Die Bauten von Ferdinand Kramer, eine Ausstellung im DAMwww.dam-online.de, www.ferdinand-kramer.org

Vor Wochen schrieben wir über einen deutschen Architekten, dem zwei große Ausstellungen in Deutschland gewidmet waren: eine in Düsseldorf, die andere in München. In Düsseldorf wurde eine zentrale Arbeit selbst zum Ausstellungsstück, hinzu kamen Verweise auf zahlreiche weitere Bauten in der Rheinstadt. In München widmete man dem Werk des PSE Paul Schneider von Esleben den eher theoretischen Blick.

Irgendwo auf der Mitte, also zwischen Düsseldorf und München liegt Frankfurt. Und hier wird aktuell und noch bis Ende April 2016 einem PSE irgendwie verwandten Architekten der Nachkriegszeit ebenfalls eine Schau gewidmet. Die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum über Werk und Leben von Ferdinand Kramer vereint nun die bei PSE noch getrennten Aspekte. Kramer war der Architekt der Fünfziger Jahre in Frankfurt, der Großteil seines Nachlasses ist – wenn auch verteilt – in seiner Heimatstadt geblieben. Die Ausstellungsmacher sehen die Kramer-Schau in der Reihe der Ausstellungen weiterer Architekten, die in Frankfurt gewirkt haben, so die zu Mart Stam (1997), Martin Elsaesser (2009) sowie mehrfach zu Ernst May, dem Initiator des Frankfurter Modells (1986, 2001 und 2011).

Auf einem Geschoss im Ungers-Bau zeigen die Kuratoren eine Art Werkbiographie, die sie auf vier Perioden verteilt haben: 1922–1938 das vom „Neuen Frankfurt“ und von der klassischen Architekturmoderne geprägte Werk der 1920er und 1930er Jahre, 1938–1952 Kramers 14 Jahre dauerndes Exil in den USA, 1952–1964 die zweite Karriere in Deutschland als Baudirektor der Frankfurter Universität sowie 1957–1974 Kramers Wohnhäuser ab 1957. Um gleich mit Letzteren zu beginnen: Die noch erhaltenen Bauten darf man – bis auf die Siedlung Westhausen – getrost als nebensächlich für Kramers Bedeutung einstufen; was nicht bedeutet, sie hätten keine Qualität. Aber 30 Jahre nach Kramers Tod wird der Blick eher auf seine Bauten auf dem Campus Bockenheim gelenkt, mit denen Kramer sich in die deutsche Architekturgeschichte eingeschrieben hat. Zahlreiche Institute, Hörsäle, eine Mensa und Verwaltungsbauten stammen von ihm, den der damalige Rektor der Universität Frankfurt am Main und ebenfalls Exilant in den USA, Max Horkheimer, nach Frankfurt holte. Hier konnte er, ab 1952 als Baudirektor der Universität Frankfurt, bis 1964 wohl schalten und walten, wie ein Baudirektor dieser Zeit es nur tun konnte.

Doch seine Gebäude, die wie alle universitären Bauten bis heute extremer Beanspruchung einerseits wie andererseits ständiger Unterfinanzierung im Bauunterhalt ausgesetzt sind, haben gelitten. Auch unter dem Vorwurf, sie verströmten einen „puren Nihilismus“, wie der in diesen zugigen Zeiten sehr gefragte Mosebach im sehr zu empfehlenden Katalog (mit Werkverzeichnis) feststellen muss. Die Kuratoren sehen die Bauten eher im Kontext „einer phrasenlosen und heute mitunter karg erscheinenden, funktional bestimmten Moderne“, was durchaus auf die gleiche Ablehnung hinauslaufen kann.

Dass die Ausstellung zur rechten Zeit kommt, ist unstrittig, Kramers Bauten stehen auf Denkmal- und Abrisslisten. Nach dem Umzug der Universität ins Westend werden die meisten der über Jahrzehnte vernachlässigten Institutsbauten verschwinden. Ihrer Sanierung stehen vordergründige Kostenrechnungen und eine emotional ablehnende Haltung diesen verbrauchten Bauten gegenüber. Wer also die Chance nutzen will, um noch ein wenig Kramer-Flair zu erleben, der sollte sich aufmachen in die Georg-Voigt-Straße, die Robert-Maier-Straße, Gräfstraße, die Senkenberganlage und Bockenheimer Landstraße. Hier stehen sie noch dicht an dicht und jeder Instituts- oder Hörsaalbau, jede Bibliothek und alle Mensareste verraten nicht nur dem kundigen Auge, dass die Stadt Frankfurt hier einen Schatz an gebautem Neuanfang hat, den republikweit allerdings auch andere Städte gerne loswerden
möchten.

Im Herzen der Bankenstadt wird gerade mit viel Geld neu gebaut, auf mittelalterlichem Stadtgrundriss mit neuester Technologie. Ein Neo-Nihilismus, will mir scheinen, ein falsches Wärmekissen in diesen zugigen Zeiten, in denen die Mosebachs ihre mahnende und mit Sehnsuchtstremolo geladene Stimme erheben dürfen. Be. K.

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