorschriften abgebaut, die übrigen Bundesländer sind nun in der Pflicht, nachzuziehen, um den neuesten Stand der Entwicklung und Einheitlichkeit im Bundesgebiet zu erlangen (Stichwort: Kapselkriterium). Dies wäre auch ein wichtiger Katalysator für den Antrieb der Wirtschaft des gesamten Landes.

Durch den weltweit anhaltenden Trend zum mehrgeschossigen und modernen Holzbau wird sich in Bezug auf Architektur und Management vieles verändern. Ein alter Werkstoff wird durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, der Fügung und die Zusammenarbeit neu definiert. Darauf sollten wir Architekten und Ingenieure in Europa vorbereitet sein.

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