Das kreative Dorf in der Stadt

Die Alte Mu ­ist ein Zusammenschluss verschiedener Projekte, die sich das leerstehende Gelände der ehemaligen Muthesius Kunsthochschule in Kiel angeeignet haben. Mittlerweile haben die Pioniere die Alte Mu zu einer festen Institution in Kiel gemacht. Im Gespräch erzählen Friederike Kopp und Florian Michaelis, wie es dazu kam und wie sich die Alte Mu weiterentwickeln soll.
Was heißt für euch „Recht auf Stadt“?
Friederike Kopp: Die Stadt gehört uns allen; wir wollen aber auch alle Verantwortung für diese Stadt übernehmen. Das zeigen wir, glaube ich, in der Alten Mu sehr gut, dass Leerstand nicht besetzt werden muss. Wenn es Bedarf gibt und Platz und Ressourcen, dann sollten sie geteilt werden.
Florian Michaelis: Das Recht auf Stadt bedeutet auch, zu ermächtigen Städte mitzugestalten. In der Stadtentwicklung der letzten 50 oder 100 Jahre wurden die Antworten auf die Fragen, wie wir leben wollen oder wie die Stadt von morgen aussieht, nicht in der Breite der Gesellschaft gesucht, sondern nur bei denjenigen, die tatsächlich an der Planung beteiligt waren. Wir sagen: Eigentlich haben alle ein Interesse daran, wie die gebaute Umwelt aussieht.
Wie kam es zu eurem Zusammenschluss?
FK: Früher war hier die Muthesius Kunsthochschule, deswegen heißen wir auch Alte Mu. Als die ausgezogen ist, standen viele Räume leer. Innerhalb kürzester Zeit kamen etwa zwölf Projektgruppen zusammen, die schnell gemerkt haben, sie wollen hierbleiben und sich zusammen organisieren. Schließlich wurde der Verein gegründet, Alte Mu Impuls Werk e.V., um eine Institution zu haben, für den Kampf bleiben zu dürfen. Dass wir noch immer dabei sind, um die Zukunft zu kämpfen und uns dieses Recht auf Stadt erarbeiten, gehört, glaube ich, auch viel zu unserer Geschichte.
FM: Das Recht auf Stadt hat inzwischen eine andere Dimension bekommen. Wir sind nicht mehr dabei, Gebäude zu besetzen, sondern jetzt versuchen wir, das Projekt zu verstetigen über eine Beteiligung basisdemokratischer Art. Von einer Zwischennutzung, die auch schon stetiger war als das davor, hin zu einem 99 Jahre geltenden Erbbaurechtsvertrag mit der tatsächlichen Verantwortung für das ganze Gelände.
Zu Anfang war nicht klar, dass ihr so lange in den alten Hochschulgebäuden bleiben könnt. Was stand dem im Weg?
FK: Das ganze Grundstück gehört dem Land Schleswig-Holstein und als die Kunsthochschule ausgezogen ist, sollte es neu genutzt werden. Davon wussten wir Jungen, Kreativen, Naiven aber natürlich nichts. Ich war eine von denen, die einfach nur in dieser Stadt lebte und Lust hatte, was zu machen. Ich hatte mir noch gar nicht so viele Gedanken gemacht, was dahintersteckt. Das habe ich alles erst jetzt kapiert.
Gab es denn schon konkrete Pläne für das Grundstück?
FK: Es gab Briefe an das Land und Anrufe von Leuten, die das Grundstück kaufen und „den Kreativen“ einen Mietvertrag für eine gewisse Zeit geben wollten. Aber für uns war immer klar: Wir wollen das gemeinschaftlich besitzen, deswegen wollen wir ein Erbbaurecht und eine Genossenschaft gründen. Es soll möglich sein Dinge basisdemokratisch zu gestalten.
Da hattet ihr ja Glück, dass am Ende alles so geklappt hat, wie ihr euch das vorgestellt habt.
FK: Ich glaube wir haben es geschafft, weil wir auf eine Mischung der wirtschaftlichen Interessen bei der Kreativszene geachtet haben. Dass wir eben Kultur und Subkultur haben, aber auch Unternehmen, die viele Arbeitsplätze schaffen. Wir können auch immer damit argumentieren, dass wir hier was für das Gemeinwohl tun, dass wir Veranstaltungen machen, aber auch in nachhaltige Bildung investieren.
FM: Und damit, dass die Projekte, die hier vor Ort sind, sich mit Innovationen und Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Also Immobilienhändler wären hier fehl am Platz. Das stellen wir durch die Gemeinschaft sicher und dadurch, dass wir uns auf einen Kodex geeinigt haben, wie wir leben wollen.
Welche Mehrwerte und Schwierigkeiten entstehen dadurch, wenn so viele Leute gemeinsam ein Ziel verfolgen?
FM: Koproduktion bereichert durch das Mehr an Ideen, das Mehr an Identifikation und die Strahlkraft. Nur so können wir uns tatsächlich einen Ort schaffen, mit dem wir uns identifizieren. Ein Projekt, das von oben gestaltet wird und bei dem gesagt wird – so sieht das jetzt aus und ihr müsst euch dem Ort anpassen, kann solche Mehrwerte nicht erreichen. Wir kehren das Bild um, das dauert aber ein bisschen länger.
