Der Mensch im Mittelpunkt

Human Centered Workplaces stellen die Bedürfnisse der Beschäftigten in den Mittelpunkt. Das kann gerade in Zeiten der Pandemie ein probates Mittel für Architektur und Ingenieurbüros sein, hochqualifiziertes Personal an den Betrieb zu binden. Georg Thiersch vom Studio 1zu33 erklärt im Interview, wie die Neuorganisation der Büroflächen gelingt

Herr Thiersch, Sie haben im Auftrag des Büromöbelherstellers Wilkhahn das Konzept des „Human Centred Workplace“ entworfen. Was hat es damit auf sich?

Wir haben uns die Frage gestellt, welche Elemente es in der modernen Arbeitswelt braucht, um eine produktive Arbeitsatmosphäre in Büros zu schaffen. Der neue Ansatz ist dabei, nicht die Funktionalität der Arbeitsabläufe ins Zentrum zu stellen, sondern die Bedürfnisse der Mitarbeiter-Innen.

Wieso das?

Das hat verschiedene Gründe. Ein wesentlicher dabei ist der allseits bekannte „War for talents“, den ja viele schon wieder für einen alten Hut halten, der aber für viele unserer Kunden sehr aktuell ist. Deutschland ist bekanntermaßen ein Land der „hidden champions“. Viele starke Industrien, auch und gerade im Bausektor und in der Architektur, haben ihren Hauptsitz nicht in einem ­urbanen Zentrum, sondern eher in der Peripherie, wenn nicht gar auf der grünen Wiese. Und diese Unternehmen müssen mehr denn je Überzeugungsarbeit leisten – nicht nur beim Anwerben von Talenten, sondern insbesondere auch beim Halten. Und hier kommt dem Büro und der Büroinfrastruktur eine entscheidende Rolle zu.

In Zeiten der Pandemie und der grassieren­den Distanzarbeit leuchtet das nicht unbedingt sofort ein…

Es stimmt, viele Unternehmen machen gerade ihre ersten Erfahrungen mit dem Homeoffice und der sinkenden Präsenz ihrer Beschäftigten. Aber genau deshalb bietet sich ja die Chance, die Flächennutzung im Büro einmal grundlegend zu hinterfragen und moderne Lösungen auf aktuelle Herausforderungen zu finden. Denn infolge der Pandemie und der Arbeit Zuhause kommt nicht wenigen Menschen der emotionale Anker abhanden, der ein gemeinsam genutztes Büro eben auch ist oder sein sollte. Das haben wir bei 1zu33 selbst erfahren müssen. Im Laufe des vergangenen Jahres haben wir einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verloren, die sich eigentlich bei uns wohlfühlten und zufrieden waren. Aber sie vermissten im Homeoffice ihre berufliche Heimat, das Büro. Und so waren sie für neue Angebote offener als wir uns das als Arbeitgeber gewünscht hätten.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Tatsächlich haben wir unsere Büroflächen unter diesem Eindruck erweitert und flexible, gemeinsam nutzbare Flächen sowie der Situation angepasste Abstände zwischen den stationären Arbeitsplätzen geschaffen. Das war auch ein Signal an unsere Belegschaft, dass uns ihr Wohlbefinden und ihre Bedürfnisse am Herzen liegen.

Da sind wir beim Stichwort: Das Wohlbefinden der Beschäftigten ist eine der Säulen, die das Fundament des Human Centered Workplace bildet…

Genau. Die anderen sind Identität, Zusammenarbeit und Sinnstiftung. Diese vier sollten unserer Überzeugung nach die Basis für die Gestaltung moderner Büroräume bilden. Beim Wohlbefinden geht es neben klassischen Aspekten wie Ergonomie und Arbeits­sicherheit auch um Themen der Gestaltung und des subjektiven Wohlfühlens in einer Umgebung, welche die Werte und die Visionen eines Unternehmens unterstreichen. Eine ansprechende, durchdachte Gestaltung der Arbeitsräume sagt viel über die DNA eines Unternehmens aus. Und lädt so zur Identifikation ein. Außerdem sollte der Arbeitsplatz Möglichkeiten und Flächen für Zusammenarbeit schaffen. Gerade in Planungsbüros finden sich ja immer wieder Teams in unterschiedlicher Größe und Struktur zusammen. Und schließlich sollte die Gestaltung sinnstiftend sein. Den Beschäftigten muss sich vermitteln, was neben dem rein Ökonomischen der Zweck des Unternehmens ist.

Das klingt alles noch sehr abstrakt. Wie könnte ein solches Büro denn konkret aussehen?

