„Die Grenzen zwischen den Funktionen werden dünner“ Annalen Gruss zum Thema „Stadtentwicklung“

Annalen Gruss zum Thema „Stadtentwicklung“

Das Interessante an der gewachsenen Stadt ist ihre Komplexität. Neben Zonen für Wohnen, Dienstleitung und Kultur finden sich industrielle Areale, die teils brachliegen, teils immer noch in Betrieb sind. Genau diese Gebiete gewinnen immer mehr an Attraktivität, nicht nur für Investoren, sondern auch als Freizeitraum für Anwohner. Annalen Gruss und Maren Klöppner erkannten das Potential solcher Zwischenräume und entwickelten auf dem Gebiet des Lindener Hafens in Hannover einen Bewegungsraum für Passanten.

 

Sie haben ein Rauminstrument entwickelt auf Basis der Begriffe „Schutz“ und „Führung“. Erläutern Sie bitte das Konzept.

Unter den Prämissen, bestehende Betriebsabläufe nicht zu stören, eine durchgehende fußläufige Erschließung, die an bestehende Freiräume anknüpft, zu schaffen sowie die vorhandene Mannigfaltigkeit an Raum­charakteristika zu erhalten, entstand das so genannte „Wege-Element“. Auf der Basis einer Schutz- und Führungsfunktion ermöglicht dieses Raumobjekt das Bewegen in städtebaulichen Fugen. Es weist im Querschnitt eine sechseckige Grundform auf, wobei die Ecken dabei eine Gelenkfunktion übernehmen. Je nach Bedarf ist es möglich, die Form zu variieren und flexibel auf die umgebenden Einflüsse zu reagieren. Das Element schließt sich fast vollständig im Hafen, wo der Schutz am notwendigsten ist. Tritt die Schutzfunktion zurück, wird das Wegeelement zur Plattform, zu Stufen oder zu einer Brüstung transformiert. Auf diese Weise gibt das Element eine Möglichkeit vor, sich sicher und gezielt durch ein auch in Zukunft gewerblich und industriell genutztes Gebiet leiten zu lassen. Mit Hilfe dieses Wegeinstruments werden erstmalig diejenigen Fugen eröffnet, welche bisher nicht der Freizeitnutzung zur Verfügung standen. So führt es über Gleise, die nicht entfernt oder versiegelt werden dürfen, hinweg, führt an Schrottbergen vorbei, durch unwegbares Gelände hindurch.

 

Welchen Gewinn bietet die Erschließung des Lindener Hafens einerseits den Anwohnern und andererseits der Stadt Hannover?

Der Entwurf schafft eine Aufhebung der isolierten Lage des Industriegebietes. Die Barrierewirkung wird aufgelöst und die Integration in den Stadtbezirk kann mit der Durchwegung genauso erreicht werden, wie auch die Befriedigung des Interesses der Anwohner am Hafengeschehen. Vor allem vor dem Hintergrund bestehender und möglicherweise wachsender Nutzungskonflikte ist die vorgestellte transparente Lösung nicht nur aus freiraumplanerischer Sicht, sondern auch aus unternehmenskommunikativer Sicht interessant. Die Identifikation mit den Stadtbezirken Linden und Limmer wird insofern gestärkt, als dass die industrielle Vergangenheit und Gegenwart nicht versteckt werden, sondern das „Unvollkommene“ selbstbewusst inszeniert wird. Hier liegt die Chance von Hannover, neben dem barocken Gartenanlagen und dem Stadtwald eine weitere Alternative der Bewegung im Außenraum anbieten zu können.

 

Der Reiz brachliegender Flächen besteht zumeist darin, dass sie völlig offen für jegliche Nutzung und vor allem ungeplant sind. Denken Sie, dass man die Bewegung in diesen Bereichen „lenken“ kann oder sollte?

Der Gestaltungsspielraum von keiner, über eine informelle bis hin zur totalen Erschließung der Brachen ist weit reichend. Brachflächen variieren in ihrer Einbindung in die urbane Umgebung. Außerdem unterscheiden sie sich in ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer Größe, ihrer spontan angesiedelten Vegetation sowie in der Intensität der Aneignung durch den Menschen. Bei der Annäherung an brachliegende Flächen empfiehlt es sich also, die Rahmenbedingungen zu untersuchen und bewusst zu entscheiden, ob und, wenn ja, welche Eingriffe von landschaftsarchitektonischer Notwendigkeit sind. An Orten, wo Konflikte zwischen individueller Aneignung und der durch die städtischen oder privaten Verwaltungen vertretenen Interessen zu stark werden und der totale Verlust der Brachfläche droht, kann die landschaftsarchitektonische Intervention nicht zur Zerstörung der Brache als „unangetastetes“ Kleinod, sondern zum Erhalt der nicht bebauten Fläche und seiner Eigenarten führen.

 

Wohin werden sich die Städte der Zukunft entwickeln?

In den Städten wird die Entwicklung zukünftig vermutlich dahingehen, dass die Grenzen zwischen den Funktionen Arbeiten, Wohnen und Erholen weiterhin dünner werden. Neben dem Umnutzen und Nachnutzen von Gebäuden und Freiräumen, wird der Parallelnutzen dieser zu einem Thema. Das infrastrukturelle Netz wird immer enger. Unserer Freizeitbeschäftigung werden mehr Möglichkeiten geöffnet und auch die Ansprüche an die Qualität der Umgebung unseres Arbeitsplatzes steigen. Unser Raum wird nicht zunehmen, aber die Möglichkeiten, ihn zu nutzen, werden wachsen.

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