FK: Genau. Die lange Zeit, die dieser Prozess schon dauert, führt auch zu Schwierigkeiten. Manchmal wechseln die Ansprechpersonen in den beteiligten Projekten und dann kostet es viel Energie, alle Leute wieder auf einen Punkt zu bringen. Aber das macht riesigen Spaß, auch, weil man dadurch bereits Er­arbeitetes nochmal überdenken kann. Es ist wichtig, dass wir viel kommunizieren und gemeinsam erarbeiten, weil dann auch das Verständnis für Umplanungen größer wird. Beispielsweise stehen wir gerade vor der Herausforderung, was mit einer großen Bürogemeinschaft, die gern zusammenbleiben will, passieren soll, weil sie in ihren jetzigen Räumen nicht bleiben können. Mit denen kommunizieren wir frühzeitig, damit sie Verständnis haben: Ich muss mich verändern, damit du dich verändern kannst. Das ist ein großer Gewinn.↓
Inzwischen plant ihr sogar bauliche Veränderungen. Wie sieht der Gestaltungsprozess aus?
FM: Da muss man in der Geschichte ein bisschen zurückgehen. Warum gibt es diesen Prozess? Wir müssen, da wir Fördergelder in Anspruch nehmen, zur städtebaulichen und architektonischen Qualitätssicherung ein konkurrierendes Verfahren durchführen. Aus unserer Sicht würde aber eine solche Vorgehensweise zuwider den Interessen und dem Charakter des Projektes sein, diesem langsam entstandenen Humus, den wir für ganz essenziell halten. Wir würden wachsen, wachsen, wachsen, wie ein kleines Pflänzchen und dann würde ein Pflasterstein obendrauf gesetzt werden, das Pflänzchen wäre tot. Deswegen haben wir uns lange mit der Architektenkammer und der Stadt Kiel auseinandergesetzt und haben ein Verfahren entwickelt, das uns ermöglicht, kooperativ mit drei eingeladenen Architekturbüros einen Entwurf für die Alte Mu ­herauszuarbeiten – transparent und die ganze Zeit öffentlich.
Es klingt so, als wäre die Stadt euch gegenüber sehr wohlgesonnen. War das schon immer so?
FK: Ich glaube, wir haben uns mittlerweile gegenseitig kennengelernt. Ein aktuelles Beispiel: Bei der Dachgartenplanung sind wir ins Stocken geraten, weil man uns sagt, dass sie wegen des Denkmal- und Lärmschutzes nicht möglich ist. Das wird ein Thema in der anstehenden Ideenwerkstatt, wo wir eine Lösung finden wollen, weil die Stadt ja auch da sein wird. Wenn wir zu solchen Problemen kommen, fragen wir beharrlich nach dem Warum, bis wir es selbst verstanden haben oder bis wir einen gemeinsamen Kompromiss gefunden haben.
FM: Wir haben immer politische Ziele abgesteckt und unser Handeln damit untermauert. Zum Beispiel: Was hat das, was wir tun, mit dem Gemeinwohl zu tun? Dadurch hatten wir immer eine gute Argumentationsgrundlage gegenüber der Stadtverwaltung und der Politik. Wir mussten dann eigentlich nur noch Wege mit der Verwaltung finden – entweder zu einem Kompromiss, einer Rebellion oder zum Einverständnis. Inzwischen hat die Alte Mu so viele Impulse in die Stadt gegeben, dass wir gut miteinander reden können. Aber anfänglich hatten wir hatten auch sprachliche Barrieren. Nicht nur intern, auch mit der Stadt. Was bedeutet denn eigentlich „privatrechtliche Zustimmung“? Inzwischen ist dieses Wörterbuch der Kommunikation Alte Mu ­– Stadt ziemlich dick geworden und damit können wir sehr gut arbeiten. Aber das braucht Zeit und Vertrauen und eine faire Kommunikationsebene.
Das Gespräch fand am 31. August statt. Mittlerweile sind zwei der drei Ideenwerkstätten abgeschlossen, die Jurysitzung wird Ende November folgen. Die Ergebnisse werden unter www.altemu-eg.de zu sehen sein.

Friederike Kopp studierte Kunstgeschichte und Germanistik an der CAU Kiel. Seit 2015 ist sie in diversen Funktionen in der Alte Mu tätig: Kulturarbeit im Fahrradkinokombinat e.V., Vorstandsarbeit im Alte Mu Impuls-Werk e.V., Projekt- und Kulturmanagement im Planungsbüro für Urbane Transformation GmbH. Aktuell betreibt sie das Community-Management für die Alte Mu und ist an der Projektentwicklung in der Urbane Impulse GmbH beteiligt. Seit April 2021 ist sie Teil des Vorstands der Alte Mu eG.

Florian Michaelis ist aktives Mitglied des Alte Mu Impuls-Werk e.V. und gründete 2017 das Büro graadwies transformative Architektur & Stadtentwicklung, das Teil der Alten Mu ist. Zur Professionalisierung der Projektentwicklung der Alten Mu gründetet er gemeinsam mit anderen die "Planungsbüro für Urbane Transformation GmbH". Außerdem ist er Mitbegründer der Alte Mu eG und der Urban Beta UG zur Erforschung nomadischer Quartiere zur Bekämpfung der Wohnungsknappheit (Zukunft Bau).

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