Wir haben das für unseren Kunden Wilkhahn an einem Fallbeispiel durchdekliniert. Dabei handelt es sich um einen fiktiven Verlag im Nordhafen Kopenhagens – also mitten in einem der aktuell städtebaulichen spannendsten Areale. Wie sich zeigte, benötigt so ein Verlag nicht nur flying desks und andere flexible Arbeitsplätze, sondern auch ein stabiles Rückgrat in Form von Büroeinheiten mit fester Funktion, zum Beispiel für die Verwaltung oder den ganzen Bereich Human Ressources. Darüber hinaus haben wir auch dem Rückzugsbedürfnis der Beschäftigten Rechnung getragen, zum Beispiel mit separaten Skype-Räumen, Besprechungs- und Teamräumen, in denen sich Einzelne oder unterschiedlich große Teams je nach Bedarf zurückziehen können. Eine Vielzahl unterschiedlicher Platzangebote lädt zur dynamischen Nutzung der Büroinfrastruktur ein.

Das scheint ein teures Unterfangen zu sein. Wie zahlt sich das denn für die Unternehmen aus?

Keine Frage, wer sein Büro als Identifikationsraum für seine Beschäftigten gestalten will, muss Geld in die Hand nehmen. Das zahlt sich für die Unternehmen in erster Linie durch zufriedene MitarbeiterInnen aus – die motiviert und loyal sind. Vor allem tragen die Unternehmen damit aber auch der Situation am Markt Rechnung, bei der ihre MitarbeiterInnen heute zwei oder drei Projekte gleichzeitig in gleicher Qualität bearbeiten müssen, und nicht nur ein Großprojekt, in das all ihre Energie fließt. Und für diese Anforderung benötigen sie über den Tag verteilt unterschiedliche Ressourcen, die sie bei der Bewältigung ihrer Aufgaben unterstützen. Das jemand den ganzen Tag hinter seinem Schreibtisch sitzt und sich auf eine einzige Aufgabe konzentriert, kommt ja immer seltener vor.

Gleichzeitig ist der individuelle PC-Arbeitsplatz für viele ArchitektInnen und Ingenieur- Innen immens wichtig.

Es stimmt, aufwendige CAD-Programme passen meist nicht auf einen Laptop, mit dem man sich dann bequem in die Lobby fläzt. Aber auch für ArchitektInnen ist es wichtig, sich immer wieder auszutauschen oder einen Platz zu haben, wo sie sich gemeinsam über Muster und Pläne beugen können. Ein flexibler Raum, der zum Beispiel mit einem Beamer oder einem großen Monitor bestückt ist, erlaubt einen deutlich produktiveren Austausch über die Entwürfe, als wenn sich die Kollegen um einen kleinen Monitor am individuellen Arbeitsplatz drängen – und lenkt zum Beispiel im Großraumbüro nicht die Nachbarn ab, die an einem anderen Projekt arbeiten.

Wenn der Platz für einen solchen Raum vorhanden ist…

Manchmal geht es auch um eine Gewichtung. Und das gehört wieder zum Stichwort Identität. Unternehmen müssen sich am Anfang des Prozesses fragen: Was können wir wirklich gut und wo wollen wir eigentlich hin? Das Arbeitsumfeld soll die Mitarbeitenden ja bei ihren Aufgaben unterstützen. Deshalb müssen die Unternehmen diese sehr gut kennen und darauf reagieren. Da kann es dann zum Beispiel durchaus sinnvoll sein, die klassischen 1,60 x 1,80 m großen individuellen Arbeitsplätze auf 1,30 x 1,40 m zu reduzieren, um Platz für gemeinsame Arbeitsplätze zu schaffen. Da kann man die Pläne dann wenigstens richtig ausbreiten. Hier kommt zudem die Anschaffung multi­funktionaler Büromöbel ins Spiel. 1zu33 hat gerade ein Tischelement angeschafft, dass sich mit wenigen Griffen zu einem Whiteboard umfunktio­nieren lässt. Faltelemente können zudem Besprechungsräume für unterschiedliche Teamgrößen nutzbar machen.

Kommen die Pandemie-HeimarbeiterInnen, die jetzt zum Teil auch gute Erfahrungen im digitalen Office gemacht haben, irgendwann zurück ins Büro, um die „Human Centered Workplaces“ adäquat zu nutzen?

Es wird sich sicher ein Teil der Arbeit weiter ins Homeoffice verlagern. Umso wichtiger wird es deshalb für die Unternehmen sein, dass sie eine Arbeitslandschaft geschaffen haben, an der sich die Beschäftigten sofort andocken können und in der sie sich Zuhause fühlen. Gerade weil die Arbeitswelten derzeit so stark „atmen“, braucht ­es Struktur und Gestaltungswillen, sonst regiert ­irgendwann das Chaos.

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