Effizienzsteigerung in den Projektprozessen bei einheitlichen Rahmenbedingungen

Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) gestaltet das deutsche Bauwesen in bauwirtschaftlicher, rechtlicher und fachtechnischer Hinsicht auf nationaler sowie europäischer Ebene mit und trägt die Gesamtverantwortung für das Bauen des Bundes im Bereich Hochbau. Die Digitalisierung des Planens und Bauens ist ein wichtiger Aspekt dieser Arbeit.

Die aktuelle Bundesregierung hat sich darauf geeinigt, dass sie die „Digitalisierung des Planens und Bauens in der gesamten Wertschöpfungskette Bau vorantreiben“ wird. Diesen politischen Auftrag nehmen wir als BMI sehr ernst.

Er ist ebenso herausfordernd wie anspruchsvoll, weil die Digitalisierung des Bauens nicht nur oder nicht in erster Linie eine technische Maßnahme ist. Sie betrifft vielmehr das Denken und die Einstellung der Akteure. Richtig verstanden, wird die Digitalisierung auch eine kooperative und partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten fördern. An diesem Punkt sehen wir die Chancen für eine erhebliche Effizienzsteigerung in den Projektprozessen. Neben den Chancen sehen wir aber auch Risiken, beispielsweise für die etablierte Struktur der kleinen und mittleren Unternehmen und Planungsbüros in der deutschen Bauwirtschaft. Hierauf müssen wir in der Umsetzung achten. Vor allem müssen nun rasch einheitliche Rahmenbedingungen für die Anwendung digitaler Methoden geschaffen werden.

Wir wollen Potentiale wecken

Die Wertschöpfungskette Bau in Deutschland ist ein tradierter Wirtschaftszweig – das hat Vorteile, aber auch Nachteile. Entscheidende Innovationen werden vielfach mit geringerer Geschwindigkeit umgesetzt. Das zeigt sich im Vergleich der Entwicklung der Wertschöpfung zu anderen Wirtschaftsbereichen (siehe Abbildung).

Es ist deutlich zu erkennen, dass in den letzten Jahrzehnten die Bauwirtschaft in Relation zur Arbeitszeit nahezu keine Steigerung der Wertschöpfung verzeichnet hat. Ein Grund hierfür liegt in der Vielzahl der Beteiligten im Lebenszyklus eines Gebäudes. Sie sind häufig jeweils nur mit einem Abschnitt eines Gebäudes beschäftigt, sodass viele Schnittstellen zu überwinden sind.

Andere Wirtschaftsbereiche zeigen, dass die Anwendung digitaler Methoden in den Prozessen ein hohes Potential für Effizienzsteigerungen bietet. In der Wertschöpfungskette Bau bestehen aufgrund der Heterogenität besonders große Herausforderungen. Einzelne Teilnehmer haben bereits die Chancen der Digitalisierung für sich erkannt und verwenden digitale Methoden. Doch Abstimmungen mit den vor- und nachgelagerten Prozessen sind in den meisten Fällen nicht erfolgt. Eine übergreifende Betrachtung über mehrere Prozesse oder gar die gesamte Prozesskette findet noch nicht statt. Die Einführung digitaler Methoden setzt in diesem Kontext umfassendere Abstimmungen und Standardisierungen bei Prozessen und Schnittstellen voraus.

Die Methode BIM (Building Information Modeling) fördert eine effektive, kooperative Zusammenarbeit unter den Projektbeteiligten. In einem virtuellen Gebäudemodell laufen die Fäden aller Akteure zusammen. Hinzu kommen weitere Aspekte, wie die Effizienzsteigerung durch automatisierte Prüfwerkzeuge oder die medienbruchfreie Nutzung der Daten über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Das Potential dieser Methode wollen wir nutzbar machen.

Wir wollen alle Marktteilnehmer mitnehmen

Die Digitalisierung darf dabei nicht zu Marktzugangsbeschränkungen führen. Wir müssen deshalb darauf achten, dass die kleinen und mittelständischen Architektur- und Ingenieurbüros sowie Bauunternehmen den nächsten Schritt bei der Digitalisierung mitgehen können.

Ein wichtiger Aspekt sind herstellerneutrale Datenstandards. Die Entwickler von Anwendersoftware haben ein berechtigtes Interesse daran, mit Hilfe eigener Softwareformate Kunden langfristig an ihre Anwendungen zu binden. Wenn die Softwareformate nicht einheitlichen Standards entsprechen, funktioniert die Methode BIM aber nur innerhalb eines geschlossenen Systems – ein Bauprojekt wäre im schlimmsten Fall an einen Datenstandard gebunden. Angesichts der enormen Aufwendungen für die Anschaffung eines Softwaresystems werden die kleinen und mittleren Unternehmen bzw. Planungsbüros nicht alle Standards regelmäßig bedienen können.

Mit Hilfe spezieller Schnittstellen können BIM-Modelle jedoch in neutrale Formate umgewandelt und ausgetauscht werden (sogenanntes openBIM). Wir wollen unsere Vorbildfunktion als öffentlicher Bauherr nutzen und openBIM als Kommunikationsstandard etablieren. Derzeit ist für die Förderung der für Deutschland typischen kleinen und mittelständischen Unternehmen bzw. Planungsbüros openBIM der einzige sinnvolle Ansatz für eine unbeschränkte Teilhabe an der Digitalisierung.

Uns ist bewusst, dass der openBIM-Ansatz gegenüber proprietären Lösungen zunächst einen erheblichen Mehraufwand bedeutet. Wir wollen schon heute alle Softwarehersteller für die Unterstützung von offenen Datenschnittstellen (d. h. openBIM) gewinnen. Das zentrale Anliegen ist gerade die Verbesserung der Zusammenarbeit und die Vereinfachung des Datenaustauschs. Deshalb kann die Methode BIM nur als herstellerneutrales System ihr volles Potential entwickeln. Im Ergebnis werden dann nur diejenigen Softwareprodukte konkurrenzfähig sein, die über eine Schnittstelle für openBIM verfügen.

Gemeinsam schaffen wir die Rahmenbedingungen für BIM

Um BIM als unterstützende Kraft für Planungsbüros und Bauunternehmen zu etablieren, haben wir im letzten Jahr zusammen mit dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur das natio­nale BIM-Kompetenzzentrum eingerichtet. Hierbei handelt es sich um eine gemeinsame Initiative zur Förderung des Hoch- und Infrastrukturbaus.

Die bisherigen Pilotprojekte im Bundeshochbau haben gezeigt, dass noch nicht alle notwendigen Grundlagen und Rahmenbedingungen für einen umfassenden und reibungslosen Einsatz von BIM gegeben sind. Daher verfolgen wir den Ansatz, zunächst die Grundlagen und Rahmenbedingungen für den Bundesbau zu entwickeln und dadurch eine schrittweise und praxisorientierte Einführung von BIM für die gesamte Wertschöpfungskette Bau zu fördern.

Primäre Aufgabe des Kompetenzzentrums ist die Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen für die Anwendung von BIM. Wir werden die Produkte, Standards und Konzepte dem gesamten öffentlichen Bau wie auch der privaten Bauwirtschaft zur Verfügung stellen. Das nationale BIM-Kompetenzzentrum hat die klare Vorgabe, stets die Kompatibilität mit openBIM zu wahren. Auch hierdurch werden wir einen wichtigen Beitrag für die Anwendung systemoffener und herstellerneutraler Standards für den Datenaustausch schaffen. Wir wollen erreichen, dass die einzelnen ausschreibenden Stellen – öffentlich wie privat – strukturell einheitliche Vorgaben für die Anwendung von BIM verwenden. Daneben wird in diesem Kontext ein BIM-Portal entstehen, in dem Objekt- und Merkmalsdatenbanken sowie Prüfwerkzeuge allgemein zugänglich sein werden.

Wir streben an, weitere Bundesressorts in das Kompetenzzentrum aufzunehmen sowie die relevanten Stakeholder und deren fachliche Expertise einzubinden. Das große Interesse an einer Zusammenarbeit mit dem BIM-Kompetenzzentrum zeigt, dass unser Ansatz in die richtige Richtung geht.

Die Potentiale der Digitalisierung weiter fördern

Mit der bisherigen Arbeit haben wir die Weichen für den nächsten Schritt im Bereich der Digitalisierung des Planens und Bauens gestellt. Wir werden weiter eine praxisorientierte und schrittweise Digitalisierung anstreben, die den Akteuren einen echten Mehrwert bietet. Insofern blicke ich optimistisch in die Zukunft: Wir als BMI arbeiten bereits an der Erstellung einer praxistauglichen Gesamtstrategie für die flächendeckende Einführung von BIM im Hochbau des Bundes.